Profiler: "Dem Bösen ein bisschen näher kommen"

25. September 2016, 09:00
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In "Protokolle des Bösen" stellt A&E Gespräche des Profilers Stephan Harbort mit Serienmördern nach. Wie Killer reizen und Fernsehen beeinflusst

STANDARD: "Protokolle des Bösen" stellt Gespräche zwischen Ihnen und Serienmördern nach. Sie spielen sich selbst. Wie war es die Situationen noch einmal zu erleben?

Harbort: Teilweise schon ein wenig belastend. Die Gespräche stellen immer auch eine emotionale Herausforerung dar und verliefen nicht immer so, wie ich mir das vorstellte. Die Kammerspielsituation hat etwas sehr Persönliches. Man kommt sich sehr nahe.

a&e – be original

STANDARD: Sie wurden wohl auch mit eigenen Fehlern konfrontiert: Was haben Sie gelernt?

Harbort: Das ist tatsächlich unangenehm, wenn ich mich zwanzig Jahre zurückversetzen und meine anfänglichen Unzulänglichkeiten öffentlich machen muss. Das gehört aber dazu. Bei meinem ersten Interview hatte ich es mit einem Psychopaten aus dem Lehrbuch zu tun, der mich sieben Stunden vor sich hertrieb. Der Mann saß im Hochsicherheitstrakt in Einzelhaft und sprach immer von Abschiedsvorstellungen, die er geben wollte, also Wärter umbrignen und so weiter. Es war auch nicht klar, was er von mir wollte. Ich hatte von ihm eine Postkarte bekommen, darauf standen drei Sätze, und die endeten mit der Frage: Wollen Sie nicht mal vorbeikommen? Was er letztlich wirklich wollte, war mir lange nicht klar. Ich habe aus dieser Begegnung viel gelernt.

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"Protokolle des Bösen: Uwe Ochsenknecht spielt den Oma-Killer" (EA: 24.9. um 21.50 Uhr)

STANDARD: Klingt wie "Das Schweigen der Lämmer". Vermessen?

Harbort: Dieser Bezug ist einerseits schwierig, weil wir über einen Film sprechen. Aber gerade bei diesem Gespräch hatte ich nach drei Stunden das Gefühl, dass die Vorstellung, die ich hier dargeboten bekam, das ist, was wir das Böse nennen. Ich kann bis heute kaum in Worte fassen, was ich da erlebte. Einerseits war ich erschrocken, bin aber auch dankbar über die Erfahrung.

STANDARD: Wie haben sich die Schauspieler verhalten?

Harbort: Alle waren sehr professionell vorbereitet und konnten sich schnell in die Rolle einfinden. Fritz Wepper schätzte das Neue an dem Format: Dass er keinen fiktiven Text hat und somit auch nur beschränkte künstlerische Entfaltungsmöglichkeiten. Er sagte, so schwer sei ihm eine Rolle noch nie gefallen und fast alle erzählten danach, dass es einige Wochen gebraucht habe, um ihre Figur wieder loszu werden. Die Erfahrung kann ich übrigens teilen. Mir hat das Kammerspiel schnell Spaß gemacht, weil man sich menschlich näher kommt. Tolle fünf Drehtage.

STANDARD: Wie haben die verurteilten Mörder reagiert, von denen Sie aus rechtlichen Gründen Zustimmung einholen mussten?

Harbort: Eher zurückhaltend, weil gerade diese Täterinnen und Täter mit Medien schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ich habe Beziehungen über viele Jahren aufgebaut und an oberster Stelle steht gegenseitiges Vertrauen. Ich kläre jeweils über die positiven und negativen Konsequenzen auf.

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"Protokolle des Bösen: Sven Martinek spielt den Psycho" (EA: 1.10. um 21.50 Uhr).

STANDARD: Worin besteht der Reiz, Serienmörder zu erforschen?

Harbort: Bei mir persönlich ist es kriminalistische Neugier. Ich war vor 25 Jahren zum ersten Mal als Kriminalstudent mit einem Serienmord befasst. Das war eine besondere Erfahrung. Mich machte die Gleichgültigkeit, die merkwürdige Sachlichkeit betroffen, mit der der Mann die Tötungsdelikte vortrug, und ich stellte mir die Frage: Was sind das für Leute? Bis auf einige Ergebnisse des FBI gab es bis dahin keine eigene Forschung, und ich entdeckte Neuland. Das hat mich gereizt. Was andere daran so spannend finden, hängt wahrscheinlich mit dem Unverständnis zusammen, dass ein Serienmord so andersartig ist. Da möchte man schon wissen, was dahinter steckt. Hinzu kommt, dass Serienmörder in populären Medien in einer Art und Weise dargestellt werden, die der Realität überhaupt nicht entspricht, aber die Figur als solche als sehr spannend erscheinen lässt – charismatisch, gewitzt, hochintelligent. Dann entsteht beim Zuschauer ein Zerrbild dieser Klientel. Dieser Mechanismus reizt die Neugier, dem Bösen ein bisschen näherzukommen.

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"Protokolle des Bösen: Michaela May spielt den Todesengel" (EA: 8.10. um 21.50 Uhr).

STANDARD: Hat die fiktionale Darstellung von Serienmorden Ihre Arbeit jemals beeinflusst: Ein Täter, der sich auf konkrete TV-Serien oder Filme bezog?

Harbort: Das kann ich bestätigen, weil ich in den Gesprächen nach der Vorgehensweise frage. Dann kommen schon Antworten wie: Naja, das kennt man ja aus dem Fernsehen. Es gibt von Fall zu Fall einen Transfer. Dass Täter bewusst kriminalistische Lehrbücher lesen, um sich handwerklich besser auf ihren Mord vorzubereiten, habe ich persönlich noch nicht erlebt. Aber das gibt es natürlich auch.

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"Protokolle des Bösen: Detlef Bothe spielt den Sexmörder" " (EA: 15.10. um 21.50 Uhr).

STANDARD: So, dass zum Beispiel eine Serie wie "Die Protokolle des Bösen" zur Inspiration für den nächsten Serienmord wird?

Harbort: Einerseits trifft das zu. Ich kenne zahlreiche Fälle, wo Täter sich von Medien inspirieren ließen. Das ist der Thriller in gedruckter Form, das kann ein Kriminalfilm sein, ein Wildwestfilm genauso aber auch wissenschaftliche Fachartikel. Da könnte man schon sagen: Die Medien sind dafür verantwortlich, dass solche Taten passieren. Auf der anderen Seite haben wir es in der Regel mit einer hochpathologischen Persönlichkeit zu tun, die sich anders inspiriert hätte, wäre dieses mediale Ereignis nicht passiert. Der mediale Reiz ist nicht die Ursache, sondern maximal der Auslöser.

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"Protokolle des Bösen: Fritz Wepper spielt die Bestie" (EA: 22.10. um 21.50 Uhr).

STANDARD: Es ist aber doch eine Gratwanderung – zwischen Kunst, Report und purem Voyeurismus?

Harbort: Das war ja auch das Konzept dieser Sendereihe. Wir legten größten Wert darauf, dass wir hier nicht ein künstliches Produkt schaffen. Wir legen größten Wert auf Authentizität. Wir unterliegen nicht der Versuchung, unterhalten zu wollen. Deshalb gibt es Sequenzen, in denen ich Fragen und Antworten einordne.

STANDARD: Wollen Sie unterhalten oder informieren?

Harbort: Aufklären. Dass dabei Unterhaltung mitschwingt, liegt in der Natur der Sache.

STANDARD: Es gibt ja das beruhigende Moment des Fernsehkrimis. Im Fall der "Protokolle des Bösen" ist der Täter gefasst, ich kann die Geschichte aus der Ferne genießen.

Harbort: Der Unterschied ist bei uns eben der reale Hintergrund. Wir sagen: Du, lieber Zuschauer, hast nun die Möglichkeit an dieser Situation teilzunehmen, lass dich darauf ein oder schalte ab. (Doris Priesching, 25.9.2016)

Stephan Harbort (52) traf als Kriminalkommissar mehr als 50 verurteilte Serienmörder. Er tritt im TV auf, schreibt Bücher ("Der klare Blick"). Serienmörder spielen in den 30-minütigen Episoden an den nächsten fünf Samstagen Uwe Ochsenknecht, Sven Martinek, Michaela May, Detlef Bothe und Fritz Wepper.

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