Krimiserie: Die Nazi-Väter des "Tatort"

18. September 2016, 08:00
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Der Philosoph Alfred Pfabigan hinterfragt die Erfolgsfernsehkrimiserie

Als längstgediente deutschsprachige Fernsehserie, die noch dazu von Grundlegendem wie Mord und Sühne, Verbrechen und ihren Opfern handelt, bot der "Tatort" bereits Anlass für etliche in Buchform erschienene Betrachtungen. Darunter für viel Lob, aber auch für Kritik, etwa an der zuweilen langatmigen Handlung in den bald über 1000 Folgen. In ihnen wird vor der Kamera gern ausführlich Auto gefahren, gegessen und telefoniert.

Diese Bedächtigkeit stößt auch dem Wiener Sozialphilosophen und Literaturkritiker Alfred Pfabigan in seiner neu erschienenen "Tatortphilosophie" unangenehm auf. Und er problematisiert das mit der Flaggschiff-Serie deutschsprachiger Fernsehsender einhergehende Politainment.

Nazi-Väter

Die Vermischung von Unterhaltungskultur und Politik mache "das Format zu einem Instrument der Regierung", schreibt er. So sei etwa am 18. Oktober 2015 – inmitten der Debatte um Angela Merkels Willkommenskultur – auf ARD der von einem Asylthema handeln-den "Tatort"-Folge "Kollaps" Günther Jauch mit einer Runde über die Willkommenskultur gefolgt.

Ausgewalzte Fernsehfilmlängen und programmpolitische Vernetzungen zeigten, dass es sich beim "Tatort" um eine öffentlich-rechtlich, also staatlich produzierte Serie handle. Die daher, wie die deutschsprachigen Staaten auch, ihre eigene Politgeschichte habe: Um zusammenzutragen, dass die Männer am Anfang des deutschen Fernsehkriminalfilms nach 1945 überwiegend "ihre ersten Sporen im Nazi-Film erworben hatten", habe es nur einer gründlichen Internetrecherche bedurft, schildert Pfabigan.

Blinder Fleck Vergangenheit

So war etwa der Erschaffer von "Derrick" und "Kommissar", Alfred Weidemann (1916-2000), ab 1942 Leiter der Hauptabteilung Film in der Reichsjugendführung. Aus der Propagandakompanie der Waffen-SS kamen Herbert Reinecker (1914-2007) und Jürgen Roland (1925-2007) – Ersterer Drehbuchautor für 97 "Kommissare" und 281 "Derricks", Letzterer Erfinder der "Tatort"-Vorgängerserie "Stahlnetz" und vielfacher "Tatort"-Regisseur.

In der "Tatort"-Rezeption sei diese Vergangenheit nach wie vor "ein blinder Fleck", schreibt Pfabigan. Ihn aufzuhellen sei auch nach langer Zeit wichtig, denn immerhin gelte die Serie als gesellschaftskritisches Format. (Irene Brickner, 18.9.2016)

Alfred Pfabigan, "Mord zum Sonntag – Tatortphilosophie". € 20,- / 208 Seiten. Residenz-Verlag. St. Pölten 2016

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