"Die Tagespresse"-Show: Richard Lugner mit Stahlhelm

21. September 2016, 17:08
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Das Satireportal "Die Tagespresse" wollte sein Erfolgsrezept vom Netz auf die Bühne übertragen. Die mit personellem Aufwand konzipierte Liveshow geriet zur müden Boulevardschmiere

Wien – Im Netz ist das Satiremedium Die Tagespresse eine sichere Bank: Nuancenreich, getaktet und schon im Titel auf die wesentliche Realitätsverdrehung zugespitzt, erreicht es mittlerweile Klickzahlen in Millionenhöhe. Zu Recht wurden Gründer Fritz Jergitsch und seine engsten Mitarbeiter Sebastian Huber und Jürgen Marschal mit Lob überhäuft. Mit ihrer Liveshow im Rabenhof sind sie nun aber – so unironisch muss man sein – furios gescheitert. Selbst das ausnehmend prominent beschickte Premierenpublikum konnte das nicht verhehlen.

Über 20 Personen waren an der Produktion beteiligt. Das schwierige Unterfangen, ein auf kurze, schnelle Gags angelegtes Konzept in eine 80-minütige Liveshow zu übertragen, sollte mit allen Mitteln bewältigt werden. Zum Vorbild hatte man sich Fernsehshows aus Deutschland genommen, in denen satirische Meldungen im Stil seriöser Abendnachrichten vorgetragen werden.

In der Tagespresse-Show fällt diese Funktion dem Ö1-Moderator Paul Kraker zu. Stoisch am Newsdesk sitzend, verliest er in raschem Tempo eine Mischung aus Best-of und aktuellen Meldungen des Onlineportals. Unterstützt wird sein Vortrag durch Einspielungen auf einer Videowall. In den besseren Momenten geht es da um die Wiener U-Bahn (die geplante U5 wird spiralförmig angelegt und endet nach 154 Stationen auf der Baumgartner Höhe) oder um gefälschte Twitter-Meldungen (Vincent van Gogh: "Kennt jemand gute In-Ear-Kopfhörer?").

Auch eine längere Reportage zum Thema Hasspostings oder ein mit alternativer Übersetzung versehenes Drohvideo von Vorzeige-Dschihadist Mahmoud M. gehören noch zu den helleren Momenten. Damit hat es sich dann aber.

Sozial- und Geschichtsporno

Politikern nähert sich der zusehends erlahmende Multimedia-Vortrag nur noch auf Höhe der Koks- und Tittenberge für H.-C. Strache oder von Michi Häupls Spritzergläsern. Wenig ändert da das bemühte Hereinholen einfacher Leute von der Straße. Von Außenreporter Peter Klien mit Fangfragen wie "Was halten Sie von der ISS?" traktiert, wird manch einer vorgeführt. Getoppt wird das noch einmal von Christoph Grissemann, der sich für die vorgebliche Sozialsatire als Alkoholikervater von Kevin im Gemeindebau hergibt. Ein Videosketch ohne jede Pointe, der zum Gaudium des Bildungspublikums Sozialpornografie Marke RTL kopiert. Wie man sich dem Thema auch intelligent nähern könnte, hätte unlängst ja ein Jan Böhmermann vorgemacht.

Vergeblich wartet man auch auf einen dramaturgischen Bruch in der Show, der etwa mit ein, zwei knackigen Liveinterviews leicht herzustellen gewesen wäre. Stattdessen bemüht man als roten Faden die "Breaking News" von Hitlers Nun-doch-Aufnahme an der Kunstakademie. Als sich dann noch herausstellt, dass der Zweite Weltkrieg wegen Unregelmäßigkeiten wiederholt werden müsse, putscht sich ein per Video eingespielter Richard Lugner mit Stahlhelm, Präsidentenschleife und Sturmgewehr an die Macht.

Aber selbst jetzt versagt der damit wohl intendierte Fremdschämeffekt. Hängen bleibt ein bisschen Werbung für ein Einkaufszentrum. Der hiesige Boulevard, den Die Tagespresse ja sonst so gerne ins Visier nimmt, wird mit derlei Genieblitzen wohl auch zum eigenen Vorteil (neue Kooperationen) in Verzückung versetzt.

Gezwungen, platt und relativ ansatzlos streut man auch Witze über Juden oder Barack Obama als "Neger" (freilich der FPÖ in den Mund gelegt). In Summe durchlebt man eine Show, die, auf wenige Minuten und gute Schlagzeilen reduziert, im TV funktionieren könnte. Für die Bühne taugt sie in dieser Form nicht. Da hilft auch kein Präsident Lugner. (Stefan Weiss, 21.9.2016)

Rabenhof, bis 7.12.

  • Was sich optisch sehen lassen kann, birgt inhaltlich und konzeptuell so einige Defizite: die "Tagespresse"-Show im Rabenhof, moderiert vom Ö1-Journalisten Paul Kraker.
    foto: rita newman/rabenhof

    Was sich optisch sehen lassen kann, birgt inhaltlich und konzeptuell so einige Defizite: die "Tagespresse"-Show im Rabenhof, moderiert vom Ö1-Journalisten Paul Kraker.


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