Absiedelungen: Wenn die Ortschaft zur Geisterstadt wird

25. September 2016, 12:00
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Mehr als drei Jahre ist es her, seit in Oberösterreich die Ortschaft Hagenau im Hochwasser versank. Das soll nicht noch einmal passieren: Die meisten Bewohner haben sich für eine Absiedelung entschieden

Ein Auto fährt im Schritttempo durch Hagenau, vorbei an einer verlassenen Pferdeweide, von der nur noch die Zaunpfähle übrig sind. An überwucherten Brachflächen und einem Haus ohne Fenster. Dann bleibt es stehen: "Steht hier wirklich alles leer?", fragt die Fahrerin eine Passantin.

Maria Köpplmayr, Bewohnerin der Ortschaft, hat sich an Fragen dieser Art gewöhnt. "Es ist fast ein Geisterstadt-Tourismus entstanden", erzählt sie. Denn Hagenau, ein Ortsteil der oberösterreichischen Gemeinde Goldwörth, soll abgesiedelt werden. Die Entscheidung fiel, nachdem die Ortschaft im Juni 2013 im "Jahrhunderthochwasser" versunken war.

Vor zwei Jahren nannte das Land Oberösterreich den Bewohnern nach einem Schätzgutachten eine konkrete Summe, die sie im Fall einer freiwilligen Absiedelung erhalten würden. Genaue Zahlen will man in Hagenau zwar auch heute noch nicht nennen, wirklich zufrieden war und ist mit der Summe aber kaum jemand.

Der Betrag würde nicht für einen Neuanfang reichen, klagten viele – besonders angesichts der hohen Grundstückspreise in den benachbarten Gemeinden. Laut Johann Müllner, Bürgermeister von Goldwörth, haben sich am Ende dennoch rund 80 Prozent der Bewohner dafür entschieden, Hagenau zu verlassen.

Neun Häuser abgerissen

Einige von ihnen haben sich mittlerweile schon anderswo ein neues Haus gebaut – etwa in Niederwaldkirchen oder in der Nachbargemeinde Walding. Eine ältere Bewohnerin hat sich für betreutes Wohnen entschieden. "Aber viele haben sehr gehadert", erinnert sich Köpplmayr an unzählige Informationsveranstaltungen.

Die Häuser der Absiedler werden abgerissen. Hier darf nie wieder gebaut werden. Die ersten neun Häuser wurden bereits geschleift, auf den Brachflächen wuchert schon wieder Gras. "Es schaut jetzt schon aus, als wäre nie etwas dagewesen", sagt Köpplmayr. So ein Abriss gehe "unwahrscheinlich schnell. Ich habe das als brutal empfunden. Da kommt ein Bagger und zerreißt das Haus regelrecht."

16 weitere Häuser werden noch abgerissen – "soweit möglich, noch heuer", wie Müllner ankündigt: "Jeder ist froh, wenn das so schnell wie möglich abgeschlossen ist." Zehn Häuser werden nach derzeitigem Informationsstand übrig bleiben.

Wohnbereich im ersten Stock

Jenes von Maria Köpplmayr und ihrem Ehemann zum Beispiel. Sie haben sich gegen das Wegziehen entschieden: "Bei uns war von Anfang an die Tendenz zu bleiben", erzählt sie. Auch weil ihre Wohnbereiche von den beiden großen Fluten 2002 und 2013 weitgehend verschont blieben – einer vorausschauenden Planung sei Dank: "Als wir neben dem Hof meiner Schwiegereltern Haus bauen wollten, haben die sofort gesagt: Schauts, dass das Hochwasser von 1954 euch nicht erreicht."

Das hat es bis heute nicht: Im Haus sind nur Garage und Keller ebenerdig. Der Wohnbereich befindet sich im ersten Stock. Vor drei Jahren war es dennoch knapp: Damals kam das Wasser schon bei der Haustüre im Halbgeschoß herein. "Vom Balkon aus konnte man das Wasser beinahe berühren", erzählt Köpplmayr. Der leerstehende Hof der Schwiegereltern versank fast bis in den ersten Stock im Wasser.

Vor einem der Häuser, das demnächst abgerissen werden soll, liegen Heizkörper. In der Regenrinne wächst Gras. Fenster und Türen fehlen bereits. Sie dürften verkauft worden sein, wie ein Blick ins Internet zeigt: Dort sind derzeit auch alle Teile einer Garage – inklusive Dachstuhls – in Hagenau zu haben.

Angst vor Hochwasser

Laut Köpplmayr wurde sogar ein ganzes Fertigteilhaus aus Hagenau verkauft – und mittlerweile im Salzkammergut wieder aufgebaut. Die Idee, sich sein Haus ab- und anderswo wieder aufzubauen, sei auch mit anderen Bewohnern diskutiert worden, erzählt Müllner.

Wie es für die, die bleiben, bei einem erneuten Hochwasser weitergeht, weiß niemand. Versichert sind sie schon seit 2002 nicht mehr. "Heuer hatten wir schon dreimal eine Hochwasser-Vorwarnstufe", erzählt der Bürgermeister. Das mache viele nervös.

Und noch etwas beunruhigt die, die bleiben: "Ich will nicht alleine hier sein", sagt Köpplmayr. Die Bewohner eines benachbarten Hauses hätten vor kurzem aber angekündigt, bis 2020 bleiben zu wollen.

Der Schulbus nach Goldwörth wird in Hagenau weiterhin halten. Auch wenn die Bushaltestelle bald allein dastehen wird, sagt Müllner. Denn die Häuser ringsum werden abgerissen: "Ein bisschen gespenstisch ist das schon." (Franziska Zoidl, 25.9.2016)

  • In Hagenau wird man bei Regen nervös. Die ersten neun Häuser wurden bereits abgerissen, 16 weitere sollen noch folgen.
    foto: zoidl

    In Hagenau wird man bei Regen nervös. Die ersten neun Häuser wurden bereits abgerissen, 16 weitere sollen noch folgen.

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