Prozess um Einweisung: Der stalkende Bussibär

21. September 2016, 16:43
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Ein 52-Jähriger soll in eine Anstalt, da er über Monate eine Buchhändlerin verfolgt hat. Er bestreitet das – sein Auftritt straft ihn Lügen

Wien – Innerhalb von fünf Monaten wurde Andreas B. vom Angeklagten zum Betroffenen. Im April saß der 52-Jährige noch als Angeklagter vor Gericht, da er über Monate eine Buchhändlerin gestalkt haben soll. Sein Auftritt geriet damals allerdings derart eigenartig, dass sich die Richterin für unzuständig erklärte und nun ein Schöffensenat unter Vorsitz von Martina Hahn entscheiden muss, ob B. zurechnungsunfähig ist – somit also nur noch Betroffener, da man ihm seine Tat nicht vorwerfen kann – und in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen werden muss.

Geändert hat sich am Auftreten des Vierfach-Akademikers seit dem ersten Verfahren nichts. Noch immer steht er immer wieder auf, geht bis zur Richterbank vor und teilt Konvolute aus, redet ausschweifend, braust auf – und bestreitet die Vorwürfe.

Angeblich Hund auf Betroffenen gehetzt

Laut Staatsanwalt Günter Lattacher soll er die Studentin, die in der Buchhandlung arbeitete, seit April 2014 massiv verfolgt haben. B. behauptet, er habe sich nur Sorgen gemacht, da die Geschäftsinhaberin zweimal ihren Hund auf ihn gehetzt habe. Außerdem sei das Opfer immer freundlich zu ihm gewesen, daher habe er ihr kleinere Aufmerksamkeiten zukommen lassen.

Er wisse aber nicht einmal, wie die Dame heiße. "Schauen Sie einmal, ich habe hier einen handgeschriebenen Brief, ist der von Ihnen?", fordert die Vorsitzende den Betroffenen auf, diesmal mit Erlaubnis näher zu kommen. Der über 1,90 Meter große Mann studiert das Schriftstück, das mit "Sehr geehrtes Fräulein Y." beginnt.

"Für gewöhnlich unterschreibe ich mit meinem Namen. Hier steht 'Dein Bussibär'", windet B. sich. Gesteht dann aber doch irgendwie zu, dass das Schreiben von ihm stamme – eben aus Angst um die Angestellte. "Das war der Versuch, ihr Hilfe anzubieten."

Anzeige gegen anonymen Bauarbeiter

Der Betroffene beteuert auch, nie versucht zu haben, die Eingangstür des Geschäfts mit einer Kartonrolle zu blockieren. "Ich bin zufällig vorbeigegangen, da ist ein Bauarbeiter mit einem Vierkantholz gekommen und wollte die Tür blockieren. Ich habe ihn vertrieben. Und den Leuten drinnen habe ich pantomimisch gezeigt, was der machen wollte."

Den ihm unbekannten Bauarbeiter zeigte er übrigens an – was ihn in Kontakt mit einer Polizistin brachte, die ebenfalls als Zeugin aussagt. "Er ist dann immer wieder auf dem Kommissariat erschienen", erinnert die sich, teilweise sei er bis zu viermal pro Woche gekommen. "Er hat mir Geschenke gebracht, einmal den Weg von der Kanzlei bis zu meinem Zimmer Konfetti gestreut, Poster an die Türe geklebt."

Zu Beginn habe sie ein mulmiges Gefühl gehabt, "irgendwann habe ich das Ganze lustig genommen". Ihre Vermutung: "Er will, glaube ich, einfach nur reden."

Opfer muss Medikamente nehmen

Man könnte B. also auch als harmlosen Sonderling sehen. Nur: Jeder Mensch reagiert anders. Buchhändlerin Y. leidet noch immer unter der Belastung, muss mittlerweile sogar Psychopharmaka nehmen.

Sie will nur in Abwesenheit des Betroffenen aussagen, daher wird B. ins Nebenzimmer gebeten. Bevor er geht, legt er allerdings noch ein Foto mit einem Panzerzug auf den Tisch, an dem die Zeugin gleich sitzen wird. Um Panzerzüge drehte sich nämlich auch jenes Buch, das er bei ihr bestellen wollte.

Die Studentin erzählt dann, wie B. so hartnäckig gewesen sei, dass sie sogar ein Betretungsverbot erwirkt habe, das er ignorierte. "In der Therapie habe ich gelernt, ihn zu ignorieren", schildert sie. Er würde noch immer ständig um das Geschäft schleichen und Gegenstände hinterlassen, "ich schaue aber einfach nicht mehr hin".

Empörung über Staatsanwalt

Die junge Frau empört sich auch über die Ratschläge, sie sie erhalten hat. "Ein Staatsanwalt hat mir gesagt, ich soll froh sein, dass er nicht mit einem Messer dasteht!", sagt sie, Lattacher, der den Akt nicht selbst bearbeitet hat, entschuldigt sich dafür. "Und alle haben mir geraten, ich soll die Arbeitsstelle wechseln. Aber ich liebe meine Arbeit! Warum soll ich mich vertreiben lassen?", führt Y. weiter aus.

Hochinteressant ist, dass der psychiatrische Sachverständige Wolfgang Soukop dem Opfer diagnostiziert, eine länger als 24 Tage dauernde Gesundheitsschädigung erlitten zu haben. Das ist bedeutsam, da das Stalking damit zu einer schweren Körperverletzung geführt hat – und die Voraussetzung ist, dass B. eingewiesen werden kann.

Sein Fachkollege Karl Dantendorfer sagt über B. klar: "Auch der Laie kann erkennen, dass dieser Mensch nicht gesund ist." Er weise Wahnvorstellungen auf und habe keine Krankheitseinsicht. Er lehne jegliche Therapien ab und sei "insofern hochgefährlich, da er schwere psychische Schäden zufügen kann. Es gibt aber keine Hinweise, dass er massive körperliche Gewalt anwenden würde."

Keine Alternative zu Einweisung

"Was wäre zu tun?", will Vorsitzende Hahn wissen. "Das muss das Gericht entscheiden. Aber man sieht, dass bloße Betretungsverbote nicht zielführend gewesen sind. Aus meiner Sicht gibt es keine Alternative zu einer unbedingten Einweisung." Gleichzeitig hält Dantendorfer den Betroffenen für hochintelligent. "Es ist nach einem, eineinhalb Jahren wahrscheinlich, dass er begreift, dass er das nicht machen darf."

Eine paradoxe Situation. Gegen seinen Willen kann B. auch in einer Anstalt nicht behandelt werden. Der Sachverständige geht daher davon aus, dass die Freiheitsentziehung an sich schon die Verhaltensänderung bewirkt. Das würde eine Strafhaft, die ein klar definiertes Enddatum hat, dann eigentlich auch erreichen. Da B. aber zurechnungsunfähig ist, muss er in eine medizinische Einrichtung – wann er die wieder verlassen kann, hängt von den Ärzten ab.

Der Senat entscheidet sich nicht rechtskräftig für die Einweisung. Gleich darauf wird B. von vier im Saal anwesenden Polizisten "vorläufig angehalten". Alarmiert wurden die Beamten nach der Sache mit dem Foto auf dem Tisch vom Staatsanwalt – der ortet Tatbegehungsgefahr. (Michael Möseneder, 21.9.2016)

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