"Tschick": Querfeldein ins wahre Leben

Video17. September 2016, 12:00
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Die Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs Roadtrip-Roman "Tschick" wird der Vorlage gerecht. Regisseur Fatih Akin hat dabei alle denkmöglichen Stolpersteine geschickt überwunden

Wien – Der Ost-Berliner Stadtteil Marzahn ist ein exzellenter Ausgangspunkt für ein Roadmovie. Hier beginnt mehr oder weniger zwischen den Hochhäusern schon das flache Land, das bis in die Walachei reicht. Eine europäische Region, von der viele nicht genau wissen werden, ob sie danach eher in einem aktuellen oder in einem historischen Atlas (oder gar in einem Märchenbuch?) suchen sollen. Die Walachei ist die Chiffre für das "möglichst weit weg", die in Wolfgang Herrndorfs (Anti-)Roadtrip-Roman Tschick einem 14-jährigen Erzähler namens Maik Klingenberg die Welt öffnet.

foto: studiocanal
Maik aus Marzahn und sein Kumpel Andrej "Tschick" Tschichatschoff büchsen aus Richtung Walachei. Walawas? Egal, Hauptsache weit weg!

Maik lebt in Marzahn. Er ist der Langweiler aus dem Speckgürtel, "reich, feige, wehrlos". Ganz wider Erwarten findet Maik die Aufmerksamkeit eines ungewöhnlichen neuen Klassenkameraden: Andrej "Tschick" Tschichatschoff findet nämlich eine Jacke gut, die Maik bei Humana gefunden hat. "Irgend so ein Chinateil, für fünf Euro." Niemand achtet darauf außer Tschick: "Übertrieben geile Jacke."

Es sind Kleinigkeiten wie diese, aber eben auch der von Anfang an radikal weite Horizont dieser Geschichte, die Fatih Akin dazu bewogen haben mochten, Tschick zu verfilmen. Ein heikles Unterfangen, denn einerseits ist das Buch so gut erzählt, dass dabei eigentlich nichts schiefgehen kann; andererseits hat das Buch einen so eigenen Sound, und wird von vielen auf eine sehr spezielle Weise geliebt, dass bei einer Verfilmung eigentlich nur alles schiefgehen kann.

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Das Erste, auf das es ankommt, wenn man Figuren aus einem Buch auf die Leinwand bringen will, ist natürlich die Besetzung. Hier hat Fatih Akin zweimal gut gewählt. Tristan Göbel, der als Maik Klingenberg das "weiße" Wohlstandsdeutschland vertritt, ist fast schon ein Profi. Mit seinen langen Grunge-Haaren und der Humana-Jacke ist Göbels Maik der perfekte angepasste Rebell, dessen erste wirklich coole Aktion ein Schulaufsatz über seine Mutter und den lieben Gott ist.

Bloß keine Satire

Den Tschick hingegen spielt ein Debütant: Anand Batbileg ist großartig. Er kommt in den deutschen Film so, wie er bei Maik in die Klasse kommt. Mit einer Frisur, für die sich selbst Fußballer genieren würden, mit einem Wissen, das ihm endlose Überlegenheit verschafft, aber keine Freunde. Batbileg muss ein Kind spielen, das aus einer Welt kommt, die mit dem Leben schon abgeschlossen hat. Diese Gratwanderung gelingt mit einer Unschuld, die nichts anderes als das Ergebnis geglückter Arbeit sein kann.

Die große Gefahr bei der Verfilmung von Tschick liegt auf der Hand. Es muss unbedingt alles vermieden werden, was nach Satire aussieht. Der Film darf sich auf keinen Fall über irgendetwas lustig machen, auch nicht über Polizisten, die mit Verkehrsmitteln, die selbst einem Lada Niva unterlegen sind, eine Verfolgungsjagd bestreiten müssen, oder über eine Risi-Pisi-Familie, bei der es unterwegs einmal "Reis mit Pampe" gibt, und die leicht zu einem üblen Ökonarrenspiegel hätte werden können.

Nichts von alledem, auch diese Szene bleibt, wie eigentlich der ganze Film, perfekt dem welteröffnenden Geist der Vorlage treu – und vielfach übrigens auch dem Buchstaben. Und wenn Fatih Akin etwas hinzufügt, dann sind es kluge Akzente, und einen sehr guten Soundtrack, der den Horizont der beiden Ausreißer dann doch übersteigen würde, ohne dass das aber irgendwie aufdringlich wirkt.

1999 hat Fatih Akin schon einmal einen Film über eine Fahrt in den Osten gemacht: Im Juli. Damals waren Moritz Bleibtreu und Christiane Paul unterwegs, es gab alle möglichen schrägen Abenteuer und ein Happyend. Dann kam 2004 Gegen die Wand, und mit diesem Welterfolg kamen die Möglichkeiten, sich als Filmemacher auch große Träume zu verwirklichen wie 2014 das historische Epos The Cut, das für den Genozid an den Armeniern so etwas wie Schindlers Liste in Farbe sein wollte. Das ging nicht gut. Tschick nimmt sich nun im Vergleich dazu als eher bescheidenes Projekt aus, es ist eine in jeder Hinsicht schlanke Verfilmung geworden, kein Wort zu viel, in eineinhalb Stunden ist die Sache durch.

Mit Bravour bestanden

Das ist genau das, was dem Roman am besten entspricht. Mit einem Buch, mit einem Freund wie "Tschick" (dessen Rufname vielleicht nicht ganz von ungefähr an "Trickster"-Figuren erinnert, die in der Mythologie für produktive Unordnung sorgen) kommt man gerade so weit, wie es denkbar ist, wenn man am Ende der sechs Wochen Ferien das wichtigste Zeugnis bekommen möchte: erste Schritte ins Leben – mit Bravour (und Nonchalance) bestanden. In einem Film, der das ganze Gegenteil von endbescheuert ist. (Bert Rebhandl, 17.9.2016)

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