"Salome": Kühne Neudeutung

16. September 2016, 15:51
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Das Stadttheater Klagenfurt startet mit der Premiere von "Salome" in die neue Saison

Klagenfurt – Mit einer "Salome", die musikalisch kaum Wünsche offen lässt, inhaltlich dabei gründlich gegen den Strich gebürstet ist, wartet das Stadttheater Klagenfurt zum Auftakt der neuen Spielzeit auf. Das Kärntner Sinfonieorchester (KSO), noch einmal unter seinem Ex-Chef Alexander Soddy, lässt einmal mehr eine Richard-Strauss-Partitur in allen Farben erstrahlen. Aus einem sehr soliden, behutsam auf einander abgestimmten Ensemble ragt die gebürtige Münchnerin Anna Gabler, als Wagner-Interpretin in Bayreuth wie in Salzburg bewährt, mit einer hochintensiven Gestaltung der Titelrolle heraus. Die größte Überraschung des Abends ist aber Michael Sturmingers kühne Inszenierung, die der Bezeichnung "Neudeutung" derart gerecht wird, dass man stellenweise den Eindruck hat, eine Uraufführung zu erleben.

Abstoßende Inzest-Szene

Herodes, ein Spielball seiner Hormone, ist nicht nur der Stiefvater Salomes, sondern bezeichnenderweise auch ihr "lieber Onkel". Hemmungslos nützt er die Intimität des Familienverbands, um zur Befriedigung seiner Lust zu kommen. Aus schierer Berechnung, und nur, um den Kuss zu kosten, den der lebende Jochanaan ihr verwehrt, stellt die moralisch nicht minder verkommene Salome ihren Körper schließlich zur Verfügung. So gerät der berühmte Schleiertanz zu einer abstoßenden Inzest-Szene, die in der Aufführungsgeschichte der 1905 entstandenen Oper traditionell mit der unterschwelligen Sexualität des Orientalismus verbrämt wird. Von solchem Voyeurismus ist nichts geblieben.

Herodes entledigt sich in der ernüchternden, fast vulgären Figuration seines Gewandes mehr als Salome. Allerdings verliert auf der anderen Seite auch Jochanaan den Schein des "heiligen Mannes": Er verkörpert in seinem religiösen Fanatismus den Typus des frauen- und zivilisationsverachtenden Gotteskriegers. Er droht der Welt nicht nur mit Blut und Schrecken, seine längst infiltrierten Mitkämpfer holen im Finale tatsächlich zum Terrorangriff aus. Anzahl und Identität der Opfer im Machtzentrum des Herodes bleiben unklar.

Spirale der Gewalt

Als Spirale der Gewalt dreht sich die Bühne mit ihren wenigen transparenten Segmenten, zwischen denen in heutigen Kostümen agiert wird (Bühne und Kostüme: Renate Martin und Andreas Donhauser). Libretto-Autor Oscar Wilde hätte nicht weniger gestaunt als das Klagenfurter Premierenpublikum. Es anerkannte die Sonderleistung nach einigen Schrecksekunden gleichwohl mit einem lange anhaltenden Applaus. Neben Anna Gabler und ihrer auch physisch beklemmenden Einfühlung in die Rolle der Salome, ihren verlockenden Melodienbögen mit den wunderbar eingestreuten rauen Momenten, galt er besonders dem immerzu spitz-erregten, fahrig-nervösen Herodes des Jörg Schneider und dem wohl an einigen wenigen Stellen vom Orchester übertönten, sonst aber verführerisch lyrischen Jochanaan Michael Kupfer-Radeckys.

Schöner ist das Werk in dieser Umsetzung nicht geworden, aber wahrer. (Michael Cerha, 17.9.2016)

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