Alljährliches Orakel des Weinbauverbandes

Kolumne6. Oktober 2016, 09:25
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Vor der Weinlese klingen die Prognosen vielversprechend. Die Realität sieht aber anders aus

Viele verschiedene Faktoren entscheiden, ob das Ergebnis der Arbeit eines ganzen Jahres vom Weingarten in die Flasche gebracht werden kann. Umso erstaunlicher ist das alljährliche Ritual des Weinbauverbands, schon Ende August – Wochen vor der Lese, Prognosen über die Qualität des zukünftigen Weins abzugeben.

Auch heuer verkündete dessen Präsident, Johannes Schmuckenschlager, der Öffentlichkeit, man rechne mit "einem qualitativ hervorragenden Jahrgang". Immerhin hat man sich heuer nicht zu der Formulierung "Jahrhundertjahrgang" verstiegen (das wäre angesichts der dramatischen Ernteverluste in der Steiermark und dem Burgenland wohl nicht gut gekommen).

Kaffeesudlesen

Wie man zu derlei kühnen Prophezeiungen kommt, bevor auch nur eine einzige Traube vom Stock geschnitten wurde, bleibt ein wohlgehütetes Geheimnis des Weinbauverbands.

Gesetzt den Fall, das Traubenmaterial sei bei der Lese perfekt (was im August noch nicht absehbar ist), bedeutet das noch lange nicht, dass daraus auch guter Wein entsteht. Das hängt nicht zuletzt vom Können des jeweiligen Produzenten ab.

Warum man sich also von offizieller Seite Jahr für Jahr zu dieser Kaffeesudleserei hinreißen lässt, wissen die Götter. Den Winzern erweist man damit jedenfalls einen Bärendienst, und der Konsument fühlt sich gefrotzelt. (Christina Fieber, RONDO, 3.10.2016)

  • Schon Wochen vor der Weinlese gibt der Weinbauverband Prognosen über die Qualität des Weines ab.
    foto: apa / roland schlager

    Schon Wochen vor der Weinlese gibt der Weinbauverband Prognosen über die Qualität des Weines ab.

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