"Jeder gegen jeden": Sprachrohre in der Echokammer

23. September 2016, 13:36
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Das Aktionstheater Ensemble im Wiener Werk X

Wien – "Ich hätte lieber bei einem positiven Stück mitgemacht", jammert Isabella von der Strickleiter herunter. Irgendwas mit Elfen. Stattdessen hat die Schauspielerin eine Schweinchenhaube auf: Promojob für‘s "Bankeng’sindel" , ausgenutzt für 25 Euro am Tag. Man kann sich eben nicht aussuchen, was gerade in der Welt vor sich geht, das kommentiert gehört. Es wäre sonst nicht das Aktionstheater Ensemble von Martin Gruber, das zurzeit mit Jeder gegen jeden (Buch und Regie: Gruber) im Wiener Werk X zu Gast ist.

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Eine entsolidarisierte Gesellschaft ist das Thema. Mit ihren Klapphockern durchmessen die neun Darsteller die Bühne, halten sie mal wie zur Abwehr vor sich, stoßen damit ein andermal wie als Waffe. Das ist fein choreografiert. Abwechselnd treten aus ihnen welche vor, um ihre Episoden zu vermelden: eine Wutbürgerin, ein wuschelköpfiger Anarchist, einer, der sagt, was man alles wieder sagen darf (Neger, Jud). Dazu stimmen sie mehrere Male zu einer Art inbrünstigem Rock-Gospel an. Mit Andreas Dauböck am Schlagzeug ist die Musik ein Highlight der Produktion.

Kein Blut für Nazis

Was der Zuschauer nach eineinviertel Stunden gehört hat, hatte er wohl auch schon vorher gehört. Wer die Guten/Armen und die Bösen/Mächtigen (Oaschkonzerne, TTIPCETA) sind, ist rasch klar und daran ändert sich nichts mehr. Das Hölzchen führt zum Stöckchen und zum moralischen Zaunpfahl. Das alles ist dem Inhalt nach nicht falsch. Vorgestellt wird so aber weniger ein Stück denn ein Programm: Sprachrohre.

Witz gibt es darin vor allem als Derbheit. Mehr Aufmerksamkeit hätte stattdessen den per Summton abgehaltenen Publikumsabstimmungen gelten können: Das würde etwa einem Nazi eher kein Blut spenden. Aber solche Fragen auszuarbeiten ist diffiziler. Jeder gegen jeden ist eine Bestandaufnahme. Es mag in der Welt so zugehen, aber aus dieser Feststellung allein wächst nicht allzu viel. Großer Premierenapplaus. (Michael Wurmitzer, 23.9.2016)

  • Das Aktionstheater Ensemble in Aktion.
    foto: gerhard breitwieser

    Das Aktionstheater Ensemble in Aktion.

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