Festnahmen nach Brand in Flüchtlingslager Moria auf Lesbos

20. September 2016, 15:59
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Auseinandersetzungen zwischen Bewohnern – Hilfsorganisationen und lokale Behörden warnen vor der Überfüllung der Lager

Moria/Wien – Die Bilanz eines Brandes im Registrierungslager für Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos ist verheerend: In der Nacht auf Dienstag flüchteten die rund 5.000 Menschen, die sich im überfüllten Camp von Moria befanden, vor den Flammen, die etwa 60 Prozent der Unterkünfte im Lager zerstörten. Etwa 800 Personen sind nun obdachlos, die griechischen Behörden hatten Dienstagvormittag einen Krisenstab mit den Hilfsorganisationen einberufen.

Zwar ist die Ursache für das Feuer noch nicht klar, doch gehen die Ermittler von Brandstiftung aus. Ein Streit unter Lagerbewohnern hatte laut Berichten zu Zusammenstößen geführt. Neun Verdächtige wurden festgenommen – sie sollen Zelte in Brand gesetzt haben. Verletzt wurde niemand. 40 zusätzliche Polizisten wurden nach Lesbos entsandt.

UNHCR: wenig Sicherheit

Das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) reagierte prompt und schickte 100 Familienzelte von Athen nach Lesbos. "Doch Zelte allein werden das Problem auf den griechischen Inseln nicht lösen", sagt Roland Schönbauer von UNHCR Griechenland. Dass es zu solch einem Unglück gekommen sei, liegt für ihn in mehreren Faktoren begründet. Vor allem liegt es an der mangelnden Sicherheit in den von der griechischen Regierung geführten Unterkünften. Bereits seit Monaten würde UNHCR in Gesprächen mit den Behörden stehen, um sie dazu zu bringen, Anzeigen und Gerüchten über Unruhen vermehrt nachzugehen: "Es geht um die Sicherheit der Flüchtlinge, jene der Beamten, die im Lager arbeiten, und um das bessere Zusammenleben mit der lokalen Bevölkerung", sagt Schönbauer.

Dass es mit der heimischen Bevölkerung vermehrt zu Spannungen kommt, ließ sich auch in der Nacht auf Dienstag beobachten. Medien berichteten, dass die Bewohner des nahe gelegenen Ortes Moria die flüchtenden Campbewohner zurückdrängten. Sie mussten daraufhin in die rund 25 Kilometer entfernte Inselhauptstadt Mytilene fliehen.

Mehr Transporte gefordert

Um solchen Unglücken vorzubeugen, plädiert das Flüchtlingshochkommissariat – gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen vor Ort – für vermehrte Transporte der Asylsuchenden auf das Festland bzw. in weiterer Folge in andere EU-Staaten. In dem Zusammenhang kritisiert Schönbauer einmal die fehlende EU-Hilfe für Griechenland: "Das Relocation-Programm der EU sieht vor, dass 66.400 Flüchtlinge von Griechenland auf andere Mitgliedsstaaten aufgeteilt werden. Das Versprechen kam im September des Vorjahres. Bis dato waren es 3.700 Flüchtlinge, die transferiert wurden."

Außerdem sollten laut UNHCR die Asylverfahren beschleunigt und die Abschiebungen nach negativen Bescheiden effektiv durchgeführt werden. "Natürlich unter Wahrung der Menschenrechte", so Schönbauer. "Die Lage ist schwierig", sagte Christiana Kalogirou, Gouverneurin der Region nördliche Ägäis, zu einem TV-Sender. Man müsste dringend die Engpässe bei Unterkünften auf den Inseln beseitigen.

Auf Lesbos befinden sich derzeit etwa 5.650 Flüchtlinge, obwohl die Unterkünfte eigentlich nur Platz für 3.500 Menschen bieten. Vor allem das einsetzende schlechte Wetter mit dem Regen würde die Lage der Asylsuchenden, die im Moment obdachlos sind, erschweren. (bbl)

300.000 Flüchtlinge übers Mittelmeer nach Europa gekommen

Seit Jahresbeginn sind nach Angaben der Vereinten Nationen bisher mehr als 300.000 Flüchtlinge und Einwanderer über das Mittelmeer nach Europa gelangt. Dies sind deutlich weniger als die 520.000 Menschen, die in den ersten neun Monaten 2015 in die EU kamen, wie das UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) am Dienstag mitteilte.

Bisher starben demnach 3.211 Flüchtlinge bei dem Versuch, über das Meer Europa zu erreichen. Im gesamten Jahr 2015 ertranken 3.771 Flüchtlinge im Mittelmeer. Damit drohe 2016 "zum tödlichsten Jahr im Mittelmeer" zu werden, sagte UNHCR-Sprecher William Spindler.

Die Zahl der ankommenden Flüchtlinge ging in Griechenland um 57 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück. In Italien kamen dagegen nahezu gleich viele Schutzsuchende an wie im Vorjahreszeitraum. (bbl, APA, 20.9.2016)

  • Montagabend sorgte ein Feuer im griechischen Flüchtlingslager Moria für Panik: 3.000 Menschen flüchteten vor den Flammen.
    foto: apa/afp/str

    Montagabend sorgte ein Feuer im griechischen Flüchtlingslager Moria für Panik: 3.000 Menschen flüchteten vor den Flammen.

  • Das Feuer konnte noch am Abend unter Kontrolle gebracht werden. Verletzt wurde niemand.
    foto: apa/afp/str

    Das Feuer konnte noch am Abend unter Kontrolle gebracht werden. Verletzt wurde niemand.

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