Vienna Design Week: Auf die Plätze, fertig, Design!

29. September 2016, 12:43
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Es gibt Grund, ordentlich zu feiern: Die Vienna Design Week findet heuer zum zehnten Mal statt. Ein Überblick in 30 Fragen und ebenso vielen Antworten

1 Wie waren die Anfänge der Vienna Design Week?

Die erste Vienna Design Week fand im Oktober 2007 statt. Genau genommen waren es seinerzeit noch ganze drei Design Weeks. Ins Leben gerufen wurde sie von der sogenannten Neigungsgruppe Design, die im Jahr davor, also 2006, ein Symposion an der Wiener Universität für angewandte Kunst zum Thema "Zeit und Design" veranstaltete. Selten kamen zuvor so viele große Namen aus der Welt des Designs nach Wien.

foto: katharina gossow
Lilli Hollein, Direktorin der Vienna Design Week.

2 Aus wem besteht die Neigungsgruppe Design?

Gemeinsam mit Tulga Beyerle und Thomas Geisler gründete Lilli Hollein die Neigungsgruppe Design. Tulga Beyerle ist mittlerweile Direktorin des Kunstgewerbemuseums Dresden. Thomas Geisler ist nach seiner Tätigkeit als Kurator im Wiener Mak seit diesem Sommer Geschäftsführer des Werkraums Bregenzerwald. Lilli Hollein ist alleinige Direktorin der Vienna Design Week. Sie ist außerdem seit 1996 als Kuratorin, Autorin, Jurorin und Journalistin in den Bereichen Architektur und Design tätig. Wer ganz genau wissen will, wie die große Designsause begann, sollte am 2. Oktober in die Festivalzentrale (Schloßgasse 14, fünfter Bezirk) kommen, wo die drei Gründer über die Anfänge der Design Week parlieren.

foto: kartarina sosckic
Gut 37.000 Besucher und ein paar Tierchen zählte die Design Week 2015.

3 Mit welchem Ziel wurde die Neigungsgruppe Design gegründet?

Ziel war und ist es, Design in Österreich sichtbarer zu machen und die Auseinandersetzung mit Design auf einer möglichst breiten Basis anzuregen, sowie österreichisches Design international zu stärken.

4 Wurde dieses Ziel erreicht?

Noch immer ist das Bewusstsein für Design in der breiten Bevölkerung relativ schwach ausgebildet. Design sehen viele als oberflächliche Behübschung von Alltagsgegenständen, ohne sich mit den weitreichenden und vielschichtigen Prozessen dahinter auseinanderzusetzen. Die Vienna Design Week schafft es seit nunmehr zehn Jahren auf unterhaltsame, interessante, reflektierende und breitangelegte Weise, knapp 37.000 Besuchern zu zeigen, was Design alles ist und sein kann. Der Weg ist auch im Design das Ziel. Und die Design Week ist diesen Weg ein schönes Stück weit gegangen.

5 Richtet sich die Design Week lediglich an eine bestimmte Klientel von Designinteressierten?

Mitnichten, und gerade das macht die Seele des Festivals aus. In unterschiedlichen Formaten wie Ausstellungen, Vorträgen, Workshops etc. zeigt die große Designsause Projekte aus den umfangreichen Bereichen Architektur, Grafik-, Produkt-, Möbel-, Industrie-, experimentelles sowie Social Design. Zu erleben gibt es Diskussionen über Zukunftsszenarien und die Auseinandersetzung mit Themen wie den Schnittstellen zwischen Wirtschaft und Kreativwirtschaft, ebenso wie jede Menge Hardware, zum Beispiel das äußerst beeindruckende Feuerwehrauto namens Panther, das am 30. September vor dem Wiener Hauptbahnhof parkiert.

foto: kollektiv fischka / www.fischka.com
Natürlich heißt es neben viel Design im Jubiläumsjahr auch: Party!

6 Wie viele Mitarbeiter hat die Design Week?

Während des Jahres besteht die Organisation mittlerweile aus sechs Mitarbeiterinnen, die im Wiener Stilwerk, im Turm von Jean Nouvel, am Donaukanal residieren. Zur Zeit des Festivals wächst das Team auf circa 25 Personen an. Organisiert ist die Geschichte übrigens als gemeinnütziger Verein.

7 Warum dauert die Design Week nicht länger? Die erste zog sich über drei Wochen.

Um eine gewisse Dichte zu erzeugen, entschieden sich die Macher für ein gewisses zeitliches Korsett, das eine Festivalatmosphäre ausmacht. Das Projekt richtet sich an ein breites, lokales Publikum ebenso wie ein internationales Fachpublikum, das zur Design Week anreist.

8 Apropos: Wie lässt sich das enorme Programm der Vienna Design Week bewältigen?

Mit gutem Schuhwerk, viel Freizeit und einer guten Organisation betreffend Kalenderführung. Immerhin sprechen wir von 150 Programmpunkten. Das Studium des umfangreichen Programmhefts oder der gut aufbereiteten Website viennadesignweek.at ist ebenfalls ratsam. Unterm Strich gilt es herauszupicken, was einen besonders interessiert. In einem Restaurant wird ja auch nicht die ganze Speisekarte bestellt.

9 Gibt es Besucher, die wirklich alle Stationen abklappern?

Es wandern schon einige Übermotivierte durch den Festivalparcours, die überdurschnittlich viele Programmpunkte konsumieren. De facto verhält es sich so, dass sich die meisten Besucher ihre eigene, abgespecktere Design Week zusammenstellen. Dennoch, die Qual der Wahl ist keine kleine. Früher gab es übrigens sogar eine eigene Design-Week-Wandernadel.

foto: kollektiv fischka / fischka.com
Metallene Nachtfalter des österreichischen Duos "mischer'traxler".

10 Welche Kapazunder waren in all den Jahren zu Gast?

Eine ganze Menge. Angereist sind Topgestalter wie Stefan Sagmeister, Patricia Urquiola, Matali Crasset, Arik Levy, Schriftenguru Erik Spiekermann, Frog-Gründer Hartmut Esslinger und Dieter Rams ebenso wie die Designauskenner Volker Albus oder Paola Antonelli.

11 Gibt's bei der Vienna Design Week auch etwas zu essen?

Aber ja. Zum Beispiel im Rahmen der "Feuerküche" von Johanna Dehio und Valentina Karga. Diese ist ein mehrere Tage dauerndes Projekt des Festivalprogrammpunkts "Stadtarbeit". Die "Feuerküche" versteht sich als partizipative, öffentliche Aktion, bei der rohe Materialien in eine funktionsfähige Kocheinheit umgewandelt werden, so werden zum Beispiel Geschirr, Töpfe und Tischöfen aus Ton geformt und im Holzfeuer gebrannt. Am 8. 10. um 18 Uhr wird dann zu einer festlichen Tafel geladen, bei der nach Rezepten der Teilnehmenden gekocht wird.

12 Welche österreichischen Gestalter sollte man kennen?

Nun definitiv mehr als die alten Meister wie Josef Hoffmann, Adolf Loos. Leider ist der Bekanntheitsgrad österreichischer Designer Lichtjahre von jenem heimischer Sportler oder Unterhaltungskünstlern entfernt. Das ist schade, denn die österreichische Designszene sprießt prächtig vor sich hin und lässt auch international aufhorchen. Um nur einige wenige zu nennen: "Breaded escalaope", "mischer'traxler", Robert Rüf, Marco Dessi, Patrycja Domanska, Thomas Feichtner ...

foto: tina lehner
Tina Lehners lässt mit "Rocking Object" die Balken biegen.

13 Was zieht man an, wenn man zur Designweek geht?

Vom Klischee, dass der Designer nur schwarze Anzüge und farbige Brillen trägt, ist die Design Week weitgehend befreit. Wie das Design selbst, zeichnet sich die Garderobe der Festivalbesucher durch einen bunten Mix aus, vom Bio-Bobo-Look bis hin zum aufgebrezelten Besucher ist alles vertreten.

14 Welche Partys sind die besten?

Natürlich immer jene, die spontan an Locations entstehen. Ansonsten ist die Eröffnungsparty eine wirkliche große Sause, kann sie doch mit einem jährlichen Klassentreffen der Kreativbranche verglichen werden.

15 Müssen bei der Eröffnung wirklich acht Personen Grußworte sprechen?

Sagen wir, es erhöht die Vorfreude auf die anschließende Party. Durst hat auch die Festivalleitung, doch diese freut sich, dass die Designszene wenigstens einmal im Jahr als Adressatin von Aufmerksamkeit seitens Politikern und Funktionären ausgewählt wird. Und wer zahlt, will auch reden. Heuer unter anderem dabei: Kulturminister Thomas Drozda, Stadträtin Renate Brauner, Wirtschaftskammerpräsident Walter Ruck.

foto: kollektiv fischka / fischka.com
Workshops und Talks gehören zur Designweek ebenso wie Objekte.

16 Was sind die sogenannten Passionswege?

Die Passionswege waren von Anfang an Fixstarter bei der Design Week und sind ein absoluter Highlightprogrammpunkt des Designfestivals. Heimische Traditionsunternehmen wie die Hofzuckerbäckerei Demel, die Wiener Silbermanufactur oder A. E. Köchert Juweliere erarbeiten jeweils mit heimischen oder internationalen Designern ein spezielles Projekt, frei von kommerziellem Druck und offen in den Prozessen.

Heuer wird sich unter anderem der aus Südtirol stammende und in London lebende Designer Martino Gamper mit den Oberflächen und gefinkelten Techniken des Hauses J. & L. Lobmeyr beschäftigen und ein modernes Trinkglas präsentieren. Auch ein heißer Tipp für die Passionswege in diesem Jahr: Die Petit-Point-Stickereien von David Tavcar bei Maria Stransky, Hofburg Passage 2, erster Bezirk.

17 Findet die Design Week nur in Wien statt?

Nein, im Rahmen der "Design Week Safari" finden zum Beispiel zu verschiedenen Terminen Ausflüge zur Villa von Grete und Fritz Tugendhat im tschechischen Brno statt. Infos auch dazu unter: www.viennadesignweek.at

18 Hat Design etwas mit der Flüchtlingsproblematik zu tun?

Auf jeden Fall, zum Beispiel wenn der Kurator Oliver Elser vom Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am 6. 10. in der Festivalzentrale seinen Vortrag "Making Heimat – wie weiter nach der Flüchtlingsarchitektur?" hält.

19 Der fünfte Bezirk ist heuer der sogenannte Fokusbezirk. Wie wird dieser ausgewählt?

Mit dem Fokusbezirk möchte man abseits klassischer Trampelpfade aktiv werden. Das ist auch der Grund, warum zum Beispiel der als sehr kreativ geltende siebente Bezirk bislang nicht ausgewählt wurde. Entscheidend für die Auswahl des jährlichen Fokusbezirkes sind weiters das Vorhandensein leerstehender Locations, Handwerksdichte und eine gewisse Vielfalt.

foto: kollektiv fischka / www.fischka.com
Das Schweizer Trio "Big Game" arbeitete für die Wiener Silbermanufaktur.

20 Wie kommt die Wahl des Gastlandes – heuer ist es Tschechien – zustande?

Ähnlich wie die Auswahl des Fokusbezirks. Gesucht wird Qualität und Positionen, die nicht unbedingt auf der Hand liegen. Tschechien verfügt über eine ausgesprochen interessante Designlandschaft, ferner liegen dem Festival osteuropäische Zugänge immer wieder am Herzen.

21 Was kann man in der Festivalzentrale in Margareten erleben?

Im Jubiläumsjahr zieht die Festivalzentrale in die ehemaligen Bothe-&-Ehrmann-Ausstellungshallen. Was ursprünglich als Geschäftslokal für eine Kunsttischlerei diente, die Stilmöbel für die ganze Monarchie erzeugte, beherbergt nunmehr zehn Tage lang das Herzstück der Veranstaltung. Hier wird eine Fülle von Talks, Workshops und Ausstellungen stattfinden. Adresse: Schloßgasse 14, fünfter Bezirk.

22 Was bedeutet das Festival für die Stadt Wien?

Viel. Eine Studie zur wirtschaftlichen Nachhaltigkeit des Festivals von PGM Marketing Research sagt: "Für 83,3 Prozent ist das Festival für die Entwicklung des Designstandortes Wien zentral. Wien verdankt den fixen Platz auf der internationalen Designlandkarte der Vienna Design Week."

foto: nadine cordial
Martino Gamper stellt neue Gläser bei J. & L. Lobmeyr vor.

23 Welche Adabeis trifft man beim Festival?

Nicht die klassischen österreichischen Szenepromis. Stolz ist man auf Größen der Designszene und andere Opinionleader, die anreisen, zum Beispiel die Designkritikerin der "New York Times", Alice Rawsthorn oder Deyan Sudjic, den Direktor des Designmuseums in London. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass sich während der Designweek neben den jungen Talenten auch alte Meister tummeln.

24 Hat die Design Week etwas mit der Bundespräsidentschaftswahl zu tun?

In einem Punkt durchaus. Am 2. 10. findet in der Festivalzentrale eine Diskussion zum Thema "Das Sprachbild als Weltbild" statt, eine Debatte über die Deutungsrahmen im Bundespräsidentschaftswahlkampf. Mit von der Partie sind unter anderem Marcus Arige (Vizepräsident des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbandes, Sprecher für Kreativwirtschaft) und Stefan A. Sengl (The Skills Group, Wahlkampfleiter von Heinz Fischer im Jahre 2010).

25 Im internationalen Vergleich mit Festivals in London, Helsinki oder Mailand: Wo liegt die Design Week?

Das Wiener Festival wurde von Anfang an so kuratiert, dass es seinen Platz im internationalen Reigen durch ganz bestimmte Faktoren findet. Dazu zählen die starke Verbindung zur Stadt und stetig wechselnde Spielorte vom Barockpalais bis hin zur urigen Werkstatt. Unterm Strich wird die Wiener Version einer Designwoche für ihr stark kuratiertes Moment und ihr abwechslungsreiches Programm international geschätzt. Nach Wien reisen Interessierte und Journalisten, um neue Talente zu finden, auch die Nähe zu Osteuropa ist für viele Gäste ein Thema.

foto: kollektiv fischka / fischka.com
Das Häuschen auf dem Viktor-Adler-Markt gehört zum Projekt "Stadlarbeit".

26 Was kostet die Design Week?

Das Festival verfügt über ein Budget von circa 500.000 Euro. Dazu kommt das wohlwollende Entgegenkommen nicht weniger Partner.

27 Wie viel Schlaf bekommt das Team der Design Week während des Festivals?

Drei bis vier Stunden pro Tag.

28 Was denkt sich Lilli Hollein, wenn sie am letzten Abend der Design Week den Laden zusperrt?

An Urlaub verschwende sie an diesem Tag keinen Gedanken, sagt sie. Zu präsent seien die Eindrücke der vielen Begegnungen, zu viel Adrenalin sei noch im Blut. Außerdem gibt's auch noch eine Abschlussparty.

29 Bekommt das Festival zum Jubiläum ein Geburtstagsgeschenk?

Ja, die Vienna Design Week schenkt sich ein Buch, das sich sehen lässt. "Stadtarbeit – Ten Years of Design Featuring the City" gibt auf 430 Seiten einen umfangreichen Überblick über die Projekte der vergangenen zehn Jahre, auch wenn viel Gezeigtes zwischen den prächtig gefüllten Buchdeckeln keinen Platz mehr fand.

foto: nadine cordial
Festivalleiterin Lilli Hollein mit dem Wälzer, der zum Jubiläum erscheint.

30 Was ist in den zehn Jahren in die Hosen gegangen?

Im Rahmen der Passionswege ist es vorgekommen, dass Designer voll ins Projekt eingestiegen sind und dann plötzlich unauffindbar untertauchten und nicht mehr ans Telefon gingen. Sonst klopft man bezüglich Problemen im Büro des Festivals auf Holz.(Michael Hausenblas, RONDO, 23.9.2016)

>> Nachlesen: Interview mit Lilli Hollein

Die Vienna Design Week findet von 30. September bis 9. Oktober an unterschiedlichen Orten in Wien statt. Insgesamt zählt das Programm an die 150 Veranstaltungen.

viennadesignweek.at

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