"Im Jahr des Panda": Der Schein der Scheine

17. September 2016, 17:00
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Macht Geld glücklich – oder zumindest freier? Der Autor Clemens Berger stellt sich diese Frage in seinem neuen Roman – ein Vorabdruck

Wenn Pia die alten Scheine aus dem Automaten nahm und durch neue ersetzte, überkam sie jedes Mal ein Gefühl, das sie lieber für sich behielt. Eine Arbeit wie alle anderen, sagte sie, falls jemand mehr wissen wollte, bloß behaupteten das Totengräber und Henker wahrscheinlich auch, denen sie genauso wenig geglaubt hätte wie sich selbst.

Man musste glauben. Das war die Hauptsache. Man musste glauben, dass die Scheine, die Julian und sie in der Nationalbank in Empfang nahmen, den Kreis- lauf gewährleisteten, der Menschen versicherte, jederzeit abheben zu können – wenn es etwas abzuheben gab. Man musste glauben, dass die Bündel etwas wert waren, man damit so und so viel kaufen konnte, dass nicht besonders wertvolles Papier tatsächlich gegen Nahrung, Kleidung, Reisen, Gefühle und weiß der Teufel was noch eingetauscht werden konnte.

Der Teufel wusste es: Gegen alles; vor allem gegen Menschen. Man musste glauben, dass die Scheine überall verstanden wurden, man sie anderswo in andere übersetzen konnte, um anderswo mehr oder weniger oder in etwa gleich viel dafür zu bekommen. Man musste glauben, dass man mit vielen großen Scheinen viel bewegen, ein sorgenfreieres Leben führen konnte. Man musste dem Schein seinen Schein abnehmen, die Zahl, die auf ihn gedruckt war und in der Welt etwas bedeutete. Man musste glauben, dass man es glaubte.

Es war Nacht, wenn Pia in blaugrauer Uniform aus dem Auto stieg, sich kurz umsah und das Foyer einer Bank betrat. Julian saß hinter dem Steuer, blickte abwechselnd in den Rück- und in die Seitenspiegel, seit anderthalb Monaten trug er eine Waffe, die er selbst hatte anschaffen müssen. Es war angenehm, wenn niemand da war, es war unangenehm, wenn sie Menschen bitten musste, einen Augenblick auf der Straße zu warten – vor allem an Wochenenden, wenn manche grausam betrunken waren und in ihr die große Spielverderberin erkennen wollten. Sie sperrte das Foyer ab, öffnete einen Automaten nach dem nächsten, nahm den Zählerstand ab, die alten Scheine aus den Kassetten und fütterte sie mit neuen, die genauso frisch und glatt wie die alten waren.

Das Frösteln, das Erschaudern, das Ziehen in der Brust, wenn sie mit den gebündelten Scheinen hantierte, und gleichzeitig die sengende Wärme in ihrem Kopf, das Pochen an den Schläfen, die Ruhe des Blutes, das unabstellbare Kribbeln. Das war, wie ihr Körper auf die vielen Scheine und die damit verbundenen Möglichkeiten reagierte. Etwas tief in ihr reagierte anders. Und zwar mit Hoffnung.

Pia schämte sich, als sie Julian ein Zeichen gab, weil sie im selben Moment erkannte, wie harmlos der Mann war. Er lag auf dem Boden in einer Ecke, in einen langen schwarzen Filzmantel gehüllt, eine pralle Tragetasche aus Plastik unter dem Kopf, eine zweite lehnte an der Wand. Langsam hob er seinen Kopf und sah sie mit offenem Mund und toten Augen an. Der Mann war unrasiert, sein struppiger Bart grau, zuallererst waren ihr die langen Nägel und der Schorf im Gesicht aufgefallen. Sie hätte nicht sagen können, wie alt er war. Er hätte siebzig, aber auch fünfzig sein können. Er hatte sich zur Hälfte aufgerichtet und blickte sie ängstlich an. »Bleiben Sie liegen. Aber drehen Sie sich zur Seite.«

Pia wusste, das war falsch. Sie wusste, sie durfte das nicht tun. So etwas hatte sie noch nie getan, höchstwahrscheinlich gab es eine Verordnung oder ein Gesetz, das in Bankfoyers zu schlafen untersagte. Sie blickte zu den Kameras, als wollte sie sich entschuldigen. Bloß wofür? Sie wandte sich abermals den Automaten zu. Von dem Mann, der sich folgsam zur Wand gedreht hatte, ging keine Bedrohung aus. Aber wenn man sie sah und bemerkte, dass sie ihn nicht aus dem Foyer vertrieb, bekäme sie Probleme, harmlos hin oder her. Sie konnte keine Probleme gebrauchen, ihr Leben war problematisch genug, bisweilen war ihr, als könnte sie jeden Augenblick platzen. Vier Automaten benötigten frische Banknoten, Pia durfte nicht trödeln, ihr Zeitplan war straff und wurde in Echtzeit überwacht. Was war das schon wieder, Echtzeit? Als gäbe es eine andere.

Es war eine Schande, und es war das Wort »Schande«, das Runden in ihrem Kopf drehte, während sie die Automaten entleerte und wieder befüllte und bereit zur Ausgabe machte. Sollte er sich sträuben, könnte sie ihn entfernen oder entfernen lassen. Es lag in ihren Händen. Er lag in ihren Händen. Sie war angehalten, ihn zu entfernen oder entfernen zu lassen. Stattdessen hatte sie sich mit ihm im Foyer eingesperrt. Er atmete tief, sie spürte ihn im Rücken, von der Ecke breitete sich ein unangenehmer Geruch aus.

Und da, in ihren Händen, war all dieses Geld. Das eigentlich niemandem gehörte. »Natürlich gehört es jemandem.« »Ach ja?« »Der Bank zum Beispiel?« »Scheiß auf die Bank! Woher hat denn die das Geld?« »Von denen, die es ihr anvertrauen?« »Von sich selbst! Von der Notenpresse!« »Ach ja?«

Take it easy!

Bravo, Julian, bravo, bravo, bravo! Pia klatschte dreimal, Julian stellte die Musik lauter. Immer schön kühl bleiben, nüchtern, unbewegt. Immer alles so sehen, als könnte man nichts tun, als wäre die Welt, wie sie war, und Ende der Durchsage. Keine Regungen zeigen, die Zähne aufeinanderbeißen, die Augen verdrehen, die Backen blähen, tief einatmen, tief ausatmen. Großartig, wirklich. »Take it easy«, sagte er dann, »easy, baby«, das »easy« in die Länge gezogen, iiiiiisiiiii, tief, beruhigend, als beruhigte sie das. Im Gegenteil, es regte sie nur noch mehr auf, und gerade deshalb verkniff sich Pia, was sie sagen wollte.

Entgegen seiner Gewohnheit hatte Julian beide Hände auf dem Lenkrad. Er blickte geradeaus, auf einmal tat er so, als wäre er hoch konzentriert und müsste der Müdigkeit ein Schnippchen schlagen. Üblicherweise hatte er seine Rechte auf ihrem linken Oberschenkel, bisweilen auch anderswo – so hatte alles begonnen, von einer Nacht auf den nächsten Morgen, als sie vor jeder roten Ampel gierig geknutscht und einander berührt hatten. Wie hätte es auch anders kommen können, hatte Julian unlängst gesagt, was sie ihm immer noch verübelte, obwohl er es wieder nur so dahingesagt haben wollte – Nacht, Geld, Gefahr, ein junger Mann, eine junge Frau, stundenlang gemeinsam in einem gepanzerten Wagen.

Das war im Herbst gewesen, die Blätter hatten gelb und rot geleuchtet, die Sonne war hoch am Himmel gestanden und von Tag zu Tag schwächer geworden. Julian hatte Pia an der Hand genommen, sie waren durch die Stadt gewandert, an Weinhängen entlangspaziert, über die Höhenstraße gefahren, hatten sich in Häuser und Gärten und neue Existenzen hineinfabuliert, in dunklen Vorstadtspelunken mit derselben Aufregung wie in zu teuren Restaurants Platz genommen und sich wie Abenteurer gefühlt, die ständig Neues entdeckten. Sie hatten viel gelacht, in Pias Erinnerung beinahe ununterbrochen miteinander geschlafen, sie hatten halbe Tage im Bett verbracht, waren auf die Straße gegangen, um Essen und Wein aufzutreiben, nur um wenige Stunden später wieder im Bett zu landen. Sie hatten einander so viel zu erzählen und so viel zu verschweigen.

Aber jetzt war Mai. Und alles hätte anders sein können. Alles könnte, wenn es nach Pia ging, immer anders sein. Sollte anders sein. Manchmal dachte sie, nur um den Gedanken gleich darauf wieder zu verscheuchen, Julian mangle es an Phantasie.

Fassaden zogen vorbei, Häuserzeilen im Dunklen, hinter wenigen Fenstern war Licht, junge dunkle Männer zogen Wägelchen hinter sich her und sperrten Haustore auf, um Tageszeitungen auf Fußabstreifer vor Wohnungstüren zu legen. Schilder und Reklametafeln leuchteten, riesige Lettern warben für oder behaupteten etwas, Taxis mit gelben Lichtern glitten vorbei, hin und wieder wankte jemand nach Hause oder wohin auch immer. Routine hin oder her, ein Job wie jeder andere oder nicht – noch immer stellten sie sich vor, wie es wäre, überfallen zu werden, wie sie reagieren würden. Natürlich war es geübt worden, aber die Wirklichkeit war immer anders.

Die ersten Bäckereien waren erleuchtet, Pia hatte den Geruch von früher in der Nase, wenn sie nach einer langen Nacht hinter der Bar nach Hause gegangen war. Ein paar Menschen trotteten zur Frühschicht, der Tag begann, ihre Runde war beinahe beendet, als sie Julians Hand auf ihrem Oberschenkel spürte.

»Should I take it easy, baby?« »War nicht bös gemeint. Aber du bist nicht schuld daran. Ich übrigens auch nicht.« »Aber –« »Halt die Fresse.« »So?« Sie fixierte ihr Kinn zwischen beiden Händen, presste die Finger gegen die Wangen, die Lippen wurden zu einem dicken Kussmund. Julian drehte sich zu Pia, packte sie am Hinterkopf und küsste sie. Die Ampel war auf Rot. (Clemens Berger, Album, 17.9.2016)

Das Buch wird am 19. 9. um 19 Uhr im Literaturhaus Wien präsentiert.

  • Clemens Berger.
    foto: andreas duscha

    Clemens Berger.

  • Clemens Berger, "Im Jahr des Panda". € 24,70 / 672 Seiten. Luchterhand, 2016.
    foto: luchterhand

    Clemens Berger, "Im Jahr des Panda". € 24,70 / 672 Seiten. Luchterhand, 2016.

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