Vor der Wahl ist nach der Wahl

Glosse23. September 2016, 08:25
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Ihr könnt bald schon wieder den Präsidenten aller Österreicher wählen

"Um die Wahrheit zu sagen, wenn ihr nach einem Schuldigen sucht, müsst ihr nur in den Spiegel sehen. Ich weiß, warum ihr es getan habt ... Ich weiß, ihr hattet Angst ..."

(Monolog des V aus "V wie Vendetta")

"Und einiges, das nicht vergessen werden sollte, war verloren. Geschichte wurde zur Legende, die Legende wurde zum Mythos ..."

(Monolog der Galadriel aus "Herr der Ringe")

"Der Schlaf der Vernunft gebiert Klingonen."

(Vulkanisches Sprichwort)

's ischt Zeit, Mander!

Ihr könnt bald schon wieder den Präsidenten aller Österreicher wählen. Im sicheren Wissen, dass sich beim letzten Mal die Hälfte von euch schlicht geirrt hat. Ja: Unregelmäßigkeiten sind auch geschehen! Die gute Nachricht ist aber, dass jener Mechanismus, der die Republik vor schadhaften Wahlen bewahren soll – tatsächlich funktioniert! Der Rest dieser Erfolgsgeschichte ist aber schlichter Wählerirrtum. Und das Problem ergibt sich daraus, dass jeweils die anderen im Wahlirrtum sind.

Die Republik ist bewahrt, aber so sehr geteilter Meinung über den "richtigen" Kandidaten, dass es Zeit ist, eine kleine Erinnerung zu schreiben, was passiert, wenn die Feuer von Mordor wieder glühen. Ich weiß, dass in diesem Text einiges steht, das unerträgliche Bilder im Kopf evoziert. Aber ich schreibe es trotzdem. Damit Galadriel im Unrecht bleibt und uns "V" keine Rede halten muss: Das Beschriebene ist real so geschehen wie beschrieben und darf nicht zum Mythos verkommen. Sonst bleiben wir zur Geschichtswiederholung verdammt, wie es so schön heißt.

Als Begleitlektüre empfehle ich "Der SS-Staat" von Eugen Kogon, "Menschen in Auschwitz" von Hermann Langbein und den Film "Die Hetzjagd" von Laurent Jaoui über die Jagd des Ehepaars Klarsfeld nach dem "Schlächter von Lyon", Klaus Barbie.

Vor dem Einschlafen. Und vor der Wahl.

Block 11

Dieser Mann ist zu Lebzeiten eine bemerkenswerte Person. Er spricht mehrere Fremdsprachen, spielt mehrere Instrumente und ist überdurchschnittlich gebildet. Und: SS-Unterscharführer Pery Broad (1921–1993) müsste gar nicht im Block 11 arbeiten. Er könnte in seiner Geburtsstadt Rio de Janeiro bei Schirmchendrinks abwarten, dass der Zweite Weltkrieg vergeht. Aber Broad wählt freiwillig einen Lebensweg, der ihn 1942 in das Todeslager Auschwitz führt.

Diese – wie man so schön sagt – Ambivalenz setzt sich in Auschwitz fort. Zeugen berichten, dass Broad lebensrettenden Einflüsterungen der Funktionshäftlinge zugänglich ist und so mithilft, Häftlinge vor gelegentlichen Selektionen oder dem "Leermachen" der Krankenstation zu bewahren. Aber dieselben Zeugen kennen auch den Pery Broad, der oft jüdische Mädchen am Boden liegen lässt, während er ihre Luftröhren mit seinem Stiefelabsatz "bearbeitet". Nur wenige überleben diese Freizeitgestaltung des Unterscharführers.

Und so geht es auch im ersten Auschwitz-Prozess weiter: Eines der wichtigsten Dokumente der Anklage im Prozess ist der sogenannte Broad-Bericht. Er verfasst ihn freiwillig am Anfang seiner Gefangenschaft, lässt aber seine eigene Rolle im Block 11 (und anderswo) unbesprochen. Im Prozess aber zeigt Broad nicht ein Atom Reue über seine Mitwirkung am Holocaust. Später (in Frankfurt am Main) wird er wegen seiner "Mitarbeit" an der Selektionsrampe von Auschwitz zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Die unzähligen Erschießungen an der Schwarzen Wand im Block 11, die Folterungen in dessen Kellern und die zerquetschten Luftröhren junger Jüdinnen bleiben unbesprochen und ungesühnt. Nach seiner Haftentlassung 1966 bis zu seinem Tod lebt Broad unbehelligt in Düsseldorf.

SS-Unterscharführer Pery Broad wird zu keinem Zeitpunkt verdächtigt, ein geistig abnormer Rechtsbrecher zu sein. SS-Unterscharführer Pery Broad bekommt die Gelegenheit für seine Taten nur durch einen Wählerirrtum, der seinen obersten Chef an die Macht spült.

Nicht mehr und nicht weniger.

Barbie ist keine Puppe

Auch dieser Mann ist kein amtlich bekannter Psychopath, sondern Gestapo-Chef von Lyon, nach dem Krieg wohlgelittener Mitarbeiter des Bundesnachrichtendiensts, freischaffender Berater von Putschisten, Geschäftsmann und einiges mehr, das bis heute im Dunkeln schlummert. Das sind lauter Jobs, für die ein Psycherl nicht infrage kommt, sondern nur ein zurechnungsfähiger, rücksichtsloser Profi, der geistig robust sowie gewissen- und gnadenlos ist.

Während des Zweiten Weltkriegs jedoch, im Hotel Terminus, ist Klaus Barbie der "Schlächter von Lyon". Um Geständnisse zu erpressen, foltert er auch die Kinder seiner Opfer. Nicht etwa, indem er sie am Po zwickt, damit sie ein wenig weinen. Barbie lässt diese Kinder in Hungerzellen sperren und prügelt sie vor den Augen ihrer Eltern, bis ihnen Knochen brechen und innere Organe platzen. Seine Suite im Hotel Terminus ist eine gemütliche Folterkammer: Auf dem Schreibtisch liegt eine Sammlung Folterwerkzeuge, Frauen werden auf bequemen Möbeln vergewaltigt, Männern die Hoden zerquetscht und Kindern das Gehirn aus der Nase geprügelt.

Viele seiner Opfer sind schnell geständig, weil man inzwischen in ganz Lyon weiß, wer Klaus Barbie ist. Solche "Kunden" findet er langweilig. Und um das entgangene Vergnügen langer Foltersitzungen zu kompensieren, führt er die zu schnell Geständigen persönlich zur "Sonderbehandlung". Am Treppenabsatz zum letzten Keller schießt Barbie ihnen in den Hinterkopf und hofft, dass seine Opfer einen "lustigen" und buchstäblichen Salto mortale vorwärts machen. Mit viel Übung schafft er es bald, den richtigen Zeitpunkt und Winkel zum Abdrücken zu finden, sodass ein perfekter Salto gelingt. Dann lächelt Klaus Barbie und kehrt fröhlich pfeifend in seine Foltersuite zurück.

Und alle diese Abscheulichkeiten kann Klaus Barbie seinerzeit nur begehen, weil sein oberster Chef durch einen Wählerirrtum an die Macht gespült wird.

Nicht mehr und nicht weniger.

Quo usque tandem?

Ich könnte noch die "Hyäne von Auschwitz", Irma Grese, beschreiben, die gebärenden Frauen Qualen zufügt, die nicht einmal ich – und nicht einmal ich auf Crystal Meth – in eine Tastatur klopfen kann. Oder – worauf jeder wartet – den "Todesengel von Auschwitz", Dr. Josef Mengele. Aber was er in Auschwitz verbricht, ist allgemein bekannt.

Weniger bekannt ist, dass die Firma seiner Familie, die Agrartechnik Mengele (jetzt: Lely Agrartechnik GmbH) ein bis heute florierendes Unternehmen ist und dass die Familie Mengele ihr so erworbenes Vermögen (und politischen Einfluss) einst auch dafür einsetzt, Josef Mengele zeit seines Lebens vor Verfolgung zu schützen.

Und auch all diese Leute können ihr Treiben treiben, weil ihr oberster Boss durch einen Wählerirrtum an die Macht gespült wird.

Aber ich hab' keinen Bock! Nicht mehr und nicht weniger.

Wählt, wen ihr wollt! (Bogumil Balkansky, 23.9.2016)

Eugen Kogon
Der SS-Staat

Das System der deutschen Konzentrationslager
Alber 1946 (zuletzt: Heyne 2006)

Hermann Langbein
Menschen in Auschwitz

Europaverlag 1972 (zuletzt: Fischer Digital 2016)

Laurent Jaoui
Die Hetzjagd (La Traque)

Spielfilm, Deutschland, Frankreich, Belgien 2008

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