"Sacre": Frühlingsopfer mit Gewitter

23. September 2016, 17:04
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Das Festspielhaus Sankt Pölten eröffnet seine neue Saison mit dem großen, dreiteiligen Tanzabend von Sasha Waltz

St. Pölten – Wer wissen will, wie jene Choreografin arbeitet, um die jüngst in Berlin ein heftiger Streit ausgebrochen ist, hat jetzt die Chance. Zu Saisonbeginn zeigt das Festspielhaus St. Pölten den dreiteiligen Abend Sacre von Sasha Waltz. Die Livemusik (Debussy, Berlioz, Strawinsky) kommt von den Tonkünstlern.

Zum Berliner Gewitter: Vor zwei Wochen wurde die Tanztheater-Choreografin berufen, ab 2019 zusammen mit Johannes Öhman die Leitung des Berliner Staatsballetts zu übernehmen. Als Nachfolgerin von Nacho Duato, der dieses Amt erst seit zwei Jahren innehat, sich aber nicht etablieren konnte. Öhman, Direktor des Royal Swedish Ballet, wird ironisch als "gehobene Mittelklasse" eingestuft, und Waltz ist definitiv keine Ballettchoreografin.

Das Ensemble der Compagnie ging auf die Barrikaden. Das ist so beeindruckend wie nachvollziehbar. Steht doch das Tanztheater, wie es Waltz in der Tradition von Pina Bausch repräsentiert, gegen das Ballett. Zudem will Sasha Waltz nebenher ihre eigene Gruppe weiterführen.

Zuständig für die Personalie ist Berlins Bürgermeister – zugleich Kultursenator – Michael Müller, der jahrelange Querelen um die Finanzierung der kostspieligen Waltz-Truppe aus der Welt schaffen und sich ein paar Stimmen mehr im Wahlkampf sichern wollte. Müller hat da nicht nur Inkompetenz in Sachen Tanz bewiesen, sondern jetzt neben der Aufregung um die Volksbühne und das Berliner Ensemble noch einen Kulturstreit im Nacken.

Die Struktur des Sacre-Abends im Festspielhaus wirkt wie eine Dramaturgie dieser Malaise: Müller hat sich ein Solo à la L’Après-midi d’un faune gestattet, aber die "Scène d’Amour" zwischen ihm und Waltz führte zu einem herbstlichen Sacre, denn die Ballett-Compagnie fühlt sich als Opfer. Ein beeindruckender Abend steht bevor. (Helmut Ploebst, 23.9.2016)

  • Sasha Waltz und Gäste eröffnen die Tanzsaison in St. Pölten. U.a. mit dem Solo "L‘Après midi d‘un faune".
    foto: bernd uhlig

    Sasha Waltz und Gäste eröffnen die Tanzsaison in St. Pölten. U.a. mit dem Solo "L‘Après midi d‘un faune".

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