Den Russen sei Dank

16. September 2016, 18:54
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1999 verlor Mario Bauer seinen rechten Unterarm durch einen Stromschlag. 2001 begann er mit dem Laufen, weil er sich zu dick fühlte. Fast hätte er die Paralympics verpasst, aber die Russen taten dem 35-jährigen Niederösterreicher einen Gefallen

Er ist als letzter Österreicher ins Aufgebot für die Paralympics gerutscht, und er tritt als letzter Österreicher in Rio an. Mario Bauer, 35 Jahre alt, aus Waidhofen an der Thaya, ist Marathonläufer. Vor vier Jahren stieg er auf die 42,195 km um. Das Ziel: Rio. Davor lief er Mittel- und Langstrecken, aber diese sind in seiner Klasse nicht mehr paralympisch. Vier Jahre Trainingsaufwand. 130 bis 150 km lief er in der Woche, 20 Stunden – neben einem Vollzeitjob. Und dann schien der ganze Aufwand fast umsonst.

Bauer, dessen rechter Unterarm amputiert werden musste, schaffte zwar die geforderte Norm, Österreich erhielt in der Leichtathletik aber nur vier Quotenplätze, diese gingen an 400-m-Läufer Günther Matzinger, Rennrollstuhlfahrerin Thomas Geierspichler, Diskuswerfer Bil Marinkovic und Speerwerferin Natalija Eder. Bauer war der unglückliche Fünfte. Dumm gelaufen. Und dann war er doch noch der Glückliche. Weil Russlands Sportler infolge des Dopingskandals von den Paralympischen Spielen ausgeschlossen worden waren, rückte Bauer nach. "Das war sehr, sehr überraschend", sagt er.

In Vorbereitung auf einen Marathon war er ohnehin. Im September wollte er in Florenz laufen. Jetzt halt Rio. Bauer macht sich keine Illusionen. Im Vorderfeld wird er eher nicht landen. Seine Bestzeit steht bei 2:39,30 Minuten. Bei der Weltmeisterschaft 2015 in London belegte er unter 14 Teilnehmern Platz sieben. In Rio fürchtet er ein bisschen die Hitze. 32 Grad sind für Sonntag vorhergesagt. Bedingungen, die er nicht gewohnt ist. Fünf Runden werden gelaufen, gestartet wird an der Copacabana. Der Kurs ist brettleben. Mit viel Publikum und guter Stimmung ist zu rechnen. Die Befürchtungen, wonach die Paralympics vor fast leeren Rängen stattfinden würden, haben sich ganz und gar nicht bewahrheitet. Im Gegenteil. Viele Arenen waren überraschend gut gefüllt. Und wenn Brasilianer mitmischten, wurde es richtig laut.

Beim Marathon mischen auch Brasilianer mit. Also laut. Die Besten laufen Zeiten um 2:25 Stunden. Bauer startet in der Klasse T46 – Armamputierte. Im Marathon, sagt Bauer, sei ein fehlender Arm kein so großer Nachteil wie etwa im Sprint. Aber eben doch einer. Bauer verlor seinen rechten Unterarm 1999. Er war 18 Jahre alt. Der damalige Elektrikerlehrling erlitt einen Stromschlag an einer Hochspannungsleitung. Der Arm verbrannte. Am Anfang sei es natürlich schwierig gewesen, damit klarzukommen. "Ich war Rechtshänder, musste auf links umlernen."

Idealgewicht

Auch beruflich lernte er um. Sein Arbeitgeber bot ihm zwar an, wieder als Elektriker einzusteigen. Bauer entschied sich aber, eine Lehre zum Werkzeugbautechniker zu beginnen. Mittlerweile arbeitet er als Qualitätstechniker für elektronische Bauteile. Mit Sport hatte er lange Zeit gar nichts am Hut. Irgendwann war er mit seinem Gewicht unzufrieden. 80 Kilogramm waren ihm zu viel. Also fing er an, zu laufen. Das war 2001. "Es hat mir Spaß gemacht." Er blieb dabei. Nur vier Jahre später trat er bei der Europameisterschaft über 800 und 1500 m an. Und 2012 eben der Umstieg auf den Marathon. Heute wiegt Bauer 65 Kilogramm. Laufen wirkt.

Seit knapp zwei Wochen ist er in Rio. Die Atmosphäre gefällt ihm. "Die Eröffnung war ein Wahnsinn." Bei den Leichtathleten und den Schwimmern schaute er schon zu. Die letzten Tage vor seinem Einsatz nutzte er für "lockere Sachen", zum Kräftesammeln und zum Erholen. Das Rennen wird anstrengend genug. Aber Mario Bauer ist dabei. (Birgit Riezinger aus Rio, 17.9.2016)

Diese Reise erfolgte teilweise auf Einladung des ÖPC.

  • Mario Bauer fürchtet in Rio die für ihn ungewohnte Hitze.
    foto: öpc/franz baldauf

    Mario Bauer fürchtet in Rio die für ihn ungewohnte Hitze.

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