Neue Studie will hohe Qualifikation der Flüchtlinge belegen

23. September 2016, 20:00
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"Positive Selektion": Migranten sind besser gebildet als die Gesamtbevölkerung im Herkunftsland

Wien – Eine neue Studie scheint die kontroversen Ergebnisse des AMS-Kompetenzchecks vom Jänner dieses Jahres zu bestätigen. Demnach sind die im Rahmen der großen Flüchtlingsbewegung vor einem Jahr nach Österreich gekommenen Migranten grosso modo gut gebildet. Bei der Erhebung durch das Arbeitsmarktservice handelte es sich um bereits asylberechtigte Personen, sie waren also schon länger hier.

Durchgeführt hatte die laut den Autoren erste mitteleuropäische Studie zu dem Thema, die in der Fachzeitschrift Plos One veröffentlicht wurde, das Wittgenstein Centre, beim Projekt waren das Laxenburger IIASA, die Wirtschaftsuniversität und die Akademie der Wissenschaften dabei gewesen. Der Anteil von Akademikern und Personen mit Fachmatura liegt demnach bei 26 Prozent und damit – bei allen Unterschieden der Ausbildungsqualität – fast so hoch wie in Österreich. Bei Afghanen ist der Prozentsatz viel niedriger, bei Irakern und Syrern höher.

DiSPAS ist der Name der Untersuchung und steht für Displaced Persons in Austria Survey. Beim blauen Feld (Postsekundar) sind HTL- und HAK-Matura gemeint.

Die Studie geht noch einen Schritt weiter: Sie vergleicht die Qualifikation der Migranten mit jener in ihrer früheren Heimat. Und hier zeigt sich, wie Projektleiterin Isabella Buber-Ennser im Standard-Gespräch erläutert, ein gravierender Unterschied: Die Flüchtlinge seien "weitaus höher gebildet als die Gesamtbevölkerung ihrer Heimatländer".

Eine Fachmatura (HTL, HAK) oder einen akademischen Grad haben beispielsweise zehn Prozent aller Syrer, aber 27 Prozent der syrischen Flüchtlinge in Österreich. Ähnlich verhält es sich bei der Sekundarstufe II (AHS, BHS, Lehre). Und auch bei Afghanen wurde eine deutlich höhere Qualifikation der Flüchtlinge gegenüber der Gesamtbevölkerung festgestellt. "Die weit verbreitete öffentliche Annahme, Asylsuchende und Geflüchtete seien ungebildet oder gar Analphabeten konnte in unseren Befragungen nicht bestätigt werden", so Buber-Ennser.

Auch die hohen Kosten der Flucht – meist mehr als zehn Jahreseinkommen – sprechen laut Autoren dafür, dass die Asylsuchenden "positiv selektiert" seien. Buber-Ennser sieht in den Migranten "viel Humankapital", mit dem die Eingliederung in den Arbeitsmarkt gelingen sollte.

Hier ein Vergleich der Bildungsabschlüsse der Flüchtlinge mit jenen in Österreich. Auch hier sind beim blauen Feld (Postsekundar) HTL- und HAK-Matura gemeint.

Allerdings basieren die Ergebnisse auf Befragungen, Zeugnisse wurden nicht verlangt. Das wäre bei Flüchtlingen kaum möglich gewesen und hätte die 528 in sieben Notquartieren in und um Wien geführten Interviews gestört, heißt es. Die Personen sind laut Untersuchung im Wesentlichen repräsentativ für den Flüchtlingsstrom des Vorjahres. 82 Prozent der Befragten waren Männer.

Die Grafik vergleich den Bildungsgrad der Migranten mit dem der Gesamtbevölkerung des Herkunftslandes.

Eruiert wurden auch Wertehaltungen bezüglich Religion, Geschlechtergleichheit usw. So meinte gut die Hälfte der Befragten, dass "Männer mehr Anspruch auf einen Job haben als Frauen", wenn es an Arbeit mangelt. Beim Thema Religiosität spricht Buber-Ennser von ähnlichen Ergebnissen wie bei Befragungen von Österreichern.

Die Erhebungen zeigten, dass die Flüchtinge nicht nur gut gebildet seien, sondern "wenig traditionelle Werteinstellungen vertreten und überwiegend aus Familien der Mittelschicht stammen", erklärten Buber-Ennser und Co-Autorin Judith Kohlenberger zur Studie. (as, 24.9.2016)

  • Vor gut einem Jahr setzt die Flüchtlingsbewegung nach Österreich voll ein.
    foto: apa/herbert p. oczeret

    Vor gut einem Jahr setzt die Flüchtlingsbewegung nach Österreich voll ein.

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