Bürgerkrieg mit Worten in Polen

Essay18. September 2016, 08:00
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In Polen arbeitet die Regierung an einem neuen Geschichtsbild, das vor allem von Patriotismus und Katholizismus geprägt ist. Kritik wird nicht geduldet. Polnische Künstler und Intellektuelle protestieren trotzdem

Die Geschichte hält Polen fest im Würgegriff. Die Erinnerung an historische Themen ist allgegenwärtig und überschattet die Tagespolitik. PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski und die nach seiner Pfeife tanzende Regierung nützen jede Gelegenheit, um ihr von überspanntem Patriotismus und messianischem Katholizismus geprägtes Geschichtsbild in der Öffentlichkeit durchzusetzen und abweichende Meinungen als antipolnisch zu diffamieren. Dabei können sie sich auf willfährige Publizisten und Historiker stützen, die, aus welchen Gründen auch immer, diese Sicht teilen. Das Ergebnis ist eine aggressive Geschichtspolitik, die sich zum Ziel setzt, den polnischen Nationalstolz zu stärken und den "guten Namen Polens" im In- und Ausland hochzuhalten.

Dass die Regierenden die Deutungshoheit über die nationale Geschichte einfordern und keine Kritik dulden, ist für Polen nichts Neues. Das haben schon die Kommunisten so gehandhabt, allerdings ohne Erfolg. Alle Versuche der Partei, die Geschichte für ihre Zwecke zurechtzubiegen, beschleunigten letztlich nur den Zusammenbruch des Systems. Das zeigte sich am Fall Katyn: Starrsinnig hielten die Kommunisten an der von Moskau diktierten Version fest, wonach zehntausende polnische Offiziere 1940 im russischen Katyn nicht auf Befehl Stalins, sondern von den Deutschen ermordet worden wären. Dass diese Darstellung von seriösen Historikern längst widerlegt wurde und auch die meisten Polen, trotz Zensur, den wahren Sachverhalt kannten, kümmerte die Partei wenig.

Ironie der Geschichte

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet Katyn heute die öffentliche Debatte in Polen wieder beschäftigt, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Am 10. April 2010 flog der damalige Staatspräsident Lech Kaczynski in Begleitung führender Militärs und Politiker nach Smolensk, um im nahen Katyn an einer Gedenkfeier für die ermordeten Offiziere teilzunehmen. Beim Landeanflug stürzte die Präsidentenmaschine im dichten Nebel ab – laut Untersuchungsbericht ein tragisches Zusammenwirken widriger Witterungsverhältnisse und menschlichen Versagens. Diese banale Erklärung will Jaroslaw Kaczynski, der Zwillingsbruder von Lech, nicht gelten lassen. Er behauptet steif und fest, die Maschine sei durch einen Anschlag zum Absturz gebracht worden, wobei sich der Verdacht in erster Linie gegen die Russen richtet. Überzeugende Beweise für einen Anschlag wurden bisher nicht vorgelegt.

Alle gegen die These vom Terrorakt vorgebrachten Argumente werden als "Verleumdungen und Lügen" bezeichnet, die darauf abzielten, "den polnischen Stolz und Ruhm zu begraben und zu vernichten", wie Verteidigungsminister Antoni Macierewicz bei einer Smolensk-Feier sagte. Die von Kaczynski und Macierewicz, den beiden Hohepriestern der "Wahrheit von Smolensk", verkündete Version wird zum patriotischen Glaubensdogma erklärt, an dem keine Zweifel zulässig sind.

Um die Darstellung vom terroristischen Anschlag ein für alle Mal in die Köpfe zu hämmern, ordnete Macierewicz an, künftig bei allen Feiern für Gefallene, egal wann und wo sie zu Tode kamen, ob 1920 in der Schlacht um Warschau oder 1944 im Warschauer Aufstand, auch die Namen Lech Kaczynskis und der übrigen Opfer von Smolensk zu verlesen. Sogar ein Spielfilm (Smolensk), der vor kurzem in Warschau anlief, wurde über den angeblichen Terroranschlag gedreht.

Die ganze Nation soll also auf den Geist eines Toten vereidigt werden, der postum zu einem überragenden Denker und Staatsmann stilisiert wird. Jaroslaw Kaczynski verfolgt offenbar die Absicht, den Unfalltod des Zwillingsbruders zum martyrologischen Heldenmythos umzudeuten, zu einem Gründungsmythos für den neuen, besseren Staat, den er zu errichten verspricht.

Wer nicht bereit ist, ihm auf diesem Weg zu folgen, dem spricht der PiS-Chef jede Zugehörigkeit zur polnischen Gemeinschaft ab. "Diese Menschen stehen außerhalb der polnischen Kultur", erklärte Kaczynski während der 76. monatlichen (!) Gedenkfeier für die Opfer von Smolensk – die Feiern finden tatsächlich monatlich statt, damit die Tragödie ja nicht in Vergessenheit geraten kann.

Vor allem Künstler und Intellektuelle protestieren dagegen, dass sich die Regierenden der nationalen Geschichte bemächtigen und jede Diskussion darüber abschneiden. "Jetzt ist es wieder so weit, wie zur Zeit des kommunistischen Polens, dass uns die Staatsmacht sagt, was wir über die polnische Geschichte zu denken haben, wer unter den Lebenden und den vergangenen Generationen als Verräter gelten soll. Das kommt einem Staatsstreich gleich", sagt der Autor Adam Zagajewski, der seit Jahren als Anwärter auf den Nobelpreis genannt wird, in einem Interview.

Die neue Geschichtspolitik soll auf allen Ebenen vorangetrieben werden. Auch außerhalb Polens. Eine wichtige Funktion kommt dabei den Polnischen Instituten im Ausland zu. Sie hatten bisher die Aufgabe, interessante Erscheinungen und Trends der polnischen Kultur im Gastland bekanntzumachen und polnische Künstler und Autoren zu präsentieren. Das soll sich ändern. Künftig wird sich das Programm nicht mehr primär an die Bevölkerung des Gastlandes richten, sondern an die Polonia, an die Auslandspolen, deren patriotische Haltung es durch Vorträge und Aufführungen zu stärken gilt. Auch religiöse Belange sollen berücksichtigt werden.

Katholiken und Patrioten

Patriotismus und Katholizismus. Auf diesen Werten soll die polnische Kultur aufbauen. Dafür ist in erster Linie Kulturminister Piotr Glinski verantwortlich, der sich als eifriger Statthalter Kaczynskis erweist. Autoren, Theaterleute und andere Intellektuelle, die es wagen, diesen Kurs zu kritisieren, sollen von der offiziellen Kulturpolitik marginalisiert werden, egal, wie bekannt sie im Ausland sind. Auch Museen werden von diesen Maßnahmen nicht verschont, wie sich kürzlich beim in Planung befindlichen Museum des Zweiten Weltkriegs zeigte. Dieses soll nach Glinskis Wünschen völlig umstrukturiert und mit einem anderen Museum zusammengelegt werden, weil das bisherige Konzept zu international und zu wenig polnisch sei. Das neue Museum müsse sich zum Ziel setzen, die Polen als "Katholiken und Patrioten" zu präsentieren.

Glinskis Bestrebungen, die ganze Kultur, so weit er auf sie Zugriff hat, nach rechtskonservativen Vorstellungen auszurichten, löst bei Intellektuellen heftigen Widerstand aus. "Ich mache mir Sorgen, was weiter mit der Kultur geschehen wird, denn das, was der Minister vorschlägt, ist Kultur in einer völkischen, folkloristischen und national-pseudopatriotischen Form", kritisiert der Schauspieler Wojciech Pszoniak, der viel in Westeuropa, vor allem in Frankreich, arbeitet. "Das ist völlig wertlos, das ist weder patriotisch noch künstlerisch."

Ähnlich vernichtend urteilt der auch in Wien bekannte Theaterregisseur Krystian Lupa. Er äußert den Verdacht, dass der Minister und die gesamte Staatsführung jede "radikal suchende Kunst mit Missfallen betrachten, ähnlich wie alle Bestrebungen in Richtung Toleranz (...). Das sind für die Staatsmacht abscheuliche und gefährliche Ideen, daher ihre Verbohrtheit", sagt der Regisseur in einem Gespräch mit der liberalen Gazeta Wyborcza, in dem er die Befürchtung äußert, der gegenwärtige Kurs könne im Faschismus enden.

Ein besorgniserregendes Signal in dieser Richtung ist die zunehmende Verrohung der politischen Auseinandersetzung, vorerst vor allem auf verbaler Ebene. Bei einem von unabhängigen Intellektuellen für Oktober einberufenen Kulturkongress will man denn auch über den "Bürgerkrieg mit Worten" diskutieren, nachdem Kaczynski und seine Anhänger immer wieder politische Gegner rüde beschimpfen. Aber auch reaktionäre Kreise der Kirche sind in dieser Hinsicht nicht kleinlich. Immer öfter lassen sich Priester zu fremdenfeindlichen und antisemitischen Äußerungen hinreißen, ohne dass die Kirchenführung darauf reagierte. Solche Entwicklungen haben eine fortschreitende Spaltung der Gesellschaft zur Folge. Die Brutalisierung des öffentlichen Lebens erinnert fatal an die Zwischenkriegszeit, in der in Polen, wie in vielen europäischen Ländern, faschistische Gruppierungen und Parteien entstanden, die Juden und Angehörige anderer Minderheiten attackierten. Der heute oft zu hörende Slogan "Polska dla Polaków", "Polen für die Polen", klingt wie ein Echo aus jenen Zeiten. Heute richtet sich der Hass vor allem gegen Ausländer, die sich durch Hautfarbe und Religion von den "wahren" Polen unterscheiden. Die europaweite Flüchtlingskrise ist dabei willkommener Anlass, um Ängste und Misstrauen zu schüren, obwohl es in Polen kaum Flüchtlinge gibt. Die Zahl fremdenfeindlicher Gewalttaten nimmt dagegen besorgniserregend zu, und die Staatsmacht unternimmt wenig dagegen.

"Polen für die Polen"

Meist sind es bewusst gesteuerte Aktionen. Dahinter stehen oft Schlägerbanden, die sich auf historische Vorbilder berufen. Eine der extremsten Gruppierungen in der Zwischenkriegszeit war das ONR, 1934 gegründet und im selben Jahr, nach einem Attentat auf einen Minister, schon wieder verboten. Das ONR und ihm nahe Splittergruppen verfolgten einen radikalen Rassenantisemitismus, den sie mit Prügeln, gespickt mit Rasierklingen und Nägeln, auf die Straße und an die Universitäten trugen. 2003 wurde das ONR in Polen wieder legalisiert, obwohl die Neofaschisten, die sich zu einem kämpferischen Katholizismus bekennen, keine Abstriche vom extremen Programm machten.

In rechtskonservativen Kreisen genießen die jungen Faschisten wachsende Sympathien. Weltanschaulich sind sie nicht so weit voneinander entfernt: christlich, patriotisch, europaskeptisch – und autoritär. Das erinnert an Ungarn und die Beziehung Viktor Orbáns zur rechtsextremen "christlich und patriotischen" Jobbik-Partei.

Auch Kaczynski und seine Anhänger sind sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, die Rechtsradikalen in die Schranken zu weisen, mehr noch, sie haben scheinbar nichts dagegen, sich bei patriotischen Anlässen gemeinsam mit ihnen zu zeigen. Zuletzt bei der feierlichen Beisetzung zweier antikommunistischer Kämpfer, die 1946 von den Kommunisten ermordet worden waren und deren Überreste man erst vor kurzem fand. Ungehindert konnten dort junge Faschisten Neonazi-Transparente zeigen, etwa mit der Losung "Blood & Honour". "Blut und Ehre" lautete das Motto der Hitlerjugend. Die Vertreter der Staatsmacht störte das nicht.

Sonst sind die Regierenden, was die Geschichte angeht, nicht so großzügig. Kürzlich wurde eine Gesetzesvorlage angenommen, die die "Wahrung des guten Namens der Republik Polen und der Polnischen Nation" zum Ziel hat. Künftig soll jeder mit Gefängnis bis zu drei Jahren rechnen müssen, der in Widerspruch zu den historischen Tatsachen dem polnischen Staat oder der polnischen Nation öffentlich "die Verantwortung oder Mitverantwortung für Naziverbrechen" zuschreibt. Damit will man Formulierungen wie "polnische Konzentrationslager" für NS-Vernichtungslager ahnden, wie sie in ausländischen Medien bis heute zu finden sind.

Dieses "Antiverleumdungsgesetz", kritisiert die Opposition, könnte als Knebel für jede Kritik an der offiziellen nationalistischen Geschichtspolitik verwendet werden. Es sei zu befürchten, dass sich die "Verteidigung des guten Namens Polens" nicht auf offensichtliche Geschichtslügen beschränkt. Wenn man die Paragrafen nur richtig, das heißt nach den Vorstellungen Kaczynskis auslegt, könnten damit auch alle Zweifel an der "Wahrheit von Smolensk" per Gesetz verboten werden. Auch in anderen Fällen könnte das Gesetz dazu dienen, unliebsame Stimmen, die der offiziellen Geschichtspolitik widersprechen, abzuwürgen. Stichwort Jedwabne.

Im ostpolnischen Städtchen Jedwabne waren im Juli 1941 hunderte jüdische Bewohner des Ortes ermordet worden. Jahrelange Forschungen, geführt unter anderem vom polnischen Institut für Nationales Gedenken (IPN), ergaben, dass die Täter Polen waren, Deutsche waren beim Pogrom zwar anwesend, aber nicht direkt beteiligt. 1941 fanden einige solcher Massaker in Ostpolen statt. Auch nach dem Krieg kam es zu blutigen Ausschreitungen gegen jüdische Überlebende. Am bekanntesten ist das Massaker von Kielce 1946, bei dem mehr als 40 polnische Juden ermordet wurden.

In den letzten Jahren gab es in der polnischen Öffentlichkeit eine erbitterte Auseinandersetzung um die Frage, wer diese Exzesse zu verantworten hat. Ist es denkbar, dass Polen nicht nur Opfer waren, sondern auch Täter, die unschuldige Nachbarn ermordeten?

Es ist ein Ruhmesblatt für Polen, dass sich Historiker, Publizisten und Autoren, ungeachtet des Drucks von verschiedenen Seiten, offen mit diesen Problemen auseinandersetzten und zahlreiche hervorragende Publikationen vorlegten, die die Verbrechen der Vergangenheit erforschen und dokumentieren. Natürlich machten sich nicht alle Polen schuldig, viele halfen jüdischen Nachbarn, aber bei den Tätern handelt es sich nicht nur um isolierte Einzelfälle.

Die Offenheit, mit der diese schmerzlichen Themen behandelt wurden, unterscheidet Polen von anderen osteuropäischen, aber auch westeuropäischen Ländern, in denen man nach wie vor Probleme damit hat, sich den dunklen Kapiteln der Vergangenheit zu stellen. Polen hat in dieser Hinsicht Großes geleistet. Historisch, publizistisch und literarisch, aber auch moralisch.

Wenn es nach dem Willen der PiS-Regierung geht, soll damit jetzt Schluss sein. Wissenschafter und Publizisten, die sich mit der dunklen Vergangenheit befassen, werden abfällig als Vertreter einer "Pädagogik der Scham" bezeichnet, die nichts anderes sei als eine Verschwörung liberaler Intellektueller. Sie verfolgten die finstere Absicht, den Polen den Stolz auf die Heimat und ihre große Geschichte auszutreiben und das Land international anzuschwärzen. Die "Pädagogik der Scham" müsse durch eine positive und patriotische "Pädagogik des nationalen Stolzes" ersetzt werden.

In dieser ist kein Platz für differenzierte Einschätzungen der Geschichte, schon gar nicht in Hinblick auf das polnisch-jüdische Verhältnis. Die Polen dürfen nur als Helden und/oder als Opfer dargestellt werden, keinesfalls als Täter. Die Täter waren immer die anderen, die Deutschen, die Ukrainer, die Russen, die Weißrussen, die Litauer usw.

Kein Platz für Differenziertheit

Als die bekannte Autorin Olga Tokarczuk es wagte, diese Sicht infrage zu stellen und daran zu erinnern, dass sich auch Polen zwischen 1939 und 1945 nicht immer moralisch und heldenhaft benahmen, etwa wenn sie jüdische Mitbürger beraubten oder gar ermordeten, brach ein von rechten Politikern und Medien angefachter Sturm der Entrüstung los. Die Strafe ließ nicht lange auf sich warten.

Die Autorin wurde von Polnischen Kulturinstituten im Ausland auf den Index gesetzt. Ein bekannter Literaturkritiker unterstellte der Autorin, sie habe einen "antipolnischen Kurs" eingeschlagen und sei besonders darauf bedacht, in Deutschland zu reüssieren. So absurd der Vorwurf auch sein mag, die gar nicht so unterschwelligen antideutschen Töne klingen vertraut. Die waren auch unter den Kommunisten regelmäßig zu hören.

Noch verfügen Intellektuelle und Künstler in Polen über beachtliche Freiräume. Aber es mehren sich die Hinweise, dass Kaczynski und seine PiS auch in der Kultur lieber heute als morgen die Zügel straffer ziehen und alles verbieten würden, was nicht in ihr Weltbild passt. Die Geschichtspolitik liefert dafür ein eindringliches Beispiel. (Martin Pollack, 18.9.2016)

Martin Pollack ist Journalist, Schriftsteller und Übersetzer. Zuletzt erschien von ihm "Topografie der Erinnerung" (Residenz, 2016)

  • "Die Wahrheit von Smolensk": Katyn wurde und wird in Polen erinnerungspolitisch zum Zentrum eines nationalen Opfermythos stilisiert.
    foto: reuters/fabrizio bensch

    "Die Wahrheit von Smolensk": Katyn wurde und wird in Polen erinnerungspolitisch zum Zentrum eines nationalen Opfermythos stilisiert.

  • Jaroslaw Kaczynski am sechsten Jahrestag des Flugzeugabsturzes von Smolensk (10.4.2016).
    apa/afp/afp photo/wojtek radwans

    Jaroslaw Kaczynski am sechsten Jahrestag des Flugzeugabsturzes von Smolensk (10.4.2016).

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