Berlin-Wahl: Porträt einer schlampigen Diva

Porträt18. September 2016, 08:00
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Heute Sonntag wählt Berlin, die großartigste Stadt Europas, eigentlich überhaupt der Nabel der Welt – allerdings mit ziemlich vielen Macken

Natürlich haben sie auch in Berlin gelacht, als in Wien "Klebegate" bekannt wurde. Haha, die Ösis können nicht wählen! Hihi, bei denen picken die Vignetten am Jahresende blöderweise immer noch besser auf der Windschutzscheibe, als die Kuverts für die Briefwahl kleben.

Dabei hätte es in Berlin selbst auch zu einer Wahlpeinlichkeit kommen können. Im Juni sah sich Landeswahlleiterin Petra Michaelis-Merzbach genötigt, der Senatsverwaltung einen Brandbrief zu schreiben. Die Wahlen am 18. September seien in Gefahr, weil Teile der Software nicht funktionierten. Aber dann hat’s ja doch noch geklappt, die Berliner wählen dieses Wochenende. "Ach, hör ma uff mit die Probleme. Det is halt Berlin."

Der Berliner seufzt da mehr oder weniger gottergeben. Meine Güte, seine Stadt hat so viel mitgemacht. Die goldenen Zwanziger, den Nationalsozialismus, im Osten eine zweite Diktatur, den Kalten Krieg wirklich hautnah – die anderen mögen davon im Fernsehen gesehen haben, aber in Berlin, am Checkpoint Charlie, standen einander im Oktober 1961 wirklich die Panzer der Russen und der Amerikaner nur wenige Meter voneinander entfernt gegenüber. 1989 der Fall der Mauer, 1990 Wiedervereinigung, wo sonst gibt es so viel Weltgeschichte auf einem Raum?

Dennoch tat es gut, mal über die Österreicher lachen zu können. Die Berliner sind es nämlich gewohnt, dass andere mit dem Finger auf ihre Stadt zeigen und über die Zustände hier wahlweise kichern oder entsetzt den Kopf schütteln. Als Running Gag forever taugt natürlich der Großflughafen BER. 2011 hätte er eröffnet werden sollen, man baut immer noch. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.

Lieber nicht aufs Schulklo

Die Verzögerung kostet zwar wahnsinnig viel Geld, aber der "Fluchhafen" taugt immerhin noch als Schenkelklopfer. Anderes ist weniger lustig: Dass etwa im vorigen Winter tausende Flüchtlinge stundenlang in eisigen Nächten vor dem berüchtigten LaGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales) ausharren mussten, weil die Aufnahme nicht klappte. Sogar die New York Times berichtete irritiert und entsetzt darüber, dass so etwas im durchorganisierten Deutschland, dem Land der Mülltrennung und des Dosenpfands, überhaupt möglich sei.

Oder die Schulen. Viele von ihnen sind in schlimmem Zustand. Putz bröckelt, im Winter frieren Kinder, die an der Wand oder beim Fenster sitzen, das WC meidet man besser und weicht zu McDonald’s aus. Die schaurigsten Beispiele sammeln frustrierte Eltern im Internet unter der passenden Bezeichnung "Einstürzende Schulbauten".

Zu den größeren Rätseln der Stadt gehört auch, warum Berlin es nicht schafft, Hundehalter zu erziehen. Ein Sackerl fürs Gackerl, heißt es in Wien, das Pendant "ein Säckchen fürs Käckchen" hat sich in Berlin noch nicht durchgesprochen.

Nicht fehlen in der Aufzählung des Schreckens dürfen die Bürgerämter. Im Bekannten- und Freundeskreis überbietet man sich mit Geschichten à la: Wer musste auf seine Kfz-An- oder -Ummeldung am längsten warten und durfte dann am weitesten durch die große Stadt fahren, weil endlich irgendein Bürgeramt "jot we de" (janz weit draußen) zu empfangen geruhte. Und, welche Sätze man dann vom zusammengesparten Personal am öftesten hört: "Da bin ich nicht zuständig für." Oder: "Mein Kollege kommt gleich."

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) kennt diese ganzen Probleme natürlich. Aber er redet darüber nicht so gerne. LaGeSo? Hat man dann ja in den Griff bekommen. Bürgerämter? Ist viel besser geworden. Hundehaufen? Wir arbeiten daran. Baustellen und Staus? Gibt’s woanders auch. Und wenn in Berlin die Straße des 17. Juni, die Hauptmagistrale zwischen Ost und West, wieder gesperrt ist, dann bitte schön, gibt’s dafür ja auch etwas: Fashion Week, Fußball-Fanmeile oder sonst eine Riesenparty, zu der feierwütiges Volk aus aller Welt anreist.

Goldene Jahrzehnte

Müller wird während eines solchen Gesprächs immer schmallippiger. Seine Botschaft ist eine ganz andere: "Berlin boomt!" Zwar bringt der gelernte und bodenständige Buchdrucker aus Berlin-Tempelhof diese Botschaft nicht mit der schnodderigen Lässigkeit seines Vorgängers Klaus Wowereit unter die Leute, aber überzeugt ist Müller davon genauso.

Und die Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) geben ihm recht – einerseits. "Berlin hat die Trendwende geschafft", sagt DIW-Chef Marcel Fratzscher. Er glaubt sogar, dass Berlin mit seinen 3,5 Millionen Einwohnern "goldene Jahrzehnte vor sich hat."

Allerdings: Ganz golden glänzt es noch nicht. Kaum einer kennt die Zahlen der Hauptstadt so gut wie Karl Brenke vom DIW. Auch der Ökonom verweist zunächst auf die positiven Entwicklungen. Zwar seien die Zahl der Erwerbstätigen und die Wirtschaftsleistung in den vergangenen zehn Jahren gewachsen, aber, so Brenke: "Nirgendwo in Europa gibt es eine Hauptstadt, die wirtschaftlich so sehr unter dem Landesschnitt liegt wie Berlin." In Wien sei die Wirtschaftsleistung je Einwohner 50 Prozent höher als in Berlin, in Hamburg 80 Prozent."

Sind die Berliner also faul? Brenke, der 1975 aus Niedersachsen nach Berlin kam, lacht und formuliert es ein wenig anders: "Ich habe schon damals angesichts der Mittel, die von außen kamen und der Diskrepanz zur eigenen Leistungsfähigkeit über die mangelnde Bescheidenheit der Berliner ziemlich gestaunt."

Aber das hat natürlich alles seine historischen Ursachen, und diese liegen Jahrzehnte zurück. Berlin glich viele Jahre einem sehr großen, gefräßigen Baby, das immer aufgepäppelt werden musste. Zur Zeit der Teilung (1961 bis 1989) war Westberlin die sprichwörtliche Insel der Freiheit im kommunistischen DDR-Ozean. Der Westteil musste unter allen Umständen gehalten werden, und das ließ sich die Bundespolitik, damals noch in Bonn beheimatet, einiges kosten.

Nicht konkurrenzfähig

Milliarden an Berlin-Zulagen flossen jedes Jahr nach Westberlin, wo man sich eine üppige Verwaltung leistete. Auch die Industrie wurde massiv subventioniert, auf dass diese in der eingemauerten Stadt überhaupt für Arbeitsplätze sorgte. Ostberlin musste ebenfalls nicht auf eigenen Beinen stehen. "Der Staatssektor war völlig aufgebläht", sagt Brenke, "die Hauptstadt der DDR wollte natürlich auch zeigen, was sie alles konnte und hatte."

Dann kam das Jahr 1989, und in Berlin brach mehr zusammen als "nur" eine Mauer. Von 360.000 Industriearbeitsplätzen sind heute bloß noch 100.000 übrig. Nicht nur Betriebe im Osten erwiesen sich in der freien Marktwirtschaft als nicht konkurrenzfähig, auch viele Unternehmen im Westen schafften es ohne die vormals bequemen Subventionen nicht mehr.

"Arm, aber sexy" gilt noch

Frankfurt hat seine Banken, Süddeutschland die Automobilindustrie, in Hamburg siedelten sich die großen Verlage an, aber in der Hauptstadt sitzt nicht ein einziges der 30 im Dax notierten Unternehmen.

Ob Geld sexy mache, wurde der damalige Regierende, wie die Berliner ihren Bürgermeister nennen, im Jahr 2003 von Focus Money gefragt. "Wowis" Antwort hätte sich keine PR-Agentur besser ausdenken können: "Nein. Das sieht man an Berlin. Wir sind zwar arm, aber trotzdem sexy." Arm, aber sexy, nichts sollte das Lebensgefühl in den kommenden Jahren besser beschreiben.

Nur in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen, da finden sie den Spruch nicht so lustig. Aus Sicht der reicheren deutschen Länder ist Berlin nämlich nach wie vor ein nimmersattes Monster. 3,6 Milliarden Euro überweisen die Geberländer im Rahmen des Finanzausgleichs jährlich ins klamme Berlin, das sich leistet, was es nicht in allen Geberländern gibt: Ab 2018 wird der Besuch des Kindergartens gratis sein. "Wir zahlen, und die da oben machen Party", dieser Satz gehört zum Klagerepertoire eines jeden CSU-Politikers.

"Dennoch war der Satz von Wowereit schlau. Wenn wir schon kein Geld haben, dann sind wir dabei wenigstens großartig", sagt Robert Ide. Er ist Ressortleiter Berlin/Brandenburg der Zeitung Tagesspiegel und hat schon von Berufs wegen täglich mit all dem Berliner Wahnsinn zu tun. Ide kann sich noch gut an die Westberliner Zeiten erinnern. "Schon damals fühlten sich die Berliner aufgrund dieser einzigartigen Stellung der Stadt als etwas Besonderes." Man erinnert sich an beides: Einerseits an das wilde Kreuzberg, David Bowie und die Kinder vom Bahnhof Zoo. Auf der anderen Seite an den Charme und die Aura von Harald Juhnke und Günther Pfitzmann.

Ein Raumschiff ist gelandet

Den Auftakt für den Berlin-Hype, wie er dann später einsetzen sollte, sieht Ide im Jahr 1995. Damals verhüllten Jeanne Claude und Christo den Reichstag, und es war, als landete ein silberweiß glänzendes Raumschiff mitten in Berlin. Fünf Millionen Menschen wollten es sehen, flanierten und staunten.

"Da zeigte sich zum ersten Mal, was in Berlin alles möglich ist", sagt Ide. Das Spektakel dauerte nur wenige Tage, doch es war ein Vorbote für eine Form, die in Berlin zur Hochform auflaufen sollte: die Zwischennutzung. "Berlin ist eine Stadt, verdammt dazu, ewig zu werden, niemals zu sein", schrieb der Kunstkritiker und Publizist Karl Scheffler schon im Jahr 1910 in Berlin – ein Stadtschicksal.

Das galt natürlich erst recht nach dem Mauerfall. Plötzlich, nach dem Wegfall des steinernen Ungetüms, der Wachtürme und des Todesstreifens, gab es Brachflächen in der Innenstadt, die nicht nur bei Immobilienspekulanten für erhöhten Pulsschlag sorgten. Überhaupt, der ganze Ostteil: ein Dorado für Sanierer, Planer, Architekten und natürlich – leider – auch für viele Spekulanten.

Zwar lachen sie in München oder Düsseldorf und erst recht in London noch über die Immobilienpreise in Berlin. Aber die Preise ziehen auch hier spürbar an. Und dennoch hat die Stadt Zuzug, immer mehr wollen hierher, 40.000 Menschen jedes Jahr, die Kreativwirtschaft boomt. In zehn Jahren könnte die Stadt wieder vier Millionen Einwohner haben, so viele wie im Jahr 1925.

Aber bevor es so weit ist und immer mehr verbaut wird, finden die Berliner und all jene, die von außen kommen: Nischen, Nischen, Nischen. Es muss und darf immer noch jede Menge genutzt und ausprobiert werden, vieles hat schon zu Beginn ein Ablaufdatum. Strandbars, Bühnen, Kneipen, Clubs in Hinterhöfen, man kann nie wissen, ob der Platz nicht in der nächsten Saison schon wieder weg ist, weil jemand ein schickes Townhouse hinbauen will.

"Dieses Unfertige, das Raum für Improvisation lässt, macht auch heute noch den Reiz von Berlin aus. Und ein so wildes architektonisches Durcheinander kennt man in London oder Paris nicht", sagt Dorothee Brantz, Leiterin des Center for Metropolitan Studies an der Technischen Universität Berlin. Preußische Prachtbauten neben DDR-Platte neben Glaspalästen der Jetztzeit.

48 Stunden lang Party

Im Idealfall kommen die Touristen, schauen sich das alles an, versperren höchstens mal den Radweg, gehen abends in eine der drei Opern oder eines der vielen Theater und schlafen nachts ruhig in ihren Hotelbetten. Im schlechteren Fall – also aus Sicht der Einheimischen – machen die Gäste, die die Billigflieger täglich aus ganz Europa herbeifliegen, 48 Stunden lang lautstark Party in der ganzen Stadt, weil es hier ja so lässig und sexy ist.

Da bleibt dem Berliner nichts anderes übrig, als sich in seinen Kiez zurückzuziehen, also seine Ecke im Bezirk. Dort kann er jammern über all das Schlechte in der Stadt, allem voran die Politik. Keine Landesregierung in Deutschland hat so schlechte Zustimmungswerte wie jene in Berlin. Aber wehe, wenn sich wirklich etwas ändern sollte. Schrecklich wär’s. Weil dann wäre ja Berlin ja wie andere Städte – und eben nicht mehr diese wunderbare Nervensäge. (Birgit Baumann, 18.9.2016)

Bären und Berliner

1237 gilt als das Gründungsjahr Berlins. In diesem Jahr wird die Kaufmannssiedlung Cölln zum ersten Mal urkundlich erwähnt, Berlin folgt 1244. Das Stadtsiegel, auf dem zwei Bären abgebildet sind, stammt von 1280.

1701 wird Berlin königliche Residenzstadt, 1871 Hauptstadt des Deutschen Reiches. Sechs Jahre später hat es erstmals eine Million Einwohner, 1912 sind es schon zwei Millionen. Durch das "Groß-Berlin-Gesetz" werden 1920 sieben Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke nach Berlin eingemeindet, die Stadt wächst auf 3,8 Millionen Einwohner. Von 1961 bis 1989 ist Berlin geteilt, nach der Wiedervereinigung wurde es gesamtdeutsche Hauptstadt. (bau)

  • Ein guter Platz für scheue Tiere: Der Flughafen BER ist immer noch nicht fertig.
    foto: apa / ralf hirschberger

    Ein guter Platz für scheue Tiere: Der Flughafen BER ist immer noch nicht fertig.

  • Party, Party, Party. In Berlin wird ständig irgendwo gefeiert: hier der Christopher Street Day auf der Straße des 17. Juni.
    foto: reuters / thomas peter

    Party, Party, Party. In Berlin wird ständig irgendwo gefeiert: hier der Christopher Street Day auf der Straße des 17. Juni.

  • Reste der Berliner Mauer sind immer noch ein Anziehungspunkt für Touristen.
    foto: apa / epa / wolfgang kumm

    Reste der Berliner Mauer sind immer noch ein Anziehungspunkt für Touristen.

  • Die vielen Seiten Berlins: Im Badeschiff in der Spree lässt es sich vor prächtiger Kulisse schön planschen.
    foto: reuters / thomas peter

    Die vielen Seiten Berlins: Im Badeschiff in der Spree lässt es sich vor prächtiger Kulisse schön planschen.

  • Sehr viel weniger schön war der Empfang im vorigen Winter für die vielen Flüchtlinge, die stundenlang vor dem LaGeSo ausharren mussten.
    foto: reuters / fabrizio bensch

    Sehr viel weniger schön war der Empfang im vorigen Winter für die vielen Flüchtlinge, die stundenlang vor dem LaGeSo ausharren mussten.

  • Die knallgelbe Berliner U-Bahn ist für alle da, im Winter wärmen sich Obdachlose in den Bahnhöfen.
    foto: apa / dpa / paul zinken

    Die knallgelbe Berliner U-Bahn ist für alle da, im Winter wärmen sich Obdachlose in den Bahnhöfen.

  • Wenn wieder mal Party angesagt ist, erweist man auch dem Brandenburger Tor die Ehre.
    foto: reuters / fabrizio bensch

    Wenn wieder mal Party angesagt ist, erweist man auch dem Brandenburger Tor die Ehre.

  • Danach hat die BSR (Berliner Stadtreinigung) viel zu tun, ...
    foto: apa / dpa / maurizio gambarini

    Danach hat die BSR (Berliner Stadtreinigung) viel zu tun, ...

  • .... während andere zum Warten verdammt sind.
    foto: apa / dpa / jörg carstensen

    .... während andere zum Warten verdammt sind.

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