Randphänomen Gesichtsverhüllung

Userkommentar19. September 2016, 12:37
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Wie soll eine liberale Gesellschaft damit umgehen, wenn einige wenige Menschen auf der Straße ihr Gesicht verhüllen? Ein Plädoyer gegen Gesichtsverhüllung, aber auch gegen ein Verhüllungsverbot

Geschätzte 100 bis 150 Frauen verhüllen in Österreich ihr Gesicht, wenn sie auf die Straße gehen. Hinzu kommen insbesondere in den Sommermonaten einige Touristinnen aus arabischen Ländern, die im öffentlichen Raum ihr Gesicht verhüllen. Es handelt sich also um eine sehr kleine Randgruppe, von der wir sprechen, wenn wir über Gesichtsverhüllung in Österreich sprechen. Mehr als 99,99 Prozent der in Österreich lebenden knapp viereinhalb Millionen Frauen tragen keinen Gesichtsschleier.

Ich selbst bin in den vergangenen zwölf Monaten in Wien zweimal einer Frau, die einen Gesichtsschleier trug, begegnet, einer Touristin und einer Frau, die nicht den Anschein weckte, Touristin zu sein. Ich teile die Irritation und das Befremden, die durch die Verhüllung des Gesichtes bei sehr vielen ausgelöst werden. Ich will unter keinen Umständen in einer Gesellschaft leben, in der Menschen dazu gezwungen werden, ihr Gesicht zu verhüllen. Das lehne ich zutiefst ab.

Kommunikativer Rückzug

Ich will aber auch nicht in einer Gesellschaft leben, in der viele Menschen ihr Gesicht verhüllen wollen. Denn die Verhüllung des Gesichts steht für den nahezu totalen kommunikativen Rückzug im öffentlichen Raum, und sie steht für das Praktizieren einer radikalen Geschlechtertrennung, die ich in meiner Lebenswelt nicht haben möchte.

Daher bin ich sehr dafür, Maßnahmen zu setzen, die eine offene Gesellschaft stärken, Gleichberechtigung fördern und insbesondere Mädchen und Frauen in ihrer Freiheit und Selbstbestimmtheit unterstützen. Menschen, die in Österreich aufwachsen, sollten bereits ab einem sehr frühen Alter über Mädchen- und Frauenrechte aufgeklärt und über Unterstützungsangebote informiert werden.

Ein Fall für Sozialarbeit

Ich fände es auch gut, wenn Frauen, die auf der Straße ihr Gesicht verhüllen, von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern angesprochen werden und ihnen, wenn sie das wollen, Unterstützung angeboten wird. Und ich bin sehr dafür, Touristinnen, die mit verhülltem Gesicht nach Österreich kommen, darüber zu informieren, dass verhüllte Gesichter im öffentlichen Raum bei sehr vielen Menschen Unbehagen auslösen.

Von der verführerischsten aller Maßnahmen rate ich jedoch sehr ab: vom Verhüllungsverbot. Diese Maßnahme wirkt auf den ersten Blick bestechend einfach, bestechend klar und hat doch gravierende negative Nebenwirkungen.

Fremdbestimmung und Zwang

Ein Verhüllungsverbot ist keine Maßnahme, die Selbstbestimmtheit fördert, sondern es ist eine Maßnahme, die Fremdbestimmung und Zwang ausübt. Ein Verhüllungsverbot schreibt Menschen vor, was sie anziehen dürfen und was nicht. Es ist zudem eine Maßnahme, die eher zum Rückzug anregt denn zur Offenheit.

Ein Verhüllungsverbot ist darüber hinaus eine Maßnahme, die Fundamentalisten und Fundamentalistinnen in einem wichtigen Punkt in die Hände spielt. Es raubt uns die Möglichkeit zu sagen, dass Frauen (und Männer) hierzulande tragen können, was sie wollen. Und es ermöglicht den Fundamentalisten und Fundamentalistinnen zu sagen, seht her, nicht nur wir üben Bekleidungsdruck aus, auch andere tun das.

Es gehört zu den großen Stärken unserer heutigen Gesellschaft in Österreich, dass keine staatliche Institution und keine Behörde Frauen (und Männern) vorzuschreiben hat, was sie anziehen dürfen. Ich finde, wir sollten diese Stärke bewahren. (Alexander Pollak, 19.9.2016)

  • Ein Verhüllungsverbot fördert nicht die Selbstbestimmtheit. Es ist eine Maßnahme, die Fremdbestimmung und Zwang ausübt.
    foto: apa/roland schlager

    Ein Verhüllungsverbot fördert nicht die Selbstbestimmtheit. Es ist eine Maßnahme, die Fremdbestimmung und Zwang ausübt.

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