Anschlag in New York: Polizei geht von Einzeltäter aus

20. September 2016, 07:24
280 Postings

Gebürtiger Afghane nach Schießerei mit Polizei in New Jersey festgenommen

New York – Ahmad Khan Rahami liegt festgeschnallt auf einer Trage. Er blutet aus einer klaffenden Wunde am rechten Oberarm und hat einen verbundenen Oberschenkel, aber er ist bei vollem Bewusstsein, als Polizisten ihn auf der Trage in einen Krankenwagen schieben. Auf einer regennassen Straße in Linden, einer Satellitenstadt im Vorortgürtel New Yorks, ist er bei einem Schusswechsel mit Ordnungshütern verletzt worden. Auch zwei Polizisten erlitten Verletzungen. Es ist das schnelle, sehr schnelle Ende einer Terrorfahndung, die in New York und im sonst eher schläfrigen Vorortmilieu New Jerseys für ein paar Stunden die Nerven blank liegen ließ.

Fahndungsaufruf

Rahami, ein 28 Jahre alter, in Afghanistan geborener US-Bürger, steht im Verdacht, im New Yorker Stadtteil Chelsea eine Bombe gezündet und weitere Anschläge geplant zu haben. Bevor am Montagmittag (Ortszeit) Bilder seiner Festnahme die Runde machten, hatte sich ein wahres Nervendrama abgespielt. Dem vorausgegangen war am Morgen ein mobil übermittelter, millionenfach abgesetzter Fahndungsaufruf der Polizei, angekündigt durch einen schrillen, nervigen Ton auf dem Handy, der einen sofort aufschrecken ließ. Er galt einem Mann, von dem es hieß, dass er für eine Explosion im Vergnügungsviertel Chelsea verantwortlich sein könnte. "Gesucht! Ahmad Khan Rahami, 28 Jahre alt", war auf dem Display des Smartphones zu lesen. Man solle 911 anrufen, falls man ihm begegne. 911, in Amerika die Nummer des Notrufs.

Verbindungen ins Ausland

Erstmals sagten die Behörden nun auch, dass die Detonation vermutlich einen terroristischen Hintergrund habe und es möglicherweise Verbindungen ins Ausland gebe. In New York, wo diese Woche mehr als 130 Staats- und Regierungschefs zur Vollversammlung der Vereinten Nationen erwartet werden, wurden die Sicherheitsvorkehrungen noch einmal deutlich verstärkt, von schärferen Kontrollen in der U-Bahn bis hin zu erhöhter Polizeipräsenz am World Trade Center. Bürgermeister Bill de Blasio wandte sich mit warnenden Worten an die Bevölkerung: "Ich will es ganz klar sagen, dieser Mann könnte bewaffnet und sehr gefährlich sein."

De Blasio wollte keine Details nennen, erklärte aber, die Sicherheit der Stadt könnte davon abhängen, dass der Mann so schnell wie möglich gefasst werde. Bei Rahami handelt es sich um einen 1988 in Afghanistan geborenen US-Bürger. In Elizabeth, einer Pendlerstadt im Umfeld New Yorks, soll er seinen Lebensunterhalt verdient haben, indem er in der rund um die Uhr geöffneten Hähnchenbraterei seiner Familie arbeitete. "First American Fried Chicken" steht auf einem blauen Schild über dem Laden.

"Sollten nicht überrascht sein"

Eine Verbindung zum internationalen Terrorismus wird nicht mehr ausgeschlossen. "Gestern hatten wir diese Informationen noch nicht", sagte der Gouverneur des Bundesstaates New York, Andrew Cuomo. "Heute sollten wir nicht überrascht sein, wenn die Ermittler zu diesem Ergebnis kommen."

Ein Vertreter der New Yorker Polizei sagte, zum Motiv der Taten gebe es noch keine Erkenntnisse. Bürgermeister Bill de Blasio erklärte: "Wir haben jeden Grund, davon auszugehen, dass dies ein Terrorakt war." Cuomo erklärte aber, dass es sich laut ersten Ermittlungen um einen Einzeltäter handle. "Wir glauben, dass die Bedrohung beseitigt ist", sagte Cuomo dem Sender MSNBC. Allerdings setzte er hinzu: "Morgen ist ein neuer Tag."

Die Staatsanwaltschaft von Union County erhob am Montagabend Anklage wegen fünffachen Mordversuchs. Ermittler sehen noch keine klaren Hinweise, dass Rahami in direkter Verbindung zum IS oder zu Al-Kaida steht. Allerdings, betonen sie, habe die Suche nach eventuellen Hintergründen gerade erst begonnen. Bisher wisse man so gut wie nichts über den Verdächtigen, weder über seine Ideologie noch über seine Motive.

Nur wenige Stunden vor dem ungewöhnlichen Handy-Alarm hatten Fahnder der Bundespolizei FBI am Bahnhof von Elizabeth, Rahamis Wohnort, südwestlich der Hochhausinsel Manhattan gelegen, einen Rucksack mit verdächtigen Paketen entdeckt. Einer der Sprengsätze sei während des Versuchs, ihn mithilfe eines Roboters zu entschärfen, in die Luft gegangen, hieß es in einer Mitteilung des FBI.

Wie die "New York Times" unter Berufung auf Ermittlerkreise meldete, besteht zwischen den Explosionen und Bombenfunden an drei Orten im Ballungsraum New York offenbar ein Zusammenhang. Am Samstagabend waren bei der Detonation in Chelsea, einem Trendviertel im Süden Manhattans, 29 Menschen verletzt worden. Nur wenige Stunden zuvor war in Seaside Park, einer Kleinstadt an der Atlantikküste New Jerseys, ebenfalls eine Bombe detoniert. Sie sollte offenbar während eines Benefizrennens zugunsten von Armeeveteranen hochgehen, eines Rennens, an dem mehr als fünftausend Hobbyläufer teilnahmen. Es kam nur deshalb niemand zu Schaden, weil sich der Start des Rennens verzögerte. Der dritte mutmaßliche Anschlagsort war die Bahnstation von Elizabeth.

Obama verspricht Unterstützung

Nach dem Bombenanschlag hat US-Präsident Barack Obama den Sicherheitskräften seine Unterstützung zugesagt. Sie könnten bei den Ermittlungen mit jeglicher Unterstützung der Bundesbehörden rechnen, sagte Obama am Montag in New York. Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton sieht die USA im Kampf gegen Terrorismus im eigenen Land gut gerüstet. "Die Bedrohung ist echt, ebenso wie unsere Entschlossenheit", sagte Clinton am Montag vor Medien in White Plains nahe New York. Die Amerikaner würden sich nicht wegducken. Die Sicherheitsbehörden seien auf Herausforderungen wie diese vorbereitet. (red, Frank Herrmann, APA, 19.9.2016)

  • Ahmad Khan Rahami auf einem Video einer Überwachungskamera.
    foto: reuters/new jersey state police

    Ahmad Khan Rahami auf einem Video einer Überwachungskamera.

  • Rahami wurde in Linden in New Jersey verhaftet.
    foto: apa/afp/samad

    Rahami wurde in Linden in New Jersey verhaftet.

  • Zuvor lieferte er sich eine Schießerei mit der Polizei.
    foto: reuters/anthony genaro

    Zuvor lieferte er sich eine Schießerei mit der Polizei.

  • Die Polizei schickte einen Fahndungsaufruf per SMS.
    foto: ap

    Die Polizei schickte einen Fahndungsaufruf per SMS.

Share if you care.