"Wie unter österreichischer Okkupation"

Reportage22. September 2016, 07:00
277 Postings

Am Sonntag findet im bosnischen Landesteil Republika Srpska ein Referendum für die Beibehaltung eines umstrittenen Feiertags statt

In der Fußgängerzone, zwischen schönbrunngelben Barockhäusern, wo die Menschen in der Spätsommersonne flanieren, reden ein paar Pensionisten miteinander. "Man kann doch den Feiertag der Republika Srpska nicht auf einen anderen Tag verlegen! Ich kann ja auch nicht den Geburtstag meiner Tochter vom 14. auf den 15. Februar ändern", meint ein Mann mit Gehstock. "Dieses Urteil des Verfassungsgerichts kommt sehr spät", meint ein anderer mit Hut und freundlichen Falten im Gesicht. "Wir haben 20 Jahre diesen Tag gefeiert, und jetzt geht das plötzlich nicht mehr?"

Seit Wochen bewegt die Menschen in Bosnien-Herzegowina das Referendum im Landesteil Republika Srpska (RS) am kommenden Sonntag. Es geht dabei um den 9. Jänner, an dem alljährlich die Ausrufung der RS im Jahr 1992 gefeiert wird. Dass der Verfassungsgerichtshof den Feiertag im Vorjahr als "diskriminierend" untersagte, wird als Anschlag auf die Republika Srpska selbst und auf die Identität der Serben gesehen.

"Wir werden unterdrückt"

Der 39-jährige Mladen B. – Spiegelsonnenbrille, selbstsicher, neben der bosnischen besitzt er auch die Schweizer Staatsbürgerschaft – weiß, dass der Präsident der RS, Milorad Dodik, das Referendum wegen der Lokalwahlen am 2. Oktober lanciert hat. "Ohne das Referendum würde er verlieren, jetzt wird seine Partei, die SNSD, gewinnen", glaubt er. Obwohl er "kein Freund Dodiks" sei, will er trotzdem am Referendum teilnehmen. "Es geht darum, dass die Stimme des Volkes gehört wird. Offenbar verstehen die Ausländer das sonst nicht", sagt er erregt. Den bosnischen Verfassungsgerichtshof akzeptiert er nicht, "weil da Ausländer drin sitzen".

"Wie lange gibt es die hier noch? Es ist heute nicht viel anders als unter österreichisch-ungarischer Okkupation. Wir sind ein Protektorat. Wir werden unterdrückt", meint Mladen B. Seit dem Frieden 1995 gibt es ein Büro der Internationalen Gemeinschaft in Bosnien – der Hohe Repräsentant, zurzeit Valentin Inzko, übt allerdings schon seit Jahren seine Befugnisse nicht mehr aus.

Wie Mladen sehen viele Bürger in der RS Bosnien-Herzegowina nicht als ihr Heimatland. Er ist sicher, dass ein Unabhängigkeitsreferendum kommen wird. Der 20-jährigen Nada M. gehen die Identitätsprobleme ihrer Landsleute auf die Nerven. Sie kommt aus Bihac, aus dem zweiten Landesteil, der Föderation, wo mehrheitlich Muslime und Katholiken leben. Dort gilt sie jetzt als "Verräterin", weil sie in der RS studiert. Als sie ihrer Mutter von ihrem neuen Freund erzählte, fragte diese: "Ist er einer der Unseren?" Und die Mutter des Freundes fragte: "Ist sie eine der Unseren?" Die "Unseren" sind in Bosnien-Herzegowina ganz oft die "anderen".

"Das sind alles Sturköpfe"

"Ich versuche immer allen Seiten zu erklären, dass sie Vorurteile haben. Aber die wollen sich nicht ändern, das sind alles Sturköpfe hier", sagt Nada. Sie fände es besser, wenn die RS und die Föderation sich trennen würden. "Denn dann kann die Politik nicht mehr mit diesem Thema spielen."

Der Psychologe Srdan Puhalo, der vor dem Hotel Bosna sitzt, denkt, dass es politisch gewollt sei, "dass alle Angst vor dem Krieg und voreinander haben". Damit wollten sich die politischen Führer an der Macht halten. Das Referendum hält er für Geldverschwendung. "Hier sind sich alle einig, dass sie am 9. Jänner feiern wollen. Wozu also diese Befragung?" Puhalo denkt, dass sich die ethnonationalistischen Politiker wie im Pingpongspiel die Bälle zuwerfen. "Wenn man keine echten Probleme lösen will, dann sucht man nach Problemen, die man nicht lösen kann", sagt er.

Ältere Frauen verkaufen handgestrickte Socken. Auf dem Krajina-Platz werben Parteien mit unendlich vielen Kandidatengesichtern. Das goldene Dach der Erlöserkirche glitzert in der Septembersonne. Nur Erlösung ist nicht in Aussicht. Die Armut ist für viele bedrückend, wie ein Gefängnis, das man mit sich herumtragen muss. Die 47-jährige Drazena M. hat seit Jahren keinen Job mehr. "Egal, ob Referendum oder nicht, es wird alles immer nur schlechter hier", meint die Frau mit dem fahlen Gesicht.

Doch sogar die Armut wird in Bosnien-Herzegowina missbraucht. Drazena glaubt, "dass das Geld über Sarajevo läuft und deshalb nicht hier ankommt". Sie kann gar nicht wissen, dass es den Leuten in der Föderation keineswegs besser geht. Selbst das Busticket dorthin könnte sie sich nicht leisten. (Adelheid Wölfl aus Banja Luka, 22.9.2016)

  • Der Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik wirbt nicht nur mit der "Kraft der Srpska", sondern auch mit dem Referendum kommenden Sonntag für die Lokalwahlen, die eine Woche später stattfinden.
    foto: adelheid wölfl

    Der Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik wirbt nicht nur mit der "Kraft der Srpska", sondern auch mit dem Referendum kommenden Sonntag für die Lokalwahlen, die eine Woche später stattfinden.

Share if you care.