Premiere: Videobeweis sorgt für Platzverweis

Video22. September 2016, 15:05
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In den Niederlanden griff erstmals ein Videoschiedsrichter in einem Pflichtspiel ein. Während andere Länder testen, wartet Österreich ab

Amsterdam/Wien – Der Videobeweis im Fußball kam am Mittwoch zu einer Weltpremiere: Mit Zustimmung des Weltverbands Fifa nahm erstmals ein Videoschiedsrichter in einem Pflichtspiel Einfluss. Pol van Boekel zeichnete im niederländischen Pokalspiel zwischen Ajax Amsterdam und Willem II Tilburg (5:0) für einen Platzverweis verantwortlich.

Im Kleinbus vor sechs Bildschirmen

"Ich schalte mich nur ein, wenn ich an der Situation selbst überhaupt keinen Zweifel habe, denn der Schiedsrichter auf dem Feld trägt die Endverantwortung", sagte van Boekel nach dem Spiel. Die 60. Minute war so ein Moment: Nach einem Foul an Ajax-Spieler Lasse Schöne sah Anouar Kali zunächst die gelbe Karte. Van Boekel, der vor sechs Bildschirmen in einem Kleinbus auf dem Parkplatz der Amsterdamer Arena saß, nahm per Kopfhörer Kontakt mit Schiedsrichter Danny Makkelie auf. Der stand auf dem Feld – und zeigte dort daraufhin die rote Karte.

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Während der Videobeweis in den Niederlanden seit vier Jahren getestet wird, möchte Österreich noch abwarten. "Wir wollen die Erfahrungsberichte hören und dann entscheiden", heißt es von Bundesliga und ÖFB auf STANDARD-Anfrage.

Österreich wartet ab

Robert Sedlacek, Vorsitzender der Schiedsrichterkommission, präzisiert, warum in Österreich noch nicht getestet wird: "Schon vor der Euro 2016 haben wir uns damit beschäftigt, aber es war noch nicht klar, in welche Richtung das geht. Erst am Ende der ersten Testphase steht fest, was die Fifa durchführen will." Erst dann könne man entscheiden, ob der Videobeweis für den österreichischen Fußball machbar sei.

"Deutschland liegt viel daran, vorne dabei zu sein. Sie investieren viel. Ohne abwertend zu klingen, aber wir als kleines Österreich ...", sagt Sedlacek. Im aktuellen Stadium sei ein Testbetrieb für Österreich schwierig. Der heimische Schiedsrichterkader sei auf zehn Profispiele inklusive Reserve-Referees ausgelegt. Da sei es nicht einfach, jemanden für die Testphase abzustellen. Das dominierende Thema sei derzeit die Ligareform, "die sich auf die Budgets niederschlagen wird. Daher sind wir in der ersten Testphase nicht dabei."

Vier spielentscheidende Situationen

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) haben in dieser Saison mit der Testphase begonnen und setzen den Videobeweis bei maximal vier Begegnungen pro Spieltag ein. Sinn und Zweck der Übung: Erfahrungen sammeln. Ab kommender Saison sollen bei allen Bundesliga-Spielen "Live-Tests" zum Einsatz kommen. Diese könnten dann unmittelbare Auswirkungen auf die Bewertung von Situationen haben.

Allerdings stehen nicht alle Szene dem Videobeweis offen. "Er soll nur in den Schlüsselszenen zum Einsatz kommen, die ein Spiel entscheiden können", sagte Fifa-Präsident Gianni Infantino Anfang September, als der Videobeweises erstmals bei einem internationalen Fußball-Länderspiel zum Einsatz kam. Konkret erlaubt die International Football Association Board (Ifab), Regelhüter der Fifa, ein "näheres Hinsehen" in den Situationen Tor, Elfmeter, Spielerverwechslung bei gelber und roter Karte und Platzverweis. Die letzte Entscheidung liegt dann aber weiterhin beim Schiedsrichter am Feld.

Das Spiel ehrlicher machen

Das Duo van Boekel/Makkelie lieferte dem niederländischen Verband jedenfalls einen historischen Moment. "Wir wollen das Spiel ehrlicher machen", sagte Gijs de Jong, der beim Verband für das Projekt verantwortlich ist. Der KNVB will den Videoschiedsrichter dauerhaft ab der Saison 2018/19 einführen. "Es ist wahnsinnig, dass Schiedsrichter die Videobilder nicht als Hilfsmittel benutzen dürfen, obwohl die Technik vorhanden ist", so de Jong. In den Niederlanden wurden inzwischen 13 Unparteiische zu Videoschiedsrichtern ausgebildet. (siu, sid, 22.9.2016)

  • Pol van Boekel saß in einem Kleinbus vor dem Stadion und sah sich das Pokalspiel zwischen Ajax Amsterdam und Willem II auf sechs Bildschirmen an.
    foto: apa/afp/anp/jerry lampen

    Pol van Boekel saß in einem Kleinbus vor dem Stadion und sah sich das Pokalspiel zwischen Ajax Amsterdam und Willem II auf sechs Bildschirmen an.

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