Chronische Schmerzen nach Gelenksoperationen stark unterschätzt

22. September 2016, 11:36
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20 bis 30 Prozent aller Patienten leiden nach Einsetzen eines künstlichen Kniegelenks anhaltend unter Schmerzen. Experten fordern individualisierte Behandlung

Monate oder sogar Jahre nach einer Kniegelenksoperation leiden manche Patienten noch an anhaltenden Schmerzen. "Chronische Schmerzen nach einer Gelenksoperation sind nach wie vor ein stark unterschätztes Phänomen. Aufgrund des demografischen Wandels und der Zunahme an Gelenksoperationen sind immer mehr Menschen davon betroffen", sagt Henrik Kehlet von der Universität Kopenhagen.

Generell berichten zwölf Prozent der Patienten noch ein Jahr nach einem chirurgischen Eingriff von mäßigen bis starken Schmerzen, so eine europäische Beobachtungsstudie. Nach dem Einsetzen eines künstlichen Gelenks kann diese Rate noch höher liegen, je nachdem, welches Gelenk betroffen ist. Laut Daten einer systematischen Meta-Analyse von 17 Kohortenstudien liegt die Prävalenz nach Hüftprothesen-Eingriffen bei neun und beim künstlichen Knieersatz bei 20 Prozent. "Neuere Studien aus Dänemark, Frankreich und Norwegen belegen überdies, dass ein erstaunlich hoher Anteil der Patienten nach dem chirurgischen Eingriff weiterhin die gewohnte Dosis oder sogar mehr Schmerzmedikamente benötigt als vorher – und das kann nicht der Sinn von aufwändigen und teuren Operationen sein", sagt Kehlet.

Vikki Wylde von der Universität Bristol in Großbritannien glaubt zudem, dass diese Zahlen vermutlich nicht das volle Ausmaß des Problems abbilden: "Die aktuellen Instrumente zur Schmerzbewertung liefern uns nicht immer aussagekräftige Informationen. Außerdem zeigen Studien, dass mache Betroffene nach dem Eingriff ungern zugeben, wie sehr sie leiden – weil sie nicht undankbar erscheinen wollen oder der Schmerz nach der OP vielleicht etwas weniger intensiv ist als vorher."

Neue Beschwerden

Was dabei oft übersehen wird: Die Patienten leiden nicht unter den alten Beschwerden oder dem unmittelbaren postoperativen Schmerz, der nach der Wundheilung verschwindet. Sie haben mit neuen Beschwerden zu kämpfen, wie Wylde weiß: "20 Prozent der chronischen Schmerzen nach dem Einsetzen eines künstlichen Gelenksersatzes sind neuropathischer Natur. Außerdem können chronische postoperative Schmerzen auch mit anderen Schmerzzuständen vergesellschaftet sein, was auf ein umfassenderes Problem hinweist."

Die Folge sind häufig frustrierte Patienten, die sich aufgrund der Schmerzen hilflos fühlen. "Auch wenn das Verständnis für die Ursachen und Prozesse hinter den Schmerzen steigt und immer schonender operiert werden kann, ist die Patientenversorgung immer noch sehr verbesserungswürdig", so Kehlet. Bei einer Hüftersatz-OP ließen sich heute die postoperativen Schmerzen durch ein multimodales Therapiekonzept relativ gut in den Griff bekommen, das Analgetika wie Paracetamol, COX-2-Hemmer, Kortikoide oder bei Bedarf Opioide beinhaltet.

Beim Knieersatz stellen die Schmerzen wegen der größeren Empfindlichkeit des Gelenks eine noch viel größere Herausforderung dar. "Derzeit arbeiten wir mit Coxiben, NSAR, hochdosierten präoperativen Kortikoiden oder Wundinfiltrationen mit Lokalanästhetika. Andere Ansätze verwenden Ketamin bei Patienten, die schon präoperativ Opioide bekommen haben", so Kehlet. Von Femoralis-Nervenblockaden rät er wegen der Sturzgefahr für Patienten ab. "Es gibt Berichte über andere periphere Nervenblockaden als wirksame Option, aber hier müssen weitere Studien abgewartet werden. Ob in dieser Indikation Gabapentinoide hilfreich sein können ist unklar, wenn man Wirksamkeit und Nebenwirkungen in ein Verhältnis setzt."

Evidenz fehlt

Wylde betont: "Uns fehlen evidenzbasierte Behandlungsmethoden. Eine systematische Auswertung von randomisierten Therapie-Studien konnte nur eine Studie identifizieren, die Injektionen von Botulinumtoxin A bei Patienten mit chronischem Schmerz nach Kniegelenkersatz untersuchte. Wir benötigen in diesem Bereich weitere Untersuchungen, um die Patientenversorgung verbessern zu können."

Potenzial sehen die beiden Experten in einem präventiven, multidisziplinären Ansatz. Dieser sollte unter anderem eine präoperative psychologische Betreuung von depressiven oder extrem pessimistischen Patienten umfassen, die Reduktion von Opioiden oder – wie eine neue Sicherheitsstudie für präemptive Steroide nahelegt – das Herunterregulieren des nozizeptiven Systems mit Steroiden vor dem Eingriff.

Außerdem empfehlen sie, die Behandlung stärker auf die einzelnen Patienten zuzuschneiden. Wylde: "Chronische Schmerzen nach einer Gelenkoperation sind multifaktoriell, daher ist es so wichtig, dass sich die Behandlung an individuellen Patienten-Charakteristika orientiert. Das erfordert einen maßgeschneiderten, multidisziplinären Behandlungsansatz." Ein personalisierter Therapieansatz stellt sicher, dass Patienten die richtige Hilfe zum richtigen Zeitpunkt bekommen," so die Experten. (red, 22.9.2016)

  • Studien zeigen, dass mache Patienten nach dem Eingriff ungern zugeben, wie sehr sie leiden – weil sie nicht undankbar erscheinen wollen.
    foto: wikipedia/axion gmbh/(CC-Lizenz)

    Studien zeigen, dass mache Patienten nach dem Eingriff ungern zugeben, wie sehr sie leiden – weil sie nicht undankbar erscheinen wollen.

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