Syrien: Laut Militärkreisen auch Bodenoffensive in Aleppo

23. September 2016, 13:31
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Eine Verlängerung der Waffenruhe ist gescheitert, erneut beginnen schwere Kämpfe – Fragen und Antworten zur Lage im Bürgerkriegsland

Damaskus – Nach dem Zusammenbruch der Waffenruhe sind die Kämpfe in Syrien wieder aufgeflammt. Zentrum der Kampfhandlungen ist derzeit Aleppo.

Wo in Syrien wird gekämpft?

Vor allem in der geteilten Stadt Aleppo im Norden ist die Gewalt seit Anfang der Woche mehr und mehr eskaliert. Die Angriffe auf Aleppo beinhalten derzeit auch eine Bodenoffensive. Seit Donnerstabend hat das syrische Militär Luftschläge gegen die Stadt geflogen. Auch östlich von Damaskus liefert sich das Regime immer wieder heftige Kämpfe mit Rebellen aus der Region Al-Ghuta. Die Aufständischen dort beschießen die Hauptstadt regelmäßig. In weiten Teilen des Landes müssen die Rebellen Luftangriffe fürchten – zum Beispiel in der nordwestlichen Provinz Idlib. Im Norden und Osten Syriens ging der Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auch während der Feuerpause weiter. Der IS verübt fast überall im Land Anschläge.

Gibt es auch kampffreie Zonen?

In der aufwendig gesicherten Hauptstadt Damaskus ist es meistens ruhig. Auch das Kernland von Machthaber Bashar al-Assad, Latakia an der Mittelmeerküste, ist bisher von Kämpfen verschont geblieben. Dort leben vor allem Angehörige der religiösen Minderheit der Alawiten, zu der auch Assad gehört.

Wie ist die Lage in Aleppo?

Aleppo, das als wichtigstes Schlachtfeld in dem fünfeinhalb Jahre dauernden Bürgerkrieg gilt, ist dieser Tage so heftig umkämpft wie vielleicht nie zuvor. Das syrische Regime hat eine Offensive zur Eroberung des von Rebellen gehaltenen Ostteils der Stadt angekündigt. Hunderte Luftangriffe trafen Aktivisten und Beobachtern zufolge am Donnerstag und Freitag die Stadt. Aktivist Baha al-Halabi sagte: "Sie benutzen sehr gewaltige Raketen. Der Boden unter unseren Füßen zittert und bebt."

Aleppo stehe nach dem Einschlag von Brand- und Streubomben in Flammen, berichtete al-Halabi weiter. Die Angaben konnten zunächst nicht überprüft werden, Menschenrechtsorganisationen hatten in der Vergangenheit aber den Einsatz entsprechender Waffen kritisiert. Ein Bewohner der Stadt erzählte, dass die Menschen nicht einmal mehr in Schutzräumen sicher seien. Neue Waffen würden auch diese zerstören.

Wer kämpft in Aleppo eigentlich genau?

Das syrische Regime kontrolliert mit seinen Verbündeten – unter anderem Russland und der Iran – den Westteil der Stadt und hält auch Gebiete außerhalb der Stadtgrenzen, so dass die Rebellen im Osten Aleppos belagert sind. Die eingeschlossenen Kämpfer gehören einem weiten Spektrum von extremistischen, islamistischen bis hin zu moderaten Gruppen an. Einige werden auch von den USA unterstützt. Genauso wie die kurdischen Kämpfer, die einige Viertel im Norden der Stadt kontrollieren.

Wer hat Einfluss auf Informationen aus dem Bürgerkriegsland?

Nahezu alle Quellen sind ideologisch gefärbt und kommen von Konfliktparteien. Den staatlichen syrischen Medien, die von Machthaber al-Assad kontrolliert werden, stehen Hunderte Medienaktivisten der Rebellen gegenüber. Eine unabhängige Überprüfung ihrer Berichte ist nicht immer möglich. Auch die Terrormiliz IS hat eine ausgeklügelte Propaganda-Maschinerie.

Als eine der belastbarsten Quellen gilt die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die ihre Informationen aus einem Netz von Informanten vor Ort bezieht. Obwohl die Menschenrechtler zum oppositionellen Spektrum gehören, haben sich ihre Informationen in der Vergangenheit als verlässlich erwiesen.

Ist eine Rückkehr zur Waffenruhe möglich?

Das ist ungewiss. Die Stimmung zwischen den USA und Russland ist nach einem Bombardement der US-Streitkräfte auf eine Stellung der syrischen Armee und dem Angriff auf einen UN-Hilfskonvoi, bei dem 21 Menschen starben, schlecht. Die Außenminister John Kerry und Sergej Lawrow schieben sich gegenseitig die Schuld am Zusammenbruch der Waffenruhe zu. Die eskalierende Gewalt in Aleppo deutet nicht darauf hin, dass das Regime und seine Verbündeten an der Beruhigung des Konflikts interessiert sind.

Gibt es eine Chance für Flugverbote?

Es gilt als unwahrscheinlich, dass Russland auf Kerrys Forderung eingeht, ein generelles Flugverbot für die syrische Luftwaffe zu erlassen. Ein weiterer Vorschlag Kerrys sieht vor, dass in bestimmten Regionen Syriens nicht nur die syrische Luftwaffe, sondern auch Amerikaner und Russen auf alle militärischen Flüge verzichten sollten. Die "New York Times" zitierte ungenannte US-Sprecher, Kerry meine Regionen im Nordwesten, wo Zivilisten wie etwa in Aleppo dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Auch auf diesen Vorstoß ging Russland nicht ein.

Könnte Assad einen russisch-amerikanischen Deal torpedieren?

Russland betont immer wieder, dass sein Vorgehen mit der Führung in Damaskus abgestimmt sei. Machthaber Assad bleibt aber auch nicht viel anderes übrig, außer Ja und Amen zu den Vorgaben aus Moskaus zu sagen. Denn ohne die russische Unterstützung stünde es um das Regime schlecht. Seit dem Kriegseintritt Russlands vor einem Jahr hat sich Kremlchef Wladimir Putin von einer Randfigur zur entscheidenden Instanz für Krieg und Frieden in Syrien entwickelt.

Gibt es im Moment humanitäre Hilfe für die notleidenden Menschen?

Nach dem verheerenden Angriff auf den UN-Konvoi Anfang der Woche nahmen die Vereinten Nationen ihre Hilfslieferungen am Donnerstag wieder auf. Am Abend erreichte eine erste Lieferung mit Nahrung und Medizin den Damaszener Vorort Moadamija. In den nächsten Tagen sollen weitere Städte erreicht werden, wie der UN-Beauftragte für Nothilfe in Syrien, Jan Egeland, sagte. Das Internationale Rote Kreuz teilte mit, seine Lieferungen wahrscheinlich erst am Samstag auf den Weg bringen zu können. (APA, 23.9.2016)

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