Wenn Googles Knutschkugel um die Ecke biegt

23. September 2016, 08:00
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Lokalaugenschein am Google-Campus in Kalifornien: Autonomes Fahren wird dort, wie auch von der US-Regierung, großgeschrieben

Bekanntschaft mit der Knutschkugel von Google wird man in Europa wohl noch lange nicht machen – wenn überhaupt. In Kalifornien und einigen anderen Regionen der USA hingegen wird man dieses seltsame Gefährt auf vier Rädern und mit Sitzplätzen, die einander zugewandt sind, in Zukunft häufiger sehen. Der IT-Konzern testet mit einem selbstgebauten Vehikel seit längerem, wie die schier endlos anmutende Zahl an Hindernissen, die dem autonomen Fahren entgegenstehen, auf zur Seite geräumt werden kann.

"Achtung", ruft William, der eine Gruppe von Besuchern aus Österreich mit Infrastrukturminister Jörg Leichtfried (SPÖ) an der Spitze durch den Google-Campus in Mountain View führt. "Da kommt das Auto." Man muss tatsächlich vorgewarnt sein oder zufällig hinschauen, um einen Blick auf das Auto, das ob seines Aussehens liebevoll Knutschkugel genannt wird, zu erhaschen. Es fährt elektrisch und somit völlig geräuschlos dahin. Vollgepackt mit Sensoren, Kameras und hunderten Kilos an technischem Equipment, ist der Computer auf Rädern beinahe Tag und Nacht unterwegs, um Erfahrungswerte zu sammeln.

Mit dem Joystick unterwegs

Lenkrad gibt es keines, dafür einen Joystick – und einen Mitfahrer, der im Notfall eingreifen können muss. Das schreibt der Gesetzgeber vor. Die Sensorik des Fahrzeugs könnte, weil noch in der Testphase, überfordert sein.

William, der wie so gut wie alle Google-Mitarbeiter keinen Wert auf den Familiennamen legt und nur per Vornamen angesprochen werden will, macht eine ausladende Handbewegung und einen schnellen Schritt vom Gehsteig auf die Straße. Ein kurzes, lautes Quietschen ist zu hören, und weiter rollt das Fahrzeug. Schließlich steht die Ampel noch auf Grün, und niemand quert unerlaubt die Straße. Der Computer im Fahrzeug hat das Ereignis richtig gedeutet: keine Crash-Gefahr, weiter geht's.

Datenflut

In den USA, wo nicht nur der IT-Konzern Google, sondern auch viele andere, auch europäische Hersteller wie BMW und Audi, autonomes Fahren auf der Straße testen, will die Regierung rasch für Klarheit sorgen. Statt strikter Regeln plant sie einen Hersteller-Fragebogen mit 15 Punkten, um die Sicherheit selbstfahrender Autos zu gewährleisten.

Unter anderem soll garantiert sein, dass bei einem Versagen der Autopilot-Technik Notfallsysteme einspringen. Zudem sollen Daten von den Herstellern verfügbar gemacht werden. "Wenn ein selbstfahrendes Auto nicht sicher ist, haben wir die Mittel, es von der Straße zu holen", kündigte Präsident Barack Obama Mitte der Woche an. Man werde nicht zögern, das auch zu tun.

Die Regierung verlangt von den Herstellern Auskünfte darüber, wie ihre Autos getestet wurden und wie sie mit gefährlichen Situationen umgehen. Die Antworten sollen für "jeden interessierten Amerikaner" einsehbar sein. Obama hatte sich bereits Anfang des Jahres grundsätzlich hinter die Technologie gestellt und angekündigt, die Entwicklung selbstfahrender Autos und die Schaffung eines klaren Rechtsrahmens in den nächsten zehn Jahren mit knapp vier Milliarden Dollar (3,5 Milliarden Euro) zu unterstützen.

Austro-Förderungen

Ebenfalls Geld, wenn auch deutlich weniger, soll auch in Österreich zur Förderung automatisierten Fahrens freigegeben werden. Minister Leichtfried sprach von knapp 20 Millionen Euro, darunter sechs Millionen als Technologieförderung und eine Million für Vorstudien zum Aufbau von Testumgebungen. Dieser Einsatz sei nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass rund 650 Unternehmen in Österreich mit 175.000 Beschäftigten und 23 Milliarden Euro Umsatz an der internationalen Autoindustrie – vornehmlich der deutschen – hängen. Im Bereich Robotik, Sensorik und Bildbearbeitung zählten heimische Unternehmen zu Schrittmachern, auch und gerade was das autonome Fahren betrifft.

Bis zum 31. August dieses Jahres sind laut Leichtfried drei Anträge für Straßentests mit autonom fahrenden Autos eingelangt. Die würden nun geprüft. Zudem seien sechs Förderanträge für Vorstudien zum Aufbau von Testumgebungen eingereicht worden. Einige könnten in den nächsten Wochen noch dazukommen.

Vorrang für E-Autos

Deutlich rascher als mit dem autonomen Fahren, das in 20 bis 30 Jahren Normalität werden könnte, sollte es mit der Elektromobilität weitergehen. So gut wie alle maßgeblichen Autoproduzenten sehen derzeit den Elektromotor als vielversprechendste Alternative zu Antrieben mit Diesel und Benzin. Minister Leichtfried wird voraussichtlich im November eine Arbeitsgruppe einrichten, die das Ministerium beraten soll, wie die Elektromobilität "zum Fliegen gebracht" werden kann. Unter anderem haben sich BMW und Tesla, der Elektroautopionier aus den USA, bereiterklärt mitzumachen.

Neben einer eigenen Kennzeichnung für Elektroautos (blaue Plakette oder eigene Nummerntafel) denkt Leichtfried auch an finanzielle Anreize und Privilegien für emissionsfreie Fahrzeuge. "Die Gespräche mit meinem Kollegen Rupprechter (Umweltminister, ÖVP) laufen gut", sagt Leichtfried. "Wir werden bald ein gemeinsames Paket präsentieren." (Günther Strobl aus Mountain View, 23.9.2016)

Hinweis: Die Reise erfolgte auf Einladung des Verkehrsministeriums.

  • Ein Google-Auto, auch Knutschkugel genannt, auf dem Campus des IT-Konzerns. Die USA setzen auf autonomes Fahren.
    foto: apa / afp / noah berger

    Ein Google-Auto, auch Knutschkugel genannt, auf dem Campus des IT-Konzerns. Die USA setzen auf autonomes Fahren.

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