Sarkozix, der Gallier

21. September 2016, 15:07
79 Postings

Assimilation statt Integration: Präsidentschaftskandidat Nicolas Sarkozy fordert von Einwanderern die Übernahme "gallischer" Werte

"Junge Franzosen!", rief Sarkozy diese Woche bei einer Wahlkampfveranstaltung in Franconville nördlich von Paris. "Woher auch immer eure Eltern stammen – wenn ihr Franzosen werdet, werden eure Vorfahren Gallier." Dann erzählte der erneut kandidierende Ex-Präsident, sein Vater sei aus Ungarn gekommen, sein Großvater aus Griechenland. "Aber ich liebe Frankreich, ich lerne die Geschichte Frankreichs, ich spreche Französisch, und meine Vorfahren sind die Gallier. Das ist Assimilation. Ich gebe mich nicht mehr mit der Integration zufrieden, die nicht funktioniert, ich verlange die Assimilation."

"Gallische Vorfahren"

Sarkozy spielte damit auf die Debatte über den Burkini an. Zuvor schon hatte er sich für ein Verbot dieses islamischen, den Körper verhüllenden Badekleides ausgesprochen, weil es einen Verstoß gegen die französische Lebensart darstelle. Mit dieser Position steht der konservative Oppositionschef in Frankreich nicht allein da. Nun geht er aber noch einen Schritt weiter, wenn er gerade auch von den vielen jungen Franzosen maghrebinisch-arabischer Abstammung verlangt, dass sie sich auf ihre "gallischen Vorfahren" berufen sollen.

Darauf sind die politischen Reaktionen in Paris sehr einmütig. Für die Linksregierung meinte Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem, man dürfe nicht den "nationalen Roman" mit der wirklichen Geschichte verwechseln: "Müssen wir Herrn Sarkozy eine Geschichtslektion erteilen, die er offensichtlich nötig hat?" Sein Parteifreund und Rivale Alain Juppé meinte, es wäre falsch, von Immigrantenkindern zu verlangen, dass sie ihre Herkunft verneinen: "Wenn man die Wurzeln eines Baumes kappt, stirbt er." Sogar die Rechtsextremistin Marine Le Pen lachte nur über den "kleinen Satz" des republikanischen Kandidaten.

Universelle Zivilisationsmission

Sarkozy ist zugutezuhalten, dass die "gallischen Vorfahren" nicht erst seit dem Asterix-Comic fester Bestandteil der nationalen Geschichtsschreibung und Mythenbildung sind. In der Französischen Revolution von 1789 bezogen sich die Sansculotten unter anderem auf den Gallierchef Vercingetorix; damit suchten sie einen früheren Geschichtsbezug als die Monarchisten, die sich auf die Franken des Vormittelalters bezogen. "Unsere gallischen Vorfahren" wurde in der französischen Republik ein stehender Ausdruck. In der Kolonialzeit lernten selbst Volksschüler im Senegal und Algerien, ihre Urahnen seien "nos ancêtres, les Gaulois". Das war noch zu einer Zeit, als sich Frankreich einer universellen Zivilisationsmission verpflichtet fühlte.

Diese nationale Innenansicht hat sich in den vergangenen Jahrzehnten doch stark verändert – offenbar ohne dass das Sarkozy aufgefallen ist. Der Journalist François Reynaert listete in dem Buch "Unsere gallischen Vorfahren und andere Albernheiten" unlängst die Geschichtsklitterungen auf, derer sich französische Politiker durch alle Epochen bedienten. So wie Charles de Gaulle das Vichy-Regime der Nazizeit als "Klammer" von der nationalen Geschichte ausnahm, vereinnahmt der Front National die Nationalheilige Jeanne d'Arc für seine wahlpolitischen Zwecke.

Politische Manipulationen

Sarkozys neuster Exkurs veranlasst auch den Geschichtsprofessor Bernard Phan zu einer Klarstellung: "Infolge aller Invasionen, Migrationen und Kolonisierungen der letzten Jahrhunderte blicken heute immer weniger Franzosen auf vornehmlich gallische Verfahren zurück." Ihr Mythos sei schon immer – früher von links, später von rechts – politisch manipuliert worden. Gravierend sei das auch, weil es den "Nährboden für die schlimmsten Gewaltexzesse" liefere.

Das ist eine Anspielung auf den hausgemachten Terrorismus Frankreichs, der als soziologischen Hintergrund auch die Entwurzelung einer ganzen Banlieue-Generation hat. Ihre Integration wird wohl kaum gefördert, wenn man einen eingebürgerten Immigrantensohn aus Marokko, China oder Djibouti lehrt, dass seine Urahnen ab sofort aus Gallien stammen. (Stefan Brändle aus Paris, 22.9.2016)

  • Ein Gallier aus Ungarn: Nicolas Sarkozy.
    foto: reuters/philippe wojazer

    Ein Gallier aus Ungarn: Nicolas Sarkozy.

Share if you care.