Krisenkolumne: Totenköpfe und Schweinekoben

Kolumne23. September 2016, 11:23
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Ein Lob auf das Symbolfoto

Das Schöne an Zeitungen ist, dass sie nebst Wissenwertem oft auch Gamsiges bieten. Es gibt Damen wie die zuckersüße Baunty, die selbstlos ihren blanken Busen präsentieren ("Mit der zuckersüßen Baunty würde man nur zu gerne in See stechen"). Es gibt ausgesprochen explizite Kontaktanzeigen, die lüsterne Leser über die aktuellen Laufhausbelegschaften informieren ("Neu! Geile Mongolinnen sind da!")

Und dann gibt es noch die Symbolfotos, für den Krisenkolumnisten das Schärfste überhaupt. Symbolfotos braucht man immer im Notfall, wenn etwa Herr X Herrn Y mit einem Messer (Hammer, Knüppel) traktieren sollte, ohne zuvor den diensthabenden Redakteur einer Zeitung oder Agentur über seine Absicht benachrichtigt zu haben. Hier dräut ein Informationsdefizit. Und wenn es ganz idiotisch hergeht, ist dann nicht einmal ein Leser-Reporter zur Stelle, der die Scharte auswetzen könnte!

Will man in einer solchen Situation die Öffentlichkeit blöd sterben lassen? Mitnichten. Nein, hier schlägt die Stunde des Symbolfotos! Denn wenn man schon keine Abbildung des originalen Mordsfeitls auftischen kann, so bietet sich die Abbildung irgendeines anderen Feitls, also eines Wald- und Wiesenfeitls quasi, als willkommenes Surrogat für den Leser an.

Symbolfeitel haben viele Vorteile. Erstens sind Feitelfotos leicht zu finden (einfach "Messer" googeln!). Zweitens sind Symbolfeitel ein Service für begriffstutzige Leser: Nicht jeder hat die Gabe, bei der Lektüre der Buchstabenfolge "Messer" das zugehörige Objekt fachgerecht zu visualisieren (ein paar Tschapperln stellen sich unter "Messer" einen Löffel vor). Drittens kann die Redaktion hohe ethische Kompetenz beweisen, indem sie mit offenen Karten spielt und das Symbolfoto in der Bildunterschrift ehrlich als solches ausweist ("Symbolfoto").

Am besten wäre es, wenn man die Einrichtung des Symbolfotos generell auf alle bildhaften Wendungen ausweiten würde: "Drogenfahnder hatten richtigen Riecher" (Foto: große Nase); "Kampf gegen kalte Progression" (Foto: Thermometer, Eiszapfen); "Präsidentschaftskandidaten auf Stimmenfang" (Foto: Schmetterlingsnetz); "SPD schneidet schlecht ab" (Foto: stumpfe Schere); "Leistung der Regierung unter jeder Sau" (Foto: Schweinekoben) usf. Ob das die Leser-Blatt-Bindung stärken würde? Darauf können Sie aber Gift nehmen (Foto: Phiole mit Totenkopf). (Christoph Winder, Album, 23.9.2016)

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