Erster öffentlicher E-Highway der Welt in Schweden eröffnet

22. September 2016, 09:00
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Die Regierung will das Land fossilenergiefrei machen und sucht dafür auch im Güterverkehr neue Lösungen. Auf zwei Kilometer Länge wird nun in Mittelschweden zwei Jahre lang ein Pionierprojekt getestet: Lkws werden teilweise mit Strom betrieben

Rund 150 Kilometer nördlich von Stockholm zieht sich die E 16 quer durch Mittelschweden. Links und rechts Birken und Kiefern, rote Häuser, Schwedenidylle. Plötzlich – zwischen Kungsgården und Sandviken – säumen Strommasten die Europastraße, es sind in fünf Meter Höhe Oberleitungen über die rechte Fahrspur gespannt. Auf zwei Kilometer Länge wird hier der erste öffentliche E-Highway der Welt getestet.

Magnus Ernström, in gelber Schutzweste, zeigt die Anlage. Im Auftrag des Regierungsbezirks Gävleborg koordiniert er das Projekt "Elektroautobahn E 16", das auf zwei Jahre angelegt ist. Danach erhofft man sich Antwort auf die Frage, ob hier die Zukunft des Gütertransports zu finden ist.

Industrie, Wissenschaft und Behörden arbeiten zusammen. Die schwedischen Ämter für Verkehr, Energie und Innovation lassen sich den E-Highway rund acht Millionen Euro kosten. Der deutsche Konzern Siemens liefert die Technik, Lastwagenhersteller Scania die Fahrzeuge. Mit Geldern aus dem EU-Strukturfond entstand im nahegelegenen Sandviken ein Zentrum für Wissenschafter und Besucher. Der Regierungsbezirk ist finanziell nicht beteiligt. "Uns interessieren Innovation und Arbeitsplätze", sagt Ernström.

In einem schlichten Baucontainer sitzt Mikael Lind. An seinem Computer überwacht er das Geschehen auf der E-Straße. "Strommäßig ist heute nicht viel Action", erklärt er. Alles läuft, kein Kurzschluss, kein Spannungsabfall.

Vor Linds Container donnern die Lkws vorbei. Sie sind auf dem Weg zum knapp 30 Kilometer entfernten Ostseehafen in Gävle, einem der wichtigsten Containerhäfen Schwedens. Die E 16 ist viel befahren. Die Eisenbahnstrecken in der Region haben ihre Belastungsgrenze erreicht, doch das Transportvolumen steigt stetig. Nach Angaben des Naturschutzamtes steht der Güterverkehr in Schweden für knapp 20 Prozent des CO2-Ausstoßes. Doch die rot-grüne Regierung in Stockholm will das Land zu "einem der ersten fossilfreien Wohlfahrtsstaaten der Welt" machen.

"Ruhigeres Arbeiten"

Der Lkw, der auf dem kleinen Rastplatz neben der Teststrecke steht, könnte ein Teil der Lösung sein. Es ist der Prototyp eines neuen Hybridlasters, den Hersteller Scania im Herbst in Serie auf den Markt bringen will. Die Sonderausstattung befindet sich auf dem Dach des Fahrerhauses: der "Pantograf", eine Art intelligenter Stromabnehmer, der automatisch oder per Knopfdruck an die Oberleitung andockt.

Testfahrer Åke Adeen hat gerade die jüngsten Daten an Siemens in München geschickt, dann startet er erneut. Eine leichte Vibration ist in der Kabine zu spüren, als der Stromabnehmer hochfährt. Der Wagen setzt sich in Bewegung. "Es ist ein viel ruhigeres Arbeiten", freut sich Adeen. Beim Überholen fährt der Pantograf herunter, der Laster läuft kurzfristig auf Batterie. Auch am Ende der Teststrecke dockt sich der Stromabnehmer ab, dann schaltet das Fahrzeug auf Dieselbetrieb um. "HVO-Biodiesel", betont Projektkoordinator Ernström. "Auch der Strom für die Oberleitungen ist grüner Strom von unserem regionalen Anbieter."

Im Besucherzentrum in Sandviken sitzt der Leiter des Projektes "Elektroautobahn E 16" Jan Nylander. "Als Erste in der Welt", sagt der Ingenieur, "haben wir gezeigt, dass es geht, einen E-Highway auf einer öffentlichen Straße ohne jegliche Sondergenehmigung zu bauen." Stimmt die optimistische Arbeitshypothese der Schweden, dann rollen die Laster nicht nur umweltfreundlicher, sondern sogar auch wirtschaftlicher. "Strom ist halb so teuer wie Diesel, aber doppelt so effektiv", sagt Ernström. "Investieren die Beteiligten Überschüsse in die Infrastruktur, dann trägt sich das Ganze innerhalb weniger Jahre selbst."

Dass es auch andere Lösungsansätze für die Elektromobilität im Güterverkehr gibt, wissen Ernström und Nylander natürlich. So läuft etwa in der Nähe des Stockholmer Flughafens Arlanda ein Projekt mit Stromschienen. Wichtig sei es jetzt, Praxistests mit verschiedenen Techniken durchzuführen. Ernström vergleicht die Situation mit den Anfängen der Eisenbahn. "Hätte man zu Beginn des 19. Jahrhunderts darauf gewartet, einen allgemeingültigen Standard für alle zu entwickeln, dann würden wir wohl immer noch im Pferdewagen fahren." (Karin Bock-Häggmark aus Stockholm, 22.9.2016)

  • Auf dem E-Highway in Mittelschweden wird das Potenzial von Elektromobilität im Güterverkehr getestet.
    foto: scania cv ab

    Auf dem E-Highway in Mittelschweden wird das Potenzial von Elektromobilität im Güterverkehr getestet.

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