Wenn sich Geschwister benachteiligt fühlen

Blog23. September 2016, 07:00
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"Die Großen lassen mich nicht mitspielen!" – Das Gefühl der Benachteiligung oder der Bevorzugung anderer gibt es wohl in jeder Familie

Der 13-jährige Nikolaus hat drei Geschwister. Pauli ist der Nachzügler in der Familie. Der Achtjährige schaut Filme und spielt Computerspiele, die Nikolaus in diesem Alter noch nicht sehen oder spielen durfte. Pauli darf auch etwas länger aufbleiben als die großen Brüder in seinem Alter. Pauli muss auf Ausflüge nicht jedes Mal mit, wenn er keine Lust dazu hat. Pauli hat bei manchen Dingen aus Sicht der älteren Geschwister eine Sonderstellung.

Immer wieder jammert Nikolaus, wie arm er nicht ist, weil er, als er so alt war, dieses und jenes nicht durfte oder machen musste. Fernsehsendungen hat der Kleine natürlich früher gesehen, da er sich zu den Großen dazugesetzt hat. Bestimmte Spielsachen oder technische Geräte hat er schon viel früher benützt, weil sie durch die großen Geschwister schon im Haus waren.

Lockerere Eltern

Klar, Pauli wird ein wenig anders erzogen. Nicht immer absichtlich. Die Vorstellungen der Eltern sind immer noch die gleichen. Aber sie sind älter und vielleicht ein wenig weiser geworden. Sie haben im Zusammenleben mit den ersten drei Kindern einiges gelernt und herausgefunden, was ihnen bei der Erziehung ihrer Kinder wichtig ist und was nicht. Sie sind aufgrund der veränderten Lebenssituation sicherlich auch ein wenig lockerer. Ganz sicher sind sie auch manchmal einfach ein wenig müde und haben nicht mehr immer die Nerven für endlose Auseinandersetzungen.

Trotz seines Alters hat Nikolaus immer noch nicht verstanden, dass sich auch Mama und Papa mit der Zeit ändern – und somit ihr Erziehungsverhalten. Dass Eltern im Laufe der Zeit andere Ideen entwickeln, andere Vorstellungen haben und aus den Erfahrungen oder Fehlern bei der Erziehung der älteren Kinder für den Umgang mit dem Jüngeren etwas gelernt haben.

Ein Einzelkind – mit Geschwistern

Was Nikolaus nicht bedenkt, ist, dass Pauli ganz andere Voraussetzungen hat. Der Kleine ist quasi ein Einzelkind mit drei älteren Geschwistern, die sich sehr oft nicht die Zeit nehmen, um sich mit ihm zu beschäftigen. Er hatte im Gegensatz zu den drei Großen von Beginn an eine berufstätige Mutter. Und er hat drei große Geschwister, die ihn miterziehen, was sicher nicht immer lustig ist.

Benachteiligung oder Bevorzugung

Das Gefühl der eigenen Benachteiligung oder der Bevorzugung eines anderen findet sich wohl in jeder Familie in unterschiedlicher Ausprägung. Eltern hören dann von ihren Kindern: "Immer bin ich an allem schuld!", "Immer werde ich geschimpft und kriege ich die Strafe, dabei war es die Caroline!", "Immer darf Johannes das und ich darf das nie!" oder "Wieso darf er länger aufbleiben als ich?".

Die andere Seite ist die des Kleinsten: "Keiner spielt mit mir!", "Mama, die Großen lassen mich nicht mitspielen!", "Ich will das auch schon haben!", "Wieso darf ich nicht alleine in den Park gehen?", "Keiner hört mir zu!" oder "Warum muss ich schon ins Bett und die anderen dürfen noch aufbleiben?". Auch das jüngste Kind hat also immer wieder einmal das Gefühl, dass es zu kurz kommt und benachteiligt ist.

Das Gefühl, zu kurz zu kommen

Immer wieder muss sich Pauli anhören, dass er es ja viel besser hat und die Eltern ja lange nicht mehr so streng sind, wie "damals". Gerade, wenn er selbst das Gefühl hat, dass er als Kleinster etwas nicht darf, nervt ihn dieses Gerede seiner großen Geschwister massiv und es kommt ganz schnell zu Diskussionen. Da hilft es dann auch nicht, wenn sich Mutter oder Vater einschalten und wieder einmal erklären, warum sie vor einigen Jahren so und jetzt anders entschieden haben, warum das jüngste Kind etwas darf, was die Älteren in diesem Alter nicht durften. Oder welche Vorteile die Größeren aufgrund ihres Alters gegenüber dem jüngsten Familienmitglied haben.

Selbst wenn klar ist, dass sich vieles über die Zeit nicht verändert hat und für alle Kinder gleich war – Taschengeld, einen eigenen Schlüssel und ein Handy haben alle Kinder im gleichen Alter bekommen – ändert das nichts am aktuellen Gefühl zu kurz zu kommen. Erklärungen helfen oft nicht. Auf Dauer ist es für alle mühsam damit umzugehen. Und leider macht diese Jammerei, dieser Neid zeitweise die Stimmung schlecht. Diese Jammerei zu ignorieren, ist allerdings meist auch keine Option.

Liebevolle Hänseleien

Auch wenn Eltern sich bemühen, alle Kinder gleich zu erziehen, wird es immer wieder unterschiedliche Behandlung aufgrund des Alters, eventuell auch des Geschlechts und vor allem der Persönlichkeit der einzelnen Kinder geben. Als Mutter oder Vater können sie es manchmal nicht allen Kindern gleichzeitig recht machen und das gilt es auszuhalten.

Je älter die Kinder werden, desto kleiner werden die Unterschiede, desto mehr machen sie gleich oder ähnlich und desto weniger fällt der Altersunterschied ins Gewicht. Sind sie dann erwachsen, kann es durchaus vorkommen, dass die als Kind subjektiv wahrgenommene Bevorzugung oder Benachteiligung in oft liebevollen Hänseleien immer wieder mal zutage kommt.

Ihre Erfahrungen?

Fühlen auch Ihre Kinder sich manchmal benachteiligt gegenüber den Geschwistern? Wie gehen Sie damit um, wenn sich eines Ihrer Kinder beschwert, dass es sich benachteiligt fühlt? Wie war das in Ihrer eigenen Kindheit mit Ihren Geschwistern? Posten Sie Erfahrungen und Ideen im Forum! (Andrea Leidlmayr, Christine Strableg, 23.9.2016)

Andrea Leidlmayr und Christine Strableg bloggen auf derStandard.at/Familie und geben Eltern Tipps für den täglichen Erziehungsalltag.

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