Wenn Kakadus wie Kinder spielen

26. September 2016, 08:00
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Obwohl sie in der Natur keine Werkzeuge verwenden, zeigen sich Goffini-Kakadus im Versuch technisch äußerst versiert, wie Wiener Biologen zeigen

Wien – Von Papageien weiß man seit langem, dass sie zu erstaunlichen kognitiven Leistungen fähig sind. So ging etwa der 2007 verstorbene Graupapagei Alex in die Geschichte ein, weil er in zwanzig Jahren Training einen aktiven Wortschatz von 200 und einen passiven von 500 Wörtern erwarb. An der Universität Wien befassen sich Forscher seit Jahren mit einer anderen Papageienart: Goffini-Kakadus. Diese sprechen zwar nicht, beeindrucken dafür aber mit ihren technischen Fertigkeiten.

Die 30 Zentimeter großen, weißen Kakadus kommen wild nur auf einer Inselgruppe in Indonesien vor. Sie leben dort in Gruppen und ernähren sich von Samen, Früchten, Wurzeln und Insekten. Soweit man bisher weiß, verwenden sie in freier Natur kein Werkzeug – wohl aber im Versuchslabor. Wie innovativ sie dabei sind, untersuchte Verhaltensforscherin Alice Auersperg zuerst am Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien und derzeit im Rahmen eines Projektes am Messerli-Institut der Veterinärmedizinischen Universität Wien, das vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert wird.

Insgesamt 15 Goffini-Kakadus stellen derzeit Auerspergs Versuchstruppe, die in den vergangenen Jahren schon jede Menge Befunde für ihre geistige Flexibilität geliefert hat. So sind sie begabte "Safe-Knacker": In einer Studie schafften es untrainierte Goffinis, eine Nuss aus einer Box zu holen, die mit fünf verschiedenen Verschlussmechanismen versperrt war. Dabei war die Anordnung so gewählt, dass jedes Schloss erst geöffnet werden konnte, wenn das vorherige überwunden war, und für jedes waren verschiedene Bewegungen nötig: Die Vögel mussten zuerst einen Stift herausziehen, dann eine Schraube aufdrehen, einen Bolzen entfernen, ein Rad ausrichten und zuletzt einen Riegel wegschieben, ehe sie den Leckerbissen verspeisen konnten.

Bei der Aufgabe zeigte sich, dass die kognitive Leistung eines Vogels nicht so einfach auf alle seiner Art übertragen werden darf: Das Kakadu-Männchen Pipin löste die komplette Versuchsanordnung innerhalb von zwei Stunden ohne Hilfe, während es seine Artgenossen erst schafften, nachdem sie entweder einem trainierten Vogel zugesehen oder vorher jedes Schloss einzeln bearbeitet hatten. "Natürlich gibt es große individuelle Unterschiede", sagt Auersperg, "aber die Talente sind verschieden verteilt: Manchmal lösen sehr forsche Individuen eine Aufgabe später als sehr scheue, oder manche können etwas lange nicht, aber dann plötzlich viel besser als alle anderen. Das ist überhaupt nicht vorhersehbar."

Allerdings gilt für die Mehrheit der Kakadus: Wenn sie einen Mechanismus einmal "geknackt" haben, haben sie von da an keine Probleme mehr damit. Auch Tests, bei denen die verschiedenen Schlösser in neue Reihenfolgen gebracht und teilweise sogar funktionslos gemacht wurden, irritierten sie nicht: "Sie haben einfach die meisten irrelevanten Teile weggelassen", so Auersperg.

Alles für den Cashewkern

Damit nicht genug, setzten die Forscher die Vögel auf eine Art Spielplatz mit hölzernem Kleinkinderspielzeug sowie Röhren und Löchern – und waren beeindruckt. Die Kakadus verwendeten die Spielsachen ganz so, wie das Menschenaffen und menschliche Kleinkinder tun, sprich: Sie stopften kleinere Dinge in Spalten und Röhren und steckten Ringe auf einen Pol. Auch zwei verschiedene Futterapparate, die jeweils mit einem Stöckchen oder einer Kugel betätigt werden mussten, um an eine Nuss zu kommen, stellten die meisten Vögel nicht lange vor ein unlösbares Problem.

Bemerkenswerterweise betätigten sie die Apparate aber nicht unter allen Umständen: Wurde die "Maschine" mit einem Cashewkern bestückt, das absolute Lieblingsfutter der Vögel, während eine weniger attraktive Pekannuss frei zugänglich war, holten sich die Kakadus die Nuss aus dem Apparat – im umgekehrten Fall jedoch fraßen sie die Cashew und ließen Apparat samt Pekannuss links liegen.

Im Unterschied zu Neukaledonischen Krähen, die für ihren Werkzeuggebrauch berühmt sind, sind Goffini-Kakadus keine angeborenen Werkzeugbenutzer. In freier Wildbahn bauen sie nicht einmal Nester. Sie sind allerdings neugierig und können sich mit interessanten Objekten sehr lange beschäftigen. Das kommt ihnen bei der Nahrungssuche in ihrem natürlichen Habitat zugute, denn so kommen sie auch an Früchte, deren Schalen sehr schwer zu öffnen sind. Mancherorts graben sie auch nach essbaren Wurzeln. "Sie sind sehr ausgeprägte Generalisten", sagt Auersperg, "und als solche scheinen sie eine generelle Intelligenz in puncto Technik zu haben – wie ein offenes Programm."

Innovationsfreudige Tiere

Wie offen dieses Programm ist, demonstrierte der Kakadu Figaro, als er – völlig selbstständig außerhalb eines Versuches – eine Nuss aus einem Drahtkäfig holen wollte. Mit einem Stäbchen hätte er das gekonnt, allerdings war keines zur Hand. Daraufhin biss Figaro einen länglichen Splitter aus einem Holzbalken und holte sich damit das Objekt seiner Begierde. Solch innovatives Verhalten ist im Tierreich extrem selten, deshalb will Auersperg die Innovationsfähigkeit der Goffinis im laufenden FWF-Projekt systematisch testen.

Dabei soll unter anderem das erste Mal untersucht werden, ob sie das können, womit die Neukaledonische Krähe Betty Forschungsgeschichte schrieb: Sie bog aus eigenem Antrieb einen Draht zu einem Haken, um an ein Leckerli zu kommen. Die Goffinis bekommen stattdessen Pfeifenputzer, mit denen sie eine Nuss in einem Kübelchen aus einer senkrechten Röhre angeln oder aus einer waagrechten schieben sollen: In einem Fall müssen sie den geraden Pfeifenputzer zu einem Haken biegen, im anderen einen gebogenen gerade richten. Man darf gespannt sein, was ihnen dazu einfällt. (Susanne Strnadl, 25.9.2016)

  • Goffini-Kakadus sehen nicht nur  verspielt aus, sie sind es auch:  Im Setting eines für sie geschaffenen  Spielplatzes zeigt sich, dass sie Spielsachen ähnlich wie Menschenkinder verwenden – etwa verstopfen sie Spalten mit kleinen Gegenständen.
    foto: alice auersperg

    Goffini-Kakadus sehen nicht nur verspielt aus, sie sind es auch: Im Setting eines für sie geschaffenen Spielplatzes zeigt sich, dass sie Spielsachen ähnlich wie Menschenkinder verwenden – etwa verstopfen sie Spalten mit kleinen Gegenständen.

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