Ein Kampf um Wien

Kolumne23. September 2016, 17:00
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Wien ist wieder Einwanderungsstadt, wie vor etwas mehr als 100 Jahren

Einige Kennzahlen zu Wien: Die Stadt hat derzeit 1,84 Millionen Einwohner, bis 2029 werden die zwei Millionen erreicht sein.

Derzeit haben rund 50 Prozent der Wiener einen "Migrationshintergrund" (entweder selbst oder mindestens ein Elternteil im Ausland geboren). Derzeit haben 27 Prozent einen nicht-österreichischen Pass, 34 Prozent sind im Ausland geboren.

Nach dem Kriterium "Herkunft" (entweder im Ausland geboren oder ausländischer Staatsbürger) leben in Wien 250.000 Personen aus (Süd-) Osteuropa, 75.000 Türken, 55.000 Deutsche und 100.000 Asiaten. Die bereits eingebürgerten früheren Ausländer sind da nicht enthalten.

Nach einer Studie der Akademie der Wissenschaften wird in dreißig Jahren nur noch ein Drittel der Wiener katholisch sein, der Anteil der Muslime wird sich dann von derzeit zwölf auf 21 Prozent beinahe verdoppeln.

Inzwischen haben mehr als zwei Drittel der Haupt- und Mittelschüler eine andere Muttersprache als Deutsch.

Wien ist wieder Einwanderungsstadt, wie vor etwas mehr als 100 Jahren.

Das ist im Alltag, in den Lokalen, öffentlichen Verkehrsmitteln, in Wohnvierteln unübersehbar. Es spaltete die bisher dominierende Partei Wiens, die SPÖ. Die Spannung zwischen den "Flächenbezirken" mit hohem proletarischem Bevölkerungsanteil und den Innenbezirken mit einer eher bürgerlich-liberalen Bevölkerung bricht immer wieder auf und kann vom Bürgermeister nur mühsam unter Kontrolle gehalten werden. Die rechten Sozialdemokraten aus den Flächenbezirken sehen ihr Heil in einer Anlehnung an die harte rechte Politik der FPÖ, vielleicht sogar in einer Koalition. Der liberalere Flügel der SPÖ, der an die Koalition mit den Grünen glaubt, hält das für fatal. Ein Kampf um Wien innerhalb der SPÖ.

Der größere Kampf um Wien ist jedoch die Frage, wie Wien mit seinem Status als Migrationszentrum und den daraus folgenden Problemen – nicht zuletzt der politischen Radikalisierung – umgeht. Wenn man nicht annimmt, dass unzufriedene Türken massenhaft zurückkehren wollen, wenn man ihnen nur Geld gibt (was eine Umfrage der Erdogan-nahen UEDT suggeriert), dann bleibt nur der Weg der Integration und sogar der Assimilation. Das bedeutet, Wien muss sehr viel mehr Geld in Bildung stecken, es muss für schlecht ausgebildete Jugendliche Beschäftigung – im doppelten Wortsinn – schaffen.

Die SPÖ will das Geld dafür mit Erhöhung von Gebühren und (angedacht) Steuern hereinbringen (etwa einer höheren Grundsteuer). Das muss aber von einer Reduktion üppiger Ausgaben und Privilegien begleitet werden.

Die Zuwanderungsdynamik in Wien ist ein Faktum, das mit rechtspopulistischem Krawall nicht zu bewältigen ist. Derzeit produziert Wien zu viele junge Menschen mit schlechter Ausbildung. Zu viele davon sind Migrantenkinder. Massenbeschäftigung bei einfachen Tätigkeiten in Großbetrieben hat stark abgenommen. Gleichzeitig wird Wien aber zu einer Stadt innovativer Kleinbetriebe, der Selbstständigen im Dienstleistungsbereich. Dafür muss man die Potenziale junger Leute, auch mit Migrationshintergrund, besser entwickeln. So ist der Kampf um Wien zu gewinnen. (Hans Rauscher, 23.9.2016)

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