Cartier: Zu Besuch am Bauernhof der Uhrenspezialisten

22. September 2016, 13:33
5 Postings

In der Maison des Métiers d'Arts in den Schweizer Bergen hat Cartier ein Kompetenzzentrum für altes Kunsthandwerk eingerichtet. Wir waren zu Besuch

Den ödesten Job bei Cartier hat wohl jener Industrieroboter, der nichts anderes tut, als die Zeitmesser der Edelmarke hunderte Male anzustupsen. Auf und nieder, immer wieder, tagein, tagaus. Für den Beobachter hat das etwas Hypnotisches. Die Monotonie hat aber Sinn, wie Sébastien Mathez erklärt: "Auf diese Weise prüfen wir, ob die Uhr stoßsicher und damit überhaupt alltagstauglich ist. Es ist Teil der Qualitätskontrolle."

Der ausgebildete Uhrmacher führt durch die Haute-Horlogerie-Manufaktur der wichtigsten Marke innerhalb der Richemont-Gruppe. Ihr Standort: La Chaux-de-Fonds, Schweizer Uhrenstadt von Weltrang und seit 2009 Unesco-Welterbe. Seit den 1970ern ist Cartier vor Ort, im Jahr 2000 wurde dieses rund 33.000 Quadratmeter große Gebäude für rund 1000 Mitarbeiter eingerichtet. Schätzungsweise eine halbe Million Uhren verlassen jedes Jahr das Werk.

"Integrated Manufacturing"

Das geht nicht ohne Automation. Auch in der feinen Uhrenwelt gilt: Dort wo die Maschine effizienter arbeitet, hat sie den Menschen längst abgelöst. Und so stehen in den Produktionshallen modernste Maschinen, die programmiert wurden, Scheiben von Edelstahlstangen zu schneiden, um Platinen zu fräsen und hochpräzise kleinste Bohrungen vorzunehmen. Poliert, angliert, finissiert etc. wird per Hand, auch der Zusammenbau von Gehäuse und Uhrwerk erfolgt manuell. Nichts anderes erwartet der Kunde von Produkten der Haute Horlogerie.

Handarbeit auch bei den Gläsern. Kommt bei den gewöhnlichen Glasformen Saphirglas zum Einsatz, werden die Gläser speziell geformter Uhren, beispielsweise der "Crash de Cartier", aus Mineralglas hergestellt. Es lässt sich leichter bearbeiten – dafür muss ein Spezialist ran, der das Glas mithilfe eines Bunsenbrenners mit dem richtigen Timing in die entsprechende Form bringt. "Integrated Manufacturing" heißt das bei Cartier – Handarbeit im industrialisierten Workflow.

Auf der grünen Wiese

Betritt man die Maison des Métiers d'Arts rückt das Thema Industrie in den Hintergrund: Der Lärm ist verklungen, der Ölgeruch verflogen. Der einstige Bauernhof aus dem 18. Jahrhundert ist nur einen Steinwurf von der nüchtern-funktional gehaltenen Manufaktur entfernt. Er steht dort wie das Ausstellungsstück eines Freiluftmuseums mitten in der grünen Wiese. Holzvertäfelungen und alte Kalkfliesen, die in der Umgebung zusammengesammelt wurden, traditionell mit Kalk verputzte Wände, entsprechendes Mobiliar: Tatsächlich fühlt man sich beim Betreten dieses schmucken Hofes in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt.

Nach den strengen Richtlinien des Denkmalschutzes renoviert, beherbergt das lichtdurchflutete, vierstöckige Gebäude seit 2014 allerdings ein hochmodernes Institut, das sich mit überlieferten, teilweise jahrtausendealten Handwerkstechniken befasst. "Unser Ziel war und ist es, die Uhrmacherpräzision und das komplexe Wissen seltener Handwerkskunst zusammenzuführen", erklärt Mathez.

Fitzelige Arbeit

Denn die Handwerkskünste, die oft von einem Handwerker zum nächsten weitergegeben werden, würden Gefahr laufen, eines Tages komplett in Vergessenheit zu geraten. 35 Mitarbeiter teilen sich das Bauernhaus, darunter 23 Handwerker, die sich ausschließlich dem Kunsthandwerk verschrieben haben. Das beinhaltet auch Forschungs- und Recherchearbeit, wenn es etwa darum geht, sich einen bestimmten Handgriff anzueignen, ein spezielles Werkzeug herzustellen oder eine schon verlorengegangene Technik wiederzuerlernen.

Ein Handwerker steht vor einem Holzgestell, das entfernt an einen vorindustriellen Webstuhl erinnert. Es ist eine Eigenentwicklung, ein Unikat. Über eine Fußwippe wird ein dünnes Sägeblatt, ähnlich dem einer Laubsäge, in eine Auf-und-ab-Bewegung versetzt. So hat der Arbeiter die Hände frei, um feinste Holzplättchen präzise in die gewünschte Form zu schneiden. Aus zahlreichen solcher Plättchen, die sich aus dünnen, geschichtetem Holz zusammensetzen, entsteht dann nach stundenlangem Tun ein Tiermotiv. Es ist eine fitzelige Arbeit, die ein hohes Maß an Vorstellungsvermögen und Geschick bedarf. Die Holzeinlegearbeit wird am Ende eine der exklusivsten Uhren aus der Métiers-d'Arts-Kollektion von Cartier zieren.

Uralte Goldschmiedetechniken

Ein Stockwerk tiefer schaut eine Mitarbeiterin konzentriert in ein Mikroskop. Über einen Bildschirm kann man verfolgen, was sie tut: Mit Pinzetten legt sie extrafein gehämmerte Gold- und Platindrähte, die zuvor gekordelt, gewalzt, gedreht oder zu winzigen Ringen geformt wurden, zu einem Motiv zusammen. Ohne die Hilfe des Mikroskops wäre das eine fast unlösbare Aufgabe, sind die Drahtgeflechte doch nur wenige Millimeter klein.

Filigranarbeit nennt sich diese uralte Goldschmiedetechnik, die schon von den Sumerern beherrscht worden sein soll. Allerdings standen die nicht vor der Herausforderung, ihre Kunstwerke auf der Größe eines Zifferblatts unterbringen zu müssen. Das kann schon mehrere Monate in Anspruch nehmen.

Je seltener, desto teurer

Andere Kolleginnen beschäftigen sich mit allen möglichen Spielarten des Emaillierens, mit Mosaiken oder mit Granulation. Alles, um die Nachfrage nach exklusiven, möglichst einzigartigen Zeitmessern zu befriedigen. Das Handwerkertum verbürgt letztendlich die Rarität des Luxusobjekts Uhr: Ein Produkt, das auf Handarbeit durch Spezialisten angewiesen ist, lässt sich nicht in Massen produzieren. Rare Uhren und seltenes Handwerk, das ist eine exklusive Mischung, die Teures noch teurer machen kann. Das macht es für Uhrenmarken – nicht nur für Cartier – besonders interessant. Eine Uhr mit einem Bärenmotiv aus Holzintarsien kostet beispielsweise 74.000 Euro. Eine vergleichsweise einfache "Tank Solo" ist dagegen schon um 2.410 Euro zu haben.

Handwerkliches Wissen ist in der Uhrenwelt daher eine harte Währung. Es wird gehütet wie ein Schatz. So wie diejenigen, die dieses Wissen ihr Eigen nennen. Sie sind gefragt und rar. Über diese Spezialisten wachen die Arbeitgeber wie die Haftelmacher. Deshalb werden im "Bauernhof der Spezialisten" auch keine Namen genannt, zumindest keine Nachnamen. Ob das hier in den Schweizer Bergen, wo die Luft schon etwas dünner ist und das nächste Ballungszentrum immer mindestens eine Stunde Autofahrt entfernt ist, überhaupt Sinn macht? Mathez witzelt: "La Chaux-de-Fonds ist ein kleines Städtchen mit 39.000 Einwohnern. Alle Uhrmacher gehen hier nach Feierabend ins gleiche Wirtshaus." (Markus Böhm, Rondo, 22.9.2016)

Die Reise nach La Chaux-de-Fonds erfolgte auf Einladung von Cartier.

  • Viele Arbeitsschritte bei der Herstellung einer Uhr werden von Hand gemacht. Dafür braucht es Spezialwerkzeuge.
    foto: cartier

    Viele Arbeitsschritte bei der Herstellung einer Uhr werden von Hand gemacht. Dafür braucht es Spezialwerkzeuge.

  • Ein Produkt, das in Handarbeit von Spezialisten hergestellt wird, lässt sich nicht in Massen produzieren. Genau darauf setzt Cartier in seiner Maison des Métiers d'Arts.
    foto: cartier

    Ein Produkt, das in Handarbeit von Spezialisten hergestellt wird, lässt sich nicht in Massen produzieren. Genau darauf setzt Cartier in seiner Maison des Métiers d'Arts.

  • Eine Bärenuhr mit Holzintarsien.
    foto: cartier

    Eine Bärenuhr mit Holzintarsien.

Share if you care.