Sorgerecht: Blick ins moderne Familienalbum

Kommentar22. September 2016, 17:47
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Die Regierung sollte sich durchringen, neuen Lebensmodellen gerecht zu werden

Früher war es zumindest auf dem Papier einfach: Hat man ein Kinder- oder Schulbuch aufgeschlagen und es ging um Familie, wurde das Thema mit einer Mutter, einem Vater und ein bis zwei Kindern bebildert. Das war Familie. Das waren ihre Gesichter. Heute ist Familie nicht mehr als ein Sammelbegriff. Eltern trennen sich und verlieben sich neu, zwei Familien werden im Patchworkstil zu einer verwoben, eine lesbische Frau lässt sich künstlich befruchten und zieht das Kind mit ihrer Partnerin auf, schwule Paare haben Pflegekinder – das sind nur die ersten paar Seiten des Fotobandes, der die österreichische Familienrealität illustriert.

In den Köpfen der meisten Menschen ist das längst angekommen. Jeder kennt aus seinem Freundeskreis Familienkonstellationen, die mit dem traditionellen Modell nichts zu tun haben. Viele leben es längst selbst. Mehr als 107.000 Kinder in Österreich teilen den Haushalt mit einem Stiefpapa oder einer Stiefmama – die überwiegende Mehrheit mit der leiblichen Mutter und deren Partner. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind bis zu seinem achtzehnten Geburtstag die Trennung oder Scheidung der Eltern erlebt, beträgt inzwischen dreißig Prozent. Das ist Familie. Das alles sind ihre neuen Gesichter.

Es ist deshalb längst überfällig, wenn Sozialminister Alois Stöger darauf hinweist, dass unser Recht den neuen Realitäten oft nicht nur hinterherhinkt, sondern es ein Klotz am Bein der Patchworkeltern sein kann: Neue Lebensgefährten von Mama und Papa können weder in Elternkarenz noch in Elternteilzeit gehen, sie dürfen keine Schularbeit unterschreiben, keine Amtswege erledigen, schlicht: nicht mitreden, selbst wenn sie dem Kind näherstehen als ein leiblicher Elternteil. Sie haben ihren Ziehtöchtern und -söhnen gegenüber auch keine anderen Verpflichtungen als Fremde. Beides gehört geändert.

Wer mit einem Kind in einem gemeinsamen Haushalt lebt, soll mitentscheiden dürfen, wenn alle Betroffenen das wollen. Das lässt sich gesetzlich regeln. Dazu müssten sich die konservativen Kräfte im Land nur durchringen. Komplizierter wird es, wenn man gleich die gesamte Obsorge auf zusätzliche Personen ausdehnen möchte. Darüber denken derzeit die deutschen Grünen nach, der österreichische Sozialminister kann dem Vorstoß etwas abgewinnen.

Bei dem Gedanken an mitspracheberechtigte Stiefeltern schießen einem chaotische Bilder durch den Kopf: drei oder sogar vier Leute, die sich auf eine Schule einigen sollen, Teenager, die den Papa gegen den Stiefvater und den wiederum gegen die Mama ausspielen. Wer geht in Karenz? Wer entscheidet letztlich, wenn es keine Einigung gibt? Was passiert, wenn die Patchworkfamilie auseinanderbricht und sich wieder neue Konstellationen ergeben? Wer pflegt all die Eltern, wenn sie alt sind?

Auf diese Fragen wird es kaum befriedigende Antworten geben. Die Idee klingt zwar progressiv, scheitert aber an einer irgendwie lebbaren Umsetzung. Das ändert nichts daran, dass Stöger eine Debatte losgetreten hat, die dringend geführt gehört. Unser Familienrecht braucht Reformen.

Der Sozialminister sollte sich schleunigst daranmachen, der traditionell bigotten Volkspartei Vorschläge zu unterbreiten, die all jenen Formen des Zusammenlebens gerecht werden, die nicht ins verstaubte Bilderbuch passen. Auch das wird kompliziert. So sind Koalitionen, so sind Familien. (Katharina Mittelstaedt, 22.9.2016)

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