Tiroler Whiskey aus alten Getreidesorten

26. September 2016, 13:27
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In Tirol werden alte Getreidesorten wiederentdeckt. Regionale Produzenten verarbeiten aus Züchtungen wie der Fisser Gerste, die im 20. Jahrhundert von den Feldern verschwand, erneut regionale Produkte. Und auch die Forschung ist an der alten Vielfalt interessiert

Innsbruck – Die Tiroler Felder sahen früher anders aus. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts bestimmte Getreidewirtschaft die Landschaft. Sorten, die sich in einer jahrhundertealten Anbaupraxis trotz rauen Klimas gut bewährten, wurden bis weit in die schmalen Bergtäler hinein kultiviert. An die 18.000 Hektar Anbaufläche sollen es in der Zwischenkriegszeit noch gewesen sein. Zum Vergleich: Heute beträgt die Gesamtanbaufläche für Getreide in Tirol gerade einmal 600 Hektar.

Die alten Sorten, die hier einst für Brot auf dem Tisch und Futter für die Nutztiere sorgten, wichen nach dem Zweiten Weltkrieg nach und nach den ertragsstarken Züchtungen einer zunehmend effizienzgetriebenen Landwirtschaft. Traditionsreiche Nutzpflanzen wie der Obernberger Schwarzhafer, der die Saumtiere auf dem Brenner versorgte, der Tiroler Kolbendinkel oder der Pitztaler Rot und Gelb – zwei Maissorten – wurden rar. Die meisten dieser Kulturpflanzen verschwanden ganz von den Feldern.

Neue alte Gerste

Auch wenn dieser Trend nicht grundsätzlich umzukehren ist, besinnt man sich heute in Tirol wieder der alten Sorten. Von der Fisser Gerste etwa, die in den 1980er-Jahren vom letzten Feld verschwunden war, produzieren heute wieder 25 Bauern insgesamt rund 100 Tonnen pro Jahr, erklärt Christian Partl, der als Leiter des Fachbereichs landwirtschaftliches Versuchswesen, Boden- und Pflanzenschutz des Landes Tirol an einer zentralen Schnittstelle bei der Reaktivierung alter Sorten tätig ist. Aus der Fisser Gerste wird nun sogar Whiskey gebrannt.

"Die ersten Initiativen zum Neuanbau von längst verschwundenen Sorten starteten bereits vor über 15 Jahren. In den letzten fünf Jahren hat sich der Trend aber mit einer ganzen Reihe von Projekten sehr gut entwickelt", blickt Partl zurück. Auch der Blick in die Zukunft sieht vielversprechend aus: "Wir haben heuer neun alte Sorten kräftig vermehrt – für Interessenten, bei denen es um große Anbauflächen geht", deutet der Agrarwissenschafter an.

"Kräftig vermehrt" werden die Sorten im Rahmen der Tiroler Genbank, die sich um den Erhalt des Kulturpflanzenerbes des Landes kümmert. Sie baut auf der Arbeit des Saatgutforschers Erwin Mayr auf. Er begann ab den frühen 1920er-Jahren die damaligen Getreidesorten in Salzburg, Tirol und Kärnten systematisch zu sammeln – mit dem Auftrag, sie durch weitere Züchtungen zu verbessern. "Damals lag der Ertrag bei vielleicht 1000 bis 1500 Kilo pro Hektar. Der moderne Anbau kommt dagegen auf bis zu zehn Tonnen", erläutert Partl.

Die gesammelten Schätze der Genbank wurden immer wieder durch Anbau erneuert. "Der vorliegende Saatgutbestand einer Sorte liegt oft nur bei einem halben Kilo – bis jemand, der Bedarf hat, zu uns kommt. Dann benötigen wir bis zu drei Jahre, um ausreichend Saatgut zur Verfügung zu haben", sagt Partl. Lange Zeit waren die diesbezüglichen Kunden der Genbank vor allem alternativ eingestellte Anbauer, die etwa eine autarke Lebensweise anstrebten.

Eine wichtige Grundlage für eine breitere Renaissance der alten Sorten war dann ihre Listung als "Seltene Landwirtschaftliche Kulturpflanzen" im Rahmen der österreichischen Agrar-Umweltprogramme, die auch eine Grundlage für Förderungen in diesem Bereich ist. Heuer wurde nun sogar ein Forschungsbauernhof in Imst gegründet, wo in Zusammenarbeit mit der Uni Innsbruck einschlägige Bildung, Grundlagen- und angewandte Forschung betrieben wird. Auch die alten Sorten werden hier vermehrt.

Salami, Bier, Whiskey

Irgendwann kamen Herbert Röck und der Bauer und Museumsbetreiber Christian Sturm auf die Idee, auch die "Fisser Imperialgerste" wiederzubeleben. Röcks Vater hatte sie in den 1920er- und 1930er-Jahren in langwieriger Arbeit aus der sogenannten Flatschgerste gezüchtet. Nun mischt der Metzger Wilhelm im Bezirk Landeck seiner Salami wieder Fisser Gerste bei. Die Brauerei Zillertal braut sie zu Bier, und in wenigen Jahren ist beim Brenner Maass die Reifezeit des ersten Whiskeys aus dieser alten Sorte vorüber.

Ähnliche Kooperationen zwischen Landwirten und regionalen Produzenten gibt es in ganz Tirol, sagt Partl. Sie machen Haferflocken, Spezialbrote oder Schnäpse. Manche Versuche brachten nicht den gewünschten Erfolg, andere gewinnen bei Verkostungen oder sind Teil des regionalen Supermarktsortiments. Die traditionsreichen Spezialitäten haben natürlich ihren Preis. Ein Kilo Brauereigerste kostet beispielsweise 16 Cent, die Fisser Gerste kommt auf einen Euro.

Die Kultivierung alter Sorten sei aber nicht nur eine "Besinnung auf die ureigensten Ressourcen", sagt Partl. Es gehe auch um den Erhalt der genetischen Vielfalt. Moderne Sorten gehen zurück auf wenige Mutterlinien, die Bandbreite an möglichen Eigenschaften, die aus ihnen noch gezüchtet werden kann, ist schmal. Nicht so bei den alten Landsorten: "Hier gibt es eine riesengroße genetische Varianz, die für zukünftige Züchtungen – zum Beispiel in Reaktion auf den Klimawandel – sehr wertvoll sein kann." (Alois Pumhösel, 26.9.2016)

  • Der Getreideanbau in der Alpenregion ist im 20. Jahrhundert stark geschrumpft. Heute besinnt man sich in Tirol wieder der alten Sorten – und braut sogar Whiskey daraus.
    foto: alois pumhösel

    Der Getreideanbau in der Alpenregion ist im 20. Jahrhundert stark geschrumpft. Heute besinnt man sich in Tirol wieder der alten Sorten – und braut sogar Whiskey daraus.

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    foto: reuters/suzanne plunkett
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