Craven: "Es waren ziemlich vernichtende Fakten"

19. September 2016, 11:06
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Der Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees verteidigt den Ausschluss Russlands. Und er vermutet Misswirtschaft in Rio

Die Paralympics in Rio de Janeiro haben stattgefunden, und sie haben nicht vor leeren Rängen stattgefunden. Die schlimmsten aller Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet, aber freilich war nicht alles eitel Wonne. London 2012 war nicht zu toppen. "Man kann die britische Gründlichkeit nicht wirklich mit dem Savoir-vivre der Brasilianer vergleichen", sagt Maria Rauch-Kallat, Präsidentin des Österreichischen Paralympischen Committee (ÖPC). Auch Sir Philip Craven, Chef des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), blickt vor allem positiv auf die Spiele, die am Sonntag zu Ende gegangen sind, zurück.

Finanzielle Probleme im OK

Der paralympische Spirit, kombiniert mit dem Carioca-Spirit – das habe gut zusammengepasst, sagt der 66-jährige Brite dem STANDARD. "Aber ich weiß, wo wir vor neun bis zehn Wochen waren, als uns das Organisationskomitee mitgeteilt hat, dass es kein Geld für die Paralympics gibt." Brasiliens Regierung und Rios Stadtverwaltung sprangen ein. "Es gab offensichtlich Probleme im OK, wahrscheinlich auch aufgrund von Misswirtschaft. Aber Brasilien hat gesagt, wir können es uns nicht leisten, die Paralympics abzusagen."

Die Wettkämpfe stiegen vor durchaus gut gefüllten Rängen. "Das war die positive Überraschung", sagt Rauch-Kallat. Die Eintrittskarten wurden zum Schluss günstig verkauft. Craven: "70 Prozent der Tickets wurden von Leuten aus Bezirken in Rio gekauft, die nicht zu den reichsten zählen."

Der paralympische Sport entwickelt sich rasant. "Viele Nationen investieren jetzt beträchtliche Summen in den Behindertensport. Das ist gut", sagt Craven. China war mit Abstand die erfolgreichste Nation der Spiele. Rauch-Kallat: "Wenn man bedenkt, dass bis Peking 2008 Behindertensport in China kein Thema war und behinderte Menschen eher versteckt wurden, ist das unglaublich."

"Vernichtende Fakten" führten zu Ausschluss Russlands

Die Russen hätten wohl auch nicht schlecht abgeschnitten, durften aber nicht teilnehmen. Im Gegensatz zum Internationalen Olympischen Komitee (IOC) hatte sich das IPC aufgrund des im McLaren-Report beschriebenen staatlich organisierten Dopings zu einem Komplettschluss Russlands durchgerungen. "Wir haben unsere Entscheidung basierend auf Fakten getroffen. Und es waren ziemlich vernichtende Fakten", sagt Craven. Der Ex-Rollstuhlbasketballer ist sich nicht sicher, "ob das IOC die Fakten hatte, die wir hatten". Das IOC hatte die Entscheidung den Fachverbänden überlassen. Nur Russlands Leichtathleten und Gewichtheber waren zur Gänze von den Olympischen Spielen in Rio ausgeschlossen.

Ein Diskussionsthema waren und sind auch die Klassifizierungen. In den vergangenen Jahren wurden viele Klassen zusammengelegt, nicht unbedingt zur Freude der Sportler. "Wir arbeiten hart daran sicherzustellen, dass es faire Wettkampfbedingungen gibt", sagt Craven, der ein neues Einstufungssystem für den Schwimmsport ankündigt. Es werde etwa eine eigene Klasse für Tetraplegiker, die ihre Beine nicht bewegen können, geben. Die Grenzfälle seien eine große Herausforderung in der Klassifizierung. "Man muss genau einstufen, dann kann man ein System haben, das funktioniert. Die Klassifizierungen wurden geändert. Jetzt werden wir sie zurückändern, so wie sie sein sollen." Rauch-Kallat sagt: "Man muss schauen, dass die Klassen mit den schwersten Behinderungen weiter ihre Chance bei den Paralympics haben werden." Eine begrenzte Anzahl der Wettkämpfe sei aber nötig.

Neun ÖPC-Medaillen

Neun Medaillen gewannen Österreichs Sportler und Sportlerinnen. Läufer Günther Matzinger über 400 Meter und die Speerwerferin Natalija Eder rundeten mit jeweils Bronze das Ergebnis. Die ÖPC-Chefin ist zufrieden, auch wenn man an das Abschneiden von London (4/6/3) nicht herankam.

Aus Rauch-Kallats Sicht waren die weiten Wege die große Herausforderung der Spiele. "Die Entfernungen waren riesig, aber das wussten wir im Vorhinein." Der übliche Zuschuss zu den Transportkosten traf nur zum Teil beim ÖPC ein. "Wir hatten zusätzliche Ausgaben." Mit einem Minus will Rauch-Kallat aber nicht aussteigen. "Ich hoffe, dass wir mit dem Polster, den wir uns immer für Unvorhergesehenes vorbehalten, auskommen."

Für Rauch-Kallat wurde viel Aufmerksamkeit auf die Paralympics gelenkt. "Das ist gut so, weil es für jeden Einzelnen, der plötzlich von einer Behinderung betroffen ist, ermutigend sein muss, zu sehen, dass das nicht das Ende ist. Wenn man die Leistungen sieht, die behinderte Menschen vollbringen, dann kann man nur mit offenem Mund staunen und begeistert applaudieren." (Birgit Riezinger aus Rio, 19.9.2016)

Diese Reise erfolgte teilweise auf Einladung des ÖPC.

  • ÖPC-Chefin Rauch-Kallat (li) ist insgesamt zufrieden.
    foto: apa/herbert neubauer

    ÖPC-Chefin Rauch-Kallat (li) ist insgesamt zufrieden.

  • IPC-Chef Sir Graven sieht Bedarf an Reformen.
    foto: apa/afp/yasuyoshi chiba

    IPC-Chef Sir Graven sieht Bedarf an Reformen.

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