Wenn das Preisschild aus der Zentrale per Funk gesteuert wird

19. September 2016, 11:00
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Immer mehr Handelsketten verwenden Digitalanzeigen. Kritiker meinen, dass für Kunden die Übersicht verloren geht

Wien – Es fällt kaum auf: Die Preisschilder im Handel sind immer häufiger nicht mehr aus Papier, sondern kleine Bildschirme. Auf diesen werden nicht nur Informationen wie Preis, Menge und Produktmaße angegeben, sondern auch andere Produkthinweise.

Bei den österreichischen Handelsketten stammen diese "digitalen Preisanzeigen" häufig von einem Grazer Spezialisten, der SES-Imagotag. Das Start-up-Unternehmen Imagotag ist in den vergangenen Jahren in den Weltmarktführer solcher "Electronic Shelf Labels", die französische SES, aufgegangen. Seither ist die Grazer SES-Imagotag zu einem wichtigen Player bei dieser Technologie aufgestiegen. Elektronische Preisschilder, da ist man sich im Handel einig, sind die Zukunft.

Entwicklung in Österreich

Imagotag wurde erst 2010 von den zwei Logistik-Consultern Michael Moosburger und Andreas Rössl gegründet. Von Anfang an setzte man bei den Displays auf "E-Ink", auf elektronische Tinte. Die Displays ähneln dadurch den Bildschirmen von E-Books wie Kindle, bloß sind sie kleiner. Die Displays sind gut lesbar – und sie verschrecken die Kunden nicht, weil sie bei schnellem Hinsehen wie gedruckt wirken.

Auf die Imagotag wurde Weltmarktführer SES aufmerksam, der ab 2013 sukzessiv eingestiegen und das Grazer Unternehmen heuer vollständig übernommen hat. Über den Kaufpreis halten sich die beiden Gründer, die als Geschäftsführer weiterhin mit an Bord sind (und Anteile von SES-Imagotag halten), bedeckt. Knapp 60 Leute arbeiten für SES-Imagotag in Graz.

Schnelle Aktionen möglich

Die österreichische Heimtextilkette Betten Reiter ist derzeit dabei, alle 18 Filialen, die jeweils gut und gern 1.600 Quadratmeter haben, auf die Technologie umzustellen. "Wir führen sehr viele Preisaktionen durch", erläutert Peter Hildebrand, Geschäftsführer und Firmensprecher von Betten Reiter. Bei gewöhnlichen Preisschildern komme es oft zu Fehlern, weil ja jedes Mal neu beschildert werden müsse. Und wenn es eine wirklich breite Aktion gibt, lässt sich die Preisauszeichnung gar nicht schnell genug ändern. Nun aber können sämtliche Aktionen und Rabatte abgezogen werden; immer der letztgültige Preis wird auf dem Display ausgewiesen.

Zur Kritik von Konsumentenschützern, dadurch werde es möglich, schnell Preise zu wechseln, so wie es Tankstellen eine Zeitlang praktizierten, meint Hildebrand: "Ja, das wäre möglich. Es ist aber nicht unsere Intention, den Kunden zu vergraulen." Vielmehr soll das Verkaufspersonal mehr Zeit für Beratung gewinnen.

Firmeneigenes Netzwerk

Betten Reiter ist typisch dafür, wie eine solche Technologie aufgesetzt ist. Die Preisfestsetzungen oder Aktionen werden einmal am Tag in der Zentrale in Leonding durchgeführt. Über das firmeneigene Netzwerk werden die Kassen und die Sendestationen in den Filialen mit den neuen Informationen bestückt. Per Funk übermitteln die Sendestationen (meist drei pro Filiale) den Displays die Preise.

Die Displays sind eine Entwicklung, die Imagotag in die Ehe mit SES eingebracht hat. Diese Displays brauchen keine Stromanbindung, sondern haben eine Batterie intus, die fünf Jahre lang funktioniert, wie Marketingfrau Melanie Almer von SES-Imagotag erläutert. Das hat den Vorteil, dass die Umstellung von Papierbeschilderung auf digitale Auszeichnung relativ schnell durchgeführt werden kann. Man benötigt keine neuen Regale mit Stromanschluss, sondern klippt die Displays einfach dort drauf, wo man sie braucht. Allerdings werden, so gewünscht, auch die entsprechenden Regalschienen mitgeliefert, sagt Almer. Oder Extrahalterungen, etwa für Gemüsetheken.

Hohe Investitionen

Laut Betten Reiter erfordert die Umstellung Investitionen von einer Million Euro. Eine vernetzte Unternehmens-EDV ist für den Einsatz von "Electronic Shelf Labels" Bedingung. Informationen wie Lagerstand oder Filialbestand werden weiterhin über die Bezahlkassen abgerufen. (Johanna Ruzicka, 19.9.2016)

  • Die österreichische Heimtextilkette Betten Reiter ist dabei, ihre 18 Filialen mit digitaler Preisauszeichnung auszustatten.
    foto: betten reiter

    Die österreichische Heimtextilkette Betten Reiter ist dabei, ihre 18 Filialen mit digitaler Preisauszeichnung auszustatten.

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