The Sixth Sense: "Mozart und Freddie Mercury"

16. September 2016, 15:14
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Thomas Frühmann singt ein Loblied auf sein Paradepferd The Sixth Sense, das am Samstag beim Vienna Masters in der Wiener Krieau in die Pension verabschiedet wird

The Sixth Sense ist einzigartig. Wie ein Baby. Ein herzensliebes Pferd. Er liegt im Stall auf dem Rücken, du kannst hingehen, dich drauflegen, ihn umarmen, er macht keinen Mucks. Mein ältester Sohn hatte mit Pferden eigentlich Nullkontakt. Einmal ist er hin und hat dem Sixth Sense die Lippe gestreichelt, die ist halbseitig gelähmt und hängt herunter. Das Pferd, es schnurrt fast, wenn man ihm die Lippe streichelt. 2006 war die Sense, so nennen wir ihn, laut Weltzuchtverband das beste Springpferd des Jahres. Dieses Springpferd des Jahres kommt aus Österreich – mit einer österreichischen Besitzerin, mit einem österreichischen Reiter. Ich frag' dich, wann wird das wieder passieren? Das passiert nie wieder!

Seit 2004 hab ich die Sense. Meine Ex-Frau Serena hat ihn mir gekauft. Ich war auf dem Rückweg von einer Auktion in Norddeutschland, da haben wir nichts gefunden. Fast aus der Verzweiflung heraus hab ich in Bayern den Sixth Sense genommen. Nicht einmal g'scheit ausprobiert hab' ich ihn. Ein paarmal vorher hatte ich ihn gesehen, bei kleinen Turnieren. Ich dachte, er ist ein Guter – aber Gute gibt's hunderttausend auf der Welt. Die Kommentare? Da hast du ein nettes Pferd für Einmetervierzig gekauft, haben viele gesagt. Dann ist er plötzlich 1,40 besser gesprungen als 1,20, und dann sprang er 1,60 noch besser. Das war nicht absehbar. Sonst hätte ihn ein anderer gekauft. Der Hugo Simon hat ihn probiert, der Gravemeier auch, viele haben ihn probiert. Niemand wollte ihn. Mir haben sie ihn wohl gegeben, damit sie ihn überhaupt noch loswerden.

Gekostet hat er ja einen Pappenstiel. Dann gab es Angebote für ihn, das glaubst du nicht. Im Millionen-Euro-Bereich. Aber die Serena hat ihn nicht hergegeben. Es wäre auch die Frage gewesen, ob er mit einem anderen Reiter so gut zusammenpasst. Wenn einer auf perfekte Kontrolle aus ist, bringt er ihn um, den Sixth Sense. Oder umgekehrt. Daheim hat er nur selten das gemacht, was du willst. Ich hab' schon zwischendurch mal Ordnung gemacht. Aber wenn du wirklich hart mit ihm arbeiten wolltest, hat er sich niedergelegt mit dir. Und am Arbeitsplatz, wenn da einer einen Schas gelassen hat, machte er einen Schreckhupfer. Aber im Parcours, da war er unglaublich konzentriert. Da hat er sich überall drübergehechtet.

The Sixth Sense ist alles zugleich, der ist Mozart und Freddie Mercury. Springen hat er nie lernen müssen. Das ist spielerisch gekommen. Er hat diese halbgelähmte Lippe, er hat aber auch eine schiefe Hüfte. Deshalb hat er sich bei Spitzkehren nach rechts ziemlich schwergetan. Als ich ihn gekriegt hab', war er schmal, wie ein Galopper. Dann ist er ein richtiger Bär geworden. Ein Bär, der wie ein Baby ist. (Aufgezeichnet von Fritz Neumann, 16.9.2016)

  • Thomas Frühmann: "Gekostet hat er ja einen Pappenstiel. Dann gab es Angebote für ihn, das glaubst du nicht. Im Millionen-Euro-Bereich."
    foto: apa/schneider

    Thomas Frühmann: "Gekostet hat er ja einen Pappenstiel. Dann gab es Angebote für ihn, das glaubst du nicht. Im Millionen-Euro-Bereich."

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