Altersmigration am Bodensee: Es muss nicht immer Mallorca sein

26. September 2016, 10:00
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Fachhochschulen Vorarlberg und Kempten erforschen die Hintergründe von Treibern regionalen Strukturwandels

Dornbirn – Mallorca und Florida stehen für Ruhestand im Sonnenschein. Längst wurden aber auch andere schöne Flecken zum Sehnsuchtsort für den letzten Lebensabschnitt. Die Bodenseeregion zählt zu diesen Orten. Gefühlt steigt der Anteil der älteren Zuwanderer dort stetig. Die Fachhochschulen Vorarlberg und Kempten wollen nun mit dem Forschungsprojekt "Altersmigration und Gesundheitstourismus als Treiber regionalen Strukturwandels" Daten und Fakten liefern.

Motive für den Wechsel des Wohnorts sind meist besseres Klima, die schöne Landschaft, lose Familienstrukturen und Ende des Arbeitslebens, das mit dem Wohnort verbunden war. Altersmigration sei noch ein sehr unerforschtes Phänomen, sagt der Leiter des Forschungsbereichs Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der FH Vorarlberg, Frederic Fredersdorf. Gemeinsam mit Markus Jüster von der FH Kempten (Deutschland) untersucht er im zweijährigen Forschungsprojekt Altersmigration und ihre Folgen in Vorarlberger und Allgäuer Kommunen.

Als Partner hat man sich die Tourismusgemeinde Schruns (Montafon) und den Kurort Bad Wörishofen im Allgäu ausgesucht. Die Wirkungsstätte Pfarrer Kneipps und der Montafoner Wintersportort sind Gemeinden mit hohem Seniorenanteil. In Schruns sind 30 Prozent über 60 alt, in Bad Wörishofen liegt das Durchschnittsalter bei 55 Jahren.

Ambivalente Folgen

Die Auswertung von Statistiken und Befragungen sollen Aufschluss über die Anzahl der zugewanderten Senioren geben. Über Interviews und Schreibwerkstätten, in denen Altersmigranten ihre Beweggründe und Lebenssituationen beschreiben, will man mehr über die Motive für die Migration erfahren. Schließlich sollen Dialogrunden und Experteninterviews Aufschluss über die Auswirkungen der Einwanderung und notwendige Maßnahmen geben. Ziel sei es nicht, neue touristische Angebote zu schaffen, sondern Auswirkungen des Strukturwandels zu untersuchen, sagt Fredersdorf. "Und da es ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt ist, auch Maßnahmen vorzuschlagen." Beispielsweise Kommunikationsstrategien, die Integration und Aufnahme der neuen Bewohner erleichtern.

Die ökonomischen, sozialen und ökologischen Folgen der Altersmigration sind durchaus ambivalent, erkannte die deutsche Sozialwissenschafterin Claudia Kaiser, die sich mit der transnationalen Migration deutscher Pensionisten nach Mallorca beschäftigte. Da vor allem alte Menschen mit überdurchschnittlich hohem Bildungsniveau, Sozialprestige und Einkommen auswandern, komme es zu sozialer Segregation und ökonomischen Auswirkungen auf die Einwanderungsregionen.

Mögliche Spannungen

Fredersdorf: "Die Zuwanderer treffen auf eine Wohnbevölkerung, die nicht zwingend über eine ähnliche Ressourcenausstattung verfügt. Das kann zu Spannungen führen." Die handfesten negativen Folgen für junge Familien an den Sehnsuchtsorten können steigende Immobilienpreise sein. Fredersdorf: "Wer Kapital hat, investiert heute in Immobilien, Wohnraum wird für Junge immer teurer." Erste Tendenzen der Abwanderung junger Menschen zeigten sich in Bad Wörishofen bereits.

Ein weiterer Negativaspekt der Altersmigration könnte der notwendige Ausbau kostenintensiver Gesundheitsinfrastruktur sein. Ein Ziel der Studie ist es deshalb, Synergien zwischen Infrastrukturausbau und Gesundheitstourismus aufzuzeigen: die Nachnutzung wenig nachgefragter Kurinfrastruktur beispielsweise.

Ein positiver Aspekt der Zuwanderung alter Menschen könnte deren bildungsbürgerlicher Hintergrund sein, der "Zugewinn kultureller wie sozialer Kompetenz", so Fredersdorf. Im besten Fall entstehen generationenübergreifende kommunikative Strukturen, wird in den Zielort investiert, das Leben in den Dörfern bliebe für junge Menschen interessant. (jub, 26.9.2016)

  • Immer mehr Menschen wechseln im Alter an Sehnsuchtsorte wie den Bodensee
    foto: apa/dpa/kästle

    Immer mehr Menschen wechseln im Alter an Sehnsuchtsorte wie den Bodensee

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