Uno: Obamas Abschied von der großen Bühne

Analyse20. September 2016, 07:00
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Zur Zeit hält der US-Präsident seine achte und letzte Rede vor der Uno-Generalversammlung. Zeit, Bilanz zu ziehen

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Es ist eine Episode, die man sich dieser Tage gern erzählt in New York, wo Barack Obama am Dienstag seinen Abschied von der Bühne der Vereinten Nationen nimmt. Obama war unterwegs in Asien, mit Kurs auf Malaysia flog die Air Force One übers Südchinesische Meer. Da die Medienkritik an seiner scheinbar ergebnisarmen Diplomatie immer schärfer wurde, ging der US-Präsident unvermittelt nach hinten, um vor den mitreisenden Journalisten einen kleinen Vortrag zu halten. "Ich kann meine Außenpolitik in einem Satz zusammenfassen", sagt er. "Don't do stupid shit."

Später wurde das Zitat von April 2014 leicht abgewandelt, um es für den öffentlichen Gebrauch verwendbar zu machen. Aus "shit" wurde "stuff", was neutraler klingt. Bau keinen Mist: Fortan sollte Obama die Zeile noch oft wiederholen, sodass sie sich als ebenso saloppe wie prägnante Kurzformel seiner Philosophie ins Gedächtnis einprägte. Amerika bekomme immer dann Probleme, hatte er an Bord der Maschine gesagt, wenn es seine Möglichkeiten überschätze. Nicht, wenn es sich zurückhalte. In seine verheerendsten Desaster sei das Land immer dann geschlittert, wenn es sich leichtsinnig auf militärische Abenteuer eingelassen habe, sei es in Vietnam, sei es im Irak.

"Don't do stupid shit" als Leitmotiv

Folglich müsse es vermeiden, in Konflikte hineingezogen zu werden, bei denen sein nationales Interesse nicht unmittelbar auf dem Spiel stehe. Wie in Syrien. Wie in der Ukraine. Am Ende, so schildert es Mark Landler, ein Reporter der "New York Times", ließ Obama die versammelten Journalisten den Schlüsselsatz im Chor wiederholen. "Wie Schüler, denen ein subversiver Lehrer einen frechen Reim beigebracht hat, haben wir nachgeplappert: 'Don't do stupid shit.'" Wörtlich wird er es so vermutlich nicht sagen, doch der Satz dürfte zum Leitmotiv werden, wenn der Präsident zum achten und letzten Mal zum Auftakt der Generaldebatte der Uno redet. Obama, das hat sein junger, einflussreicher Berater Ben Rhodes bereits avisiert, wird seine acht Jahre im Oval Office Revue passieren lassen.

Er wird den Charme des langen Atems beschwören, das Konzept "Wandel durch Annäherung". Paradebeispiel Iran: Es habe Jahre gedauert und nebenbei harter Wirtschaftssanktionen bedurft, ehe Teheran bereit war, ernsthaft über die Beschränkung seines Atomprogramms zu verhandeln, sagt Rhodes. Im September 2009, in seiner ersten Rede vor der Uno-Vollversammlung, kurz bevor ihm viel zu früh der Friedensnobelpreis verliehen wird, spricht Obama von den vier Säulen, auf denen amerikanische Außenpolitik ruhe. Erstens die Verbreitung von Atomwaffen stoppen.

Förderung der Demokratie

Zweitens Frieden und Sicherheit in der Welt stärken. Drittens anerkennen, dass es im 21. Jahrhundert keinen Frieden geben wird, wenn die Menschheit ihrer Verantwortung für den Schutz des Planeten nicht gerecht wird. Viertens an einer Weltwirtschaft arbeiten, die ausnahmslos allen Chancen bietet. Ein Punkt fehlt: Weltweit die Demokratie fördern, etwas, was bei seinem Vorgänger George W. Bush noch ganz oben gestanden war.

Als ihm Berater ans Herz legen, das Prinzip zur fünften Säule zu erklären, hält Obama intern dagegen. Die Welt sei kompliziert, zitiert ihn Landler. Wo ein Regime zusammenbreche, seien Konflikte die unvermeidliche Folge. Im vorigen Herbst, als er davor warnte, sich allzu schnell mit dem syrischen Autokraten Bashar al-Assad zu arrangieren, klang es dann doch etwas anders. Da polemisierte Obama gegen den Irrglauben, wonach starke Männer Stabilität garantieren. Die Geschichte sei übersät mit Beispielen falscher Propheten und gefallener Imperien, die geglaubt hätten, dass der Starke immer recht bekomme, sagte er. Ganz so einfach ist es also nicht.

Dennoch, im Spektrum amerikanischer Strategien, zwischen sendungsbewusstem Idealismus und stocknüchterner Realpolitik, lässt sich Obama ohne Zweifel dem Lager der Realpolitiker zurechnen. Seine Bewunderung gilt dem alten George Bush, einem Republikaner der gemäßigten Schule. Und im UN-Hauptquartier am New Yorker East River bemühte er sich beizeiten, die hochgeschraubten Erwartungen zu dämpfen, die sein Wahlsieg ausgelöst hatte. Schon ganz am Anfang, als der selbsterklärte Weltbürger noch euphorisch gefeiert wurde. (Frank Herrmann aus New York, 20.9.2016)

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