"Das Maß der Dinge": Formbare Liebe

23. September 2016, 15:19
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Adam tut viel, um zu gefallen. Evelyn macht nur das, was sie will. Dass das nicht gutgehen kann, ist im Scala-Theater zu sehen

Evelyn (Johanna Withalm) will ein Zeichen setzen – mit roter Farbe. Als Protest gegen die Zensur von Kunst will sie eine antike Skulptur besprühen. Doch dazu kommt es zunächst nicht. Stattdessen wird die Jacke des schüchternen Museumsaufpassers Adam (Hendrik Winkler) mit ihrer Telefonnummer versehen. Das Maß der Dinge von Neil LaBute im Scala-Theater Wien (Inszenierung: Rüdiger Hentzschel) setzt sich mit dem Stellenwert von Kunst, was sie ist und wie weit sie gehen darf, auseinander. Im selben Atemzug wird verhandelt, wie sehr Menschen bereit sind, sich selbst für den anderen und mit Hoffnung auf Liebe und Zuneigung aufzugeben.

Adam und Evelyn – die Assoziation mit dem biblischen Schöpfungspaar ist durchaus angebracht – werden ein Paar, und allmählich beginnt er sich zu verändern. Durch ihren Einfluss formiert er sich immer mehr zum "perfekten" Mann, parallel dazu arbeitet die Kunststudentin an ihrem Diplomprojekt. Adam steigt immer höher im Ansehen seines Umfelds und des befreundeten Pärchens Jenny (Selina Ströbele) und Phillip (Florian Graf). Passenderweise ist die weiße Bühne dazu stufenförmig angeordnet. Die im Hintergrund ablaufende "Videoinstallation", die Adams Metamorphose dokumentiert, verleiht Ausstellungscharaker. Trotzdem stoßen Evelyns Einfluss und ihre Ansichten über Kunst nicht nur auf Zuspruch.

Vertauschte Rollen

Immer wieder wird im Stück selbst der Pygmalion-Stoff zitiert, und eine Vorahnung wird laut, wie es mit der Beziehung zu Ende gehen wird. Ausgerechnet Evelyn, die Künstlerin, versteht die Anspielungen nicht, wenn Adam sie zum Beispiel als "Henry Higgings" bezeichnet. Erfrischend neu ist an LaButes Stück, dass er die Geschlechterrollen umdreht. An die Stelle von Eliza Doolittle tritt nun Adam, der von einer Frau körperlich optimiert, frisiert und begehrenswert gemacht wird.

foto: bettina frenzel
Jenny macht sich Sorgen um ihre Beziehung und findet gleichzeitig Gefallen am neuen Adam.

Gefallen am neuen Adam findet auch Jenny, die mit ihrem Verlobten Phillip in einer Beziehungskrise steckt. Prompt werden die Partner getauscht, während Evelyn zusätzlich versucht, einen Keil zwischen die Freunde zu treiben. Sie selbst widmet ihre Zeit vollständig der Kunst, ist Oscar Wilde und dessen Bildnis des Dorian Gray verfallen und behauptet ihren Status als Künstlerin lautstark. Dafür ist sie auch bereit, Grenzen zu überschreiten.

Den anfangs schüchternen Anglistikstudenten nimmt man Hendrik Winkler nicht ganz ab, dafür reagiert er viel zu schlagfertig. Seine Wandlung macht sich dadurch nur äußerlich bemerkbar. Dennoch schaut man den vier Schauspielern gerne dabei zu, wie sie angenehm frei von übertriebenem Pathos über Kunst und Beziehungen diskutieren. Dem durchaus gelungenen Stück hätte man daher mehr Publikum gewünscht. Von den Anwesenden gab es begeisterten Applaus. (Katharina Stöger, 23.9.2016)

Bis 7. Oktober, jeweils 19.45 Uhr

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Theater zum Fürchten

  • Das Treffen zwischen Adams besten Freunden und Evelyn gerät aus den Fugen.
    foto: bettina frenzel

    Das Treffen zwischen Adams besten Freunden und Evelyn gerät aus den Fugen.

  • Evelyn besprüht die Jacke des schüchternen Adam mit ihrer Telefonnummer.
    foto: bettina frenzel

    Evelyn besprüht die Jacke des schüchternen Adam mit ihrer Telefonnummer.

  • Phillip findet, dass die Veränderungen seines Freundes etwas zu weit gehen.
    foto: bettina frenzel

    Phillip findet, dass die Veränderungen seines Freundes etwas zu weit gehen.

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