Medien und Förderung: Mut zu neuen Ideen

Kommentar der anderen16. September 2016, 17:24
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Statt Geld für Unternehmen bereitzustellen, wäre es (auch demokratiepolitisch) klüger, Mittel für ein besseres Produkt zu geben. Einige Anregungen zur Debatte um eine neue Journalismus- statt Presseförderung

Das alte System der Presseförderung war im Wesentlichen eine Bestandsförderung, die die ohnedies sehr hohe Konzentration der heimischen Printmedien nur abschwächte. Es braucht nun ein völlig neues, auf mehreren Säulen aufbauendes Fördersystem, das zentral auf die Stärkung des Journalismus gerichtet ist. Natürlich könnte man weiter einfach Medien wirtschaftlich fördern und hoffen, dass durch prosperierende Medienunternehmen der für die demokratische Entwicklung so essenzielle vielfältige und kritische Journalismus sich noch stärker entfaltet. Das eine führt aber nicht zwangsläufig zum anderen. Deshalb ist es Zeit für einige unkonventionelle Ideen.

Wollen wir durch Fördermaßnahmen den Journalismus stärken, dann müssen wir genau darauf blicken, was ihn gegenwärtig schwächt bzw. welche Defizite er aufweist. Viele Medienexperten und Medienpolitiker meinten bisher, Vielfalt des Journalismus resultiere aus einer möglichst großen Zahl der Medientitel. Die Medienmarktkonzentration hat aber tendenziell mehr vom Gleichen hervorgebracht. Insbesondere in einem Kleinstaat tummeln sich die meisten Medien um ähnliche Erfolgskonzepte, weil die wirtschaftliche Tragfähigkeit eben eine höhere Mindestreichweite als in größeren Staaten erfordert. Daher muss Förderung unter anderem darauf abzielen, mehr Vielfalt in die einzelnen Medien zu bringen. Was auffällt: Die Redaktionen sind meist kein Abbild der gesellschaftlichen Diversität, egal ob hinsichtlich Geschlecht, Herkunft oder körperlicher Beeinträchtigung.

Die New York Times setzt seit über 30 Jahren viele Maßnahmen, um eine möglichst bunt zusammengesetzte Redaktion zu haben. Sie tut das nicht aus Gutmenschentum, sondern weil die Herausgeber davon überzeugt sind, dass eine vielfältige Redaktion journalistisch besseren Zugang zu den einzelnen Communitys hat und über bessere Sensorien verfügt, die zum Aufstöbern der Themen möglichst vieler gesellschaftlicher Gruppen nötig sind. Dies führe zu mehr publizistischen und ökonomischen Erfolgen. Was spricht gegen einen Medienförderungstopf, aus dem künftig Maßnahmen einzelner Medien zur Steigerung der Diversität der eigenen Redaktion unterstützt werden?

Dass qualitätsvoller Journalismus von guter Aus- und Weiterbildung profitiert, scheint eine Binsenweisheit. Die zuletzt ausgedünnten Redaktionen lassen aber interessierte Journalisten ungern zu Weiterbildungskursen. Will man hier gegensteuern, baucht es nicht nur mehr Mittel für Einrichtungen, die Journalistenweiterbildung anbieten, sondern direkte Mittel für Journalisten in Form von Weiterbildungsschecks.

Wir haben in den letzten Jahren mehrmals den möglichen Einfluss öffentlicher Inserate auf den Journalismus debattiert, aber ganz selten jenen der kommerziellen. Gefälligkeitsberichte über Großinserenten ruinieren den Journalismus und sind Betrug am Nutzer. Wie könnte Medienförderung hier Journalismus stärken? Zum einen, indem Selbstkontrollgremien (ein wenig der Presserat, recht stark der PR-Ethik-Rat) gefördert werden. Zum anderen durch Förderung von Maßnahmen einzelner Medien, zwischen Redaktion und Anzeigenabteilung eine "Firewall" aufzuziehen.

Medienförderung soll Journalismus künftig unabhängig vom Format, also egal ob Tages- oder Wochenzeitung, ob online oder gedruckt, stützen. Auch das Organisationsformat möge keine Rolle mehr spielen: Neben Redaktionen in Medien sollten ebenso freie Redaktionsbüros und Rechercheplattformen sich um öffentliche Fördermittel bemühen können. Zudem sollten innovative Medienprojekte durch Ausschreibungen angeregt werden. Diese ändern sich Jahr für Jahr inhaltlich, orientiert an den von einem Experten- und Politikgremium festgestellten und öffentlich debattierten Defiziten in der Journalismus- und Medienentwicklung.

Etienne Jornod, Verwaltungsratspräsident der NZZ-Mediengruppe, schrieb am 6. 9. 2014 in der NZZ harte Worte: "Ich kenne keine andere Industrie, die so wenig in Forschung und Entwicklung investiert wie die der Medien. Die Medienbranche hat ihre eigene Revolution verschlafen." Die Diagnose trifft auf Österreich vielleicht sogar noch schärfer zu. Warum also nicht auch Medienfördermittel jenen Redaktionen und Medien zur Verfügung stellen, die versuchen, mithilfe von Forschung Antworten auf die Krisen zu finden?

Schließlich wird der klassische Journalismus auch durch einen Strukturwandel der Öffentlichkeit gefährdet. Ein Teil der Bevölkerung glaubt, auf Journalismus verzichten zu können, weil via soziale Medien ohnedies die gesamte Wirklichkeit abgebildet werde. Zudem denunzieren antidemokratische Kräfte mit einer "Lügenpresse"-Kampagne den Journalismus pauschal. Hier muss dieser sich stärker zur Wehr setzen, indem der eigene Journalismus besser erklärt und damit Medienkompetenz in der Gesellschaft gestärkt wird. Andererseits sollten Medien vermeintlich journalistische Storys in den sozialen Netzwerken, die oft bösartige Lügengeschichten sind, systematisch durch Nachrecherche kritisch begleiten und idealerweise auch die publizistischen Brandstifter aufdecken. Auch dafür könnte man Fördermittel einsetzen, wenn man Interesse daran hat, dass politische Prozesse weiterhin stärker durch verantwortungsvollen Journalismus als durch üble Propaganda begleitet werden. (Fritz Hausjell, 16.9.2016)

Fritz Hausjell (Jg. 1959) ist Stellv. Vorstand am Publizistik-Institut der Uni Wien. Dieser Text ist ein Auszug eines Vortrags, der Montag bei der Enquete zur Medienförderung neu gehalten wird.

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