Anrufung der Geister aus heiterem Himmel

18. September 2016, 17:27
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St. Pölten: Sandy Lopicic inszeniert "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall"

St. Pölten – Wir werden in die Welt gewürfelt (alle Mütter mögen diesen Euphemismus verzeihen), wie es dem Zufall gefällt. Alexandar zum Beispiel (Stanislaus Dick) landet im kommunistischen Bulgarien, im Schoß einer liebevollen, aber sich vom Regime eingesperrt fühlenden Familie. Die Glücksverheißungen des Westens ziehen Vater Vasco (Lukas Spisser) mit der herrlich widerwilligen Ehefrau (Zeynep Bozbay) und dem Knirps bald fort, zunächst nach Italien und weiter nach Deutschland, wo man es bald von einer Null- zu einer Zweizimmerwohnung bringt: Die Welt ist groß und Rettung lauert überall!

Tragikomisches Exilmärchen

Die Erzählkurve ähnelt in ihren Grundzügen den biografischen Eckdaten des Autors selbst. Nicht ganz: Schriftsteller Ilija Trojanow, 1965 in Sofia geboren, verbrachte vor seiner Sesshaftwerdung in Deutschland (jetzt: Wien) einige Lebensjahre auch in Nairobi und Paris. Sein Romandebüt von 1996 verwebt ein wenig andere Wechselfälle des Lebens zu einem tragikomischen Exilmärchen.

Das Landestheater Niederösterreich hat damit am Freitag seine erste Spielzeit unter Neointendantin Marie Rötzer eröffnet. Es wurde ein ganz urwüchsiger, frischer, auch die Musik-Affinität des Regisseurs Sandy Lopicic ausspielender Abend (live: Die Strottern), im besten Sinne unmodern.

Der mittig auf der Bühne versammelte Hausrat des Lebens (Würfeltisch in Bulgarien; Bett mit Depressionsmüll in Deutschland usw.) dreht sich samt den Livemusikern fleißig im Kreis (Bühne: Michael Köpke). Nebelschwaden, reichlich Musik und geisterhaftes Licht heben die von einer unbestechlichen osteuropäischen Heiterkeit getragenen Geschehnisse in eine ganz eigene Realität.

Mitschwingender Soundtrack

Die Mikroports verstärken diese Wahrnehmung, erzeugen allerdings auch eine ungute Sprachtönung. Man sehnt sich zuweilen nach kräftigen naturakustischen Schauspielerstimmen, doch bei einem oft im Hintergrund mitschwingenden Soundtrack muss dies ein frommer Wunsch bleiben.

Fast 20 Jahre nach dem Aufbruch in Bulgarien wird Alexandar seine Eltern bei einem Autounfall verloren haben und depressiv in seinem Bett in Deutschland liegen. Dort holt ihn sein zauberhafter Taufpate Bai Dan (Johannes Silberschneider) wieder ins Leben zurück, nimmt ihn auf dem Tandem mit auf eine Europareise, die auch bei Großmutter Slatka (Helmut Wiesinger) vorbeiführt.

Lopicic greift sich Ideen aus dem Roman und arrangiert sie frei. So rückt das Empfinden der Hauptfigur Alex eigentlich in den Hintergrund zugunsten einer Skizze seiner Umgebung und seiner Lebensumstände, die den strukturellen Schmerz von Entwurzelung – und die Selbsterrettung unter Beanspruchung nahestehender Menschen – ganz ohne falsche Rührseligkeit abbildet.

"Radio Asyl"

Ein Höhepunkt ist nach der Pause der Auftritt von Tim Breyvogel als Moderator des Senders "Radio Asyl" im Flüchtlingslager Pelferino. Während dieser als launiger Sprecher die Neuankömmlinge begrüßt ("Scusi, wir haben nicht für alle Betten"), legt er That's life auf und empfängt einen politischen Gesandten (super: Klemens Lendl von den Strottern), dem beteiligungslosen Verwalter von Menschenleben.

Man verließ den Saal mit der Conclusio: Scheut nicht davor zurück, euer Leben neu zu würfeln! (Margarete Affenzeller, 18.9.2016)

  • Im Zauberreich der Nebelschwaden: Bai Dan (Johannes Silberschneider, re.) und sein Schützling Alexandar (Stanislaus Dick).
    foto: alexi pelekanos

    Im Zauberreich der Nebelschwaden: Bai Dan (Johannes Silberschneider, re.) und sein Schützling Alexandar (Stanislaus Dick).

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