Niemand wird als Präsident geboren

18. September 2016, 20:41
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Barry Jenkins' "Moonlight" wurde auf dem Filmfestival Toronto als Highlight des US-Kinos dieses Jahres gefeiert. Auch sonst zeigte sich das afroamerikanische Kino facettenreich.

Zwei Gefangene fliehen, der eine ist weiß, der andere schwarz. Weil sie aneinandergekettet sind, müssen sie miteinander ein Auskommen finden. Als sie später, inzwischen getrennt, auf einen Zug aufspringen wollen, gelingt dies nur Sidney Poitier. Er hält Tony Curtis die Hand hin, der bekommt sie gerade noch zu fassen, doch dann muss er abspringen.

Der Film heißt Flucht in Ketten (The Defiant Ones), inszeniert hat ihn Stanley Kramer im Jahr 1958. Bei der erwähnten Szene, erzählt der Schriftsteller James Baldwin in Raoul Pecks Dokumentarfilm I Am Not Your Negro, hätte es zwei grundverschiedene Zuschauerreaktionen gegeben. Das weiße Publikum, an das sich der Film richtete, hätte, ergriffen von dem Moment des Übereinkommens, erleichtert durchgeatmet; das schwarze jedoch hätte heftig protestiert – so ein Depp, wäre er doch auf dem Zug geblieben!

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Rollen, die ein afroamerikanisches Publikum annehmen kann, sind auch 60 Jahre später noch rar. Die Diskussion um mehr Diversität, die nach der letzten Oscar-Verleihung die Academy zu Anpassungen in den Statuten veranlasste, zeigt immerhin an, dass die Sensibilität gewachsen ist. Auf dem Filmfestival von Toronto hatte es nun den Anschein, dass die Filme von afroamerikanischen Regisseuren (oder solche mit entsprechenden Inhalten) zu den am meisten gefeierten zählten.

Nate Parkers Sklavereidrama Birth of a Nation wurde nach seiner Auszeichnung in Sundance auch in Kanada aufgrund seiner plastischen Gewaltszenen kontrovers diskutiert. Den größten Wirbel erzeugte allerdings Moonlight, der zweite Spielfilm von Barry Jenkins: Der Zulauf war so groß, dass Tag für Tag weitere Presse- und Industryvorführungen angehängt werden mussten.

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Von der Sehnsucht, so zu leben, wie man ist: Barry Jenkins Coming-of-Age-Drama "Moonlight" um das Heranwachsen eines schwarzen Buben in Miami war der am meisten gefeierte Film beim Festival Toronto.

Dabei ist Moonlight ein nachgerade introvertierter Film, der in drei Kapiteln – basierend auf Alvin McCraneys Theaterstück In Moonlight Black Boys Look Blue – die Verwandlung eines Buben zum zerbrechlichen Mann einfängt. Chiron kommt aus ärmlichen Verhältnissen in Miami, so etwas bezeichnet man gerne als ein soziales Umfeld, das einen formt. Doch der Junge mit dem offenen Blick ist anders: verspielt, empfindsam, aufgeschlossen. Eine Ausrichtung zur Welt, die Jenkins in lichtintensiven Bildern auffängt. Bei Chirons erstem Schwimmversuch im Meer füllt sich die Leinwand mit Wasser an.

Lauter Gangsterimitate

Moonlight ist ein Coming-of-Age-Drama über einen Schwarzen, der in einer Gesellschaft von Altersgenossen aufwächst, in der übertrieben maskulinisierte Gangsterimitate das Sagen haben. Der "Schwächling" wird entsprechend diskriminiert. Jenkins greift ein Repräsentationsdilemma auf, das gerade für die afroamerikanische Community eminent politisch ist. Doch Moonlight ist kein Themenfilm, sondern genau das Gegenteil. Jenkins interessiert sich für Chirons Gefühlslagen, in denen subjektives Empfinden im Vordergrund steht, das Drängen eines Verlangens und der Sehnsucht, das er visuell souverän umzusetzen versteht.

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Moonlight arbeitet damit auch gegen die blinden Flecken an, auf die I Am Not Your Negro aufmerksam macht – den Mangel an repräsentativer Vielfalt, selbst im "Black Cinema". Pecks aus beeindruckendem Archivmaterial verdichteter Film orientiert sich an Baldwins letztem Text – er starb 1987 – und führt durch die bewegte Zeit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Der von Samuel L. Jackson gesprochene, aufrüttelnde Text findet heute sein Echo in den Schriften von Ta-Nehisi Coates.

Baldwin ist auch selbst als so gewandter wie energischer Redner mit dandyhaftem Äußeren zu erleben, der sich nicht leicht zufriedengibt. Ein schwarzer Präsident in 40 Jahren – was soll das für eine Ansage sein?

In Barry von Vikram Gandhi konnte man auf die Studentenzeit eines Mannes im Harlem der 1980er-Jahre zurückblicken, der sich dort wie der Unsichtbare aus Ralph Ellisons gleichnamigen Roman fühlt. Er heißt mit vollem Namen Barack Obama. Das Schöne an diesem Film ist, dass er uns diesen als unrunden, zweifelnden Menschen präsentiert. Niemand wird als Präsident geboren. (Dominik Kamalzadeh, 18.9.2016)

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