Julia Jentsch: "Manchmal gibt es keine eilfertige Lösung"

Interview24. September 2016, 12:00
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In dem Film "24 Wochen" muss eine Frau entscheiden, ob sie ihr Kind mit schwerer Behinderung bekommen will oder nicht. Die Schauspielerin über die Konflikte und Tragweite einer schwierigen Rolle

Wien – Es gebe Entscheidungen, die kann man nur fällen, wenn man zu ihnen gezwungen wird, heißt es an einer Stelle in Anne Zohra Berracheds Film 24 Wochen. Hier lautet sie: Soll man sich zu einer Spätabtreibung eines Kindes mit schwerer Behinderung entschließen? Wo setzt man bei einer solchen Entscheidung überhaupt an? Die Frage treibt das betroffene Ehepaar (Julia Jentsch und Bjarne Mädel) mehr und mehr auseinander, anstatt es zu einen. Die Frau muss sie letztlich für sich alleine beantworten. Berracheds Film, der sich um Nüchternheit bemüht, ohne sich von instruktiven Szenen ganz befreien zu können, wurde schon auf der vergangenen Berlinale lebhaft diskutiert. Er macht ein ethisches Dilemma greifbar, indem er sich auf eine Erfahrung einlässt, die wiederum Julia Jentsch intensiv zu vermitteln versteht.

foto: filmladen
Ein Paar, das durch die Folgen der Pränataldiagnose ihres Babys auseinander zu driften droht:
Julia Jentsch und Bjarne Mädel in Anne Zohra Berracheds Film "24 Wochen".

STANDARD: Die Spannung von "24 Wochen" liegt darin, dass der Film eine persönliche Geschichte erzählt, die aber auch eminent gesellschaftspolitisch ist. Wie haben Sie diese beiden Pole wahrgenommen?

Jentsch: Dass es sich um ein Thema handelt, das viele betreffen kann, war mir klar. Wie es sich individuell von Fall zu Fall verhält, ist mir aber erst durch die Vorarbeit zum Film richtig bewusst geworden. In der Recherche habe ich mit Frauen und Paaren gesprochen, die mit ähnlichen Diagnosen konfrontiert waren. Jedes Schicksal war ganz eigen, abhängig von der jeweiligen Situation der Familie, der Frau und natürlich auch der Diagnose. Auch durch Freunde und Bekannte, denen ich vom Thema des Films erzählt habe, tauchten Geschichten auf. Viele kannten jemanden, der etwas Ähnliches erlebt hat. Oft wusste ich gar nichts davon, weil in der Regel ja auch nicht darüber gesprochen wird.

STANDARD: Das An-die-Öffentlichkeit-Gehen spielt auch im Film eine Rolle. Astrid entscheidet sich, ihre Entscheidung bekannt zu geben. Ein wichtiger Schritt?

Jentsch: Für Anne Zohra Berrached war es vor allem ein wichtiger Aspekt. Es ist auch für die Entwicklung der Figur von Bedeutung. Am Anfang des Films erzählt Astrid in den Interviews ja wenig über ihr Privatleben und flippt dann auch einmal richtig aus, als Informationen durchsickern. Dass sie sich schließlich doch zu diesem Schritt entscheidet und ein für sie so persönliches Thema öffentlich macht, ist auch ein Zeichen: dafür, dass sie sich öffnet, dass man darüber reden, sich austauschen soll.

STANDARD: Man steht vor zwei Optionen, und beide sind unglaublich besetzt. Wie fühlt man sich in eine solche Situation ein?

Jentsch: Letztendlich ist es eine Entscheidung, die getroffen werden muss, weil es anders gar nicht geht. Doch weil die Folgen so wahnsinnig sind, ist es auch keine Entscheidung, auf die Erleichterung folgt. Es bleibt lebenslang so. Ob es positiv oder weniger positiv ausgeht, das weiß man in diesem Moment überhaupt nicht. Von dieser Zeit danach erzählt der Film zwar nicht, aber er deutet an, dass es mit der Entscheidung Astrids nicht zuende ist. Ihr Schicksal, ihr Leben, ihre Partnerschaft, ihre Beziehung zum anderen Kind, alles wird davon mitbeeinflusst.

STANDARD: Auf der Berlinale haben Sie erwähnt, Sie hätten sich aufgrund der Gewichtigkeit des Themas anfangs Sorgen gemacht.

Jentsch: Ich habe mich gefragt, was der Stoff aus mir machen wird. Damals dachte ich: tolles Drehbuch, wichtige Geschichte, aber: Uff, muss das sein? Gleichzeitig hat es mich nicht losgelassen. Den Ausschlag hat dann die Begegnung mit der Regisseurin Anne gegeben, als ich genauer erfahren konnte, wie sie arbeitet. Wenn man sich auf eine solche Reise begibt, muss man es gut miteinander aushalten können. Ich schätze auch am Film, dass es ein Gegengewicht gibt. Es geht auch ums Familienleben, um die Paarbeziehung, um leichte Momente. Ich finde, so ist es gut, so kann man sich das gut anschauen.

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STANDARD: Wie kam es zu den Szenen mit den richtigen Ärzten und Hebammen im Film?

Jentsch: Das ist Annes Arbeitsweise, Natürliches, Authentisches ist ihr sehr wichtig. Sie ist eine gute Beobachterin und schafft es, eine kreative Atmosphäre zu erzeugen. Als Schauspieler fühlt man sich aufgehoben. Sie probiert auch gerne aus, wenn am Set andere Ideen kommen. Bei den Szenen mit den Fachpersonen habe ich mich aber durchaus gefragt, wie das funktionieren kann.

STANDARD: Hat das etwa bei der Arztszene auf Anhieb funktioniert?

Jentsch: Da wussten die Ärzte, dass nun gleich ein Paar zu ihnen kommen wird, mit einer bestimmten Diagnose. Wir kannten nur einen möglichen Text. Und dann ging’s los – ein bisschen konnte man dazwischen steuern, indem man Fragen stellte oder auch widersprach. Es war faszinierend und hat wohl auch deshalb funktioniert, weil Anne lange gecastet hat und Leute ausgewählt hat, die sich durch Kameras nicht irritieren lassen.

STANDARD: Haben Sie untereinander auch über die politische Implikationen diskutiert, also etwa darüber, wie Pränataldiagnostik verwendet wird, eine bestimmte Norm durchzusetzen?

Jentsch: Auch solche Fragen standen im Raum. Man weiß in der Medizin so viel, es gibt immer mehr Möglichkeiten. Freiheiten bergen auch neue Fragestellungen und Schwierigkeiten. Es ist ja in vielen medizinischen Bereichen ein Thema, wie man mit dem Mehrwissen umgehen soll. Der Mensch muss mit seinen eigenen Idealen und Wertvorstellungen schlussendlich entscheiden, was er damit tun will. Die eine Frage ist, was das Gesetz erlaubt; die andere, was gesellschaftlich eingebracht wird. Was haben wir für Vorstellungen im Kopf? Wie gehen wir mit dem Leben um, oder mit Menschen, die nicht so leistungsstark sind wie andere?

STANDARD: Haben Sie damit gerechnet, dass der Film polarisieren wird?

Jentsch: Dass man an Vorstellungen und Werte stößt, sich Menschen provoziert oder falsch verstanden fühlen können, das haben wir schon gesehen. Aber das muss man in Kauf nehmen – es wäre kein Grund, den Film nicht zu machen. Das Ideal war, dass der Film zu einem Austausch, zur Auseinandersetzung führt. Manchmal gibt es keine eilfertige Lösung. Die größere Qualität liegt darin, offen zu bleiben und nicht so schnell zu urteilen oder zu verurteilen. Man muss an einem Menschen auch wahrnehmen können, was er für sich selbst für möglich hält, sich zutraut.

STANDARD: Das Paar im Film scheitert allerdings an diesem Dialog.

Jentsch: Im Idealfall geht es darum, einen gemeinsamen Weg zu finden. Natürlich muss man den Partner, der das Kind nicht in sich trägt, berücksichtigen. Die Entscheidung müssen beide tragen, und trotzdem gibt es einen Punkt – wenn es diesen gemeinsamen Weg nicht mehr gibt –, wo sich in letzter Konsequenz die Frau entscheiden muss, weil es ihr Körper ist und sie sich einer Gefahr aussetzt.

STANDARD: Seit Sie selbst Mutter geworden sind, haben Sie sich ein wenig rarer gemacht. Was hat sich an Ihrer Rollenauswahl geändert?

Jentsch: Da dies so kontinuierlich verläuft, ist es schwer, so etwas über sich selber zu sagen. Aber natürlich interessieren mich mit dem Älterwerden nun andere Themen als vor zehn Jahren. Trotzdem gibt es weiterhin eine Offenheit. Es ist jetzt nicht so, dass sich mein Leben auf ein Thema oder eine Richtung zugespitzt hat. Doch das Interesse verlagert sich, schon allein dadurch, dass man manche Rollen nun eher spielen kann, während man für andere nicht mehr in Frage kommt. (Dominik Kamalzadeh, 24.9.2016)

Julia Jentsch (38) war u.a. an den Münchner Kammerspielen engagiert. Ihre erste große Filmrolle hatte sie in "Die fetten Jahre sind vorbei", für "Sophie Scholl – Die letzten Tage" wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

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