"Billig waschen nur die Reichen"

16. September 2016, 16:19
926 Postings

Elektrogeräte werden immer schlechter, reparieren zahlt sich immer weniger aus, sagt Sepp Eisenriegler. Von einem der auszog die Welt mit Waschmaschinen zu retten

Sepp Eisenriegler ist ein Mann mit einer Mission – oder vielmehr mit zahlreichen Missionen. Eine der wichtigsten ist eine volksbildnerische. Dass Konsumenten sich als Trottel verkaufen lassen – "ich schließe mich da nicht aus" – gefällt ihm gar nicht. Das schreibt er auch in seinem neuen Buch mit dem sprechenden Titel "Konsumtrottel oder wie uns die Elektro-Multis abzocken". Und weil zum dumm Verkaufen immer zwei gehören, sind Adressaten auch Handel und Hersteller. Der gelernte Geografieprofessor hat im Mechatronikfachbetrieb R.U.S.Z in Wien mit Elektrogeräten zu tun. Deswegen fließen dort die beiden nahtlos ineinander, wenn es um Aufklärung geht. Anschauungsobjekt: Waschmaschinen, "damit hat jeder zu tun."

Wer den 63-Jährigen derzeit in einem Hinterhof im 14. Wiener Gemeindebezirk besucht, gibt sich die Klinke mit anderen Journalisten in die Hand, um sich erklären lassen, wie er das meint. Dafür reicht Eisenriegler ein rund dreißig Zentimeter langes Plastikröhrchen, das er mit entschiedener Geste auseinander schiebt: "Das ist die Sollbruchstelle." Hinter ihm im Verkaufsraum, in dem sich Maschine an Maschine reiht und alte, sanierte Röhrenradios aufeinandergestapelt sind, zwei zylinderförmige Gebilde: Das eine ein Plastiklaugenbottich aus einem Billigmodell, das andere ein Edelstahlbottich.

foto: bruckner
Wer lernen will, wie seine Haushaltsgeräte innen und außen ticken und was es braucht, um sie zu reparieren, oder was es nicht braucht, weil es überflüssig ist, ist bei Sepp Eisenriegler richtig.

Ob eine Waschmaschine langlebig und reparabel ist, habe aber genau genommen mit dem Röhrchen zu tun, sagt Eisenriegler. Denn bei Billigwaschmaschinen würden zuerst diese kaputtgehen, um dann in der Folge das Lager der Waschmaschinen zu zerstören. "Greifen Sie das an, nichts als Schaumgummi". Energisch befühlt er einen schmalen Ring, der das Röhrchen umfasst. Er macht das wohl zum wiederholten Mal, und trotzdem hat der drahtige Mann, der auch einmal Umweltberater war, einen beinahe erstaunten Ausdruck im Gesicht. Wohl um auszudrücken, dass er kaum glauben kann, dass das durchgehen kann.

Die Bauteilpolitik

Was Eisenriegler ärgert: "Ein defekter Stoßdämpfer ließe sich relativ leicht zu einem vernünftigen Preis austauschen" – wären nicht die Hersteller so geschickt, das tunlichst zu verhindern: "Kein Mensch merkt, wenn in einer Maschinen der Stoßdämpfer den Geist aufgibt. Obwohl es in den modernen Geräten nur so leuchtet und blinkt, gibt es für kaputte Stoßdämpfer keine Warnung."

Und da ist Eisenriegler schnell bei seiner in zwanzigjähriger Reparaturpraxis gesammelten Erfahrung, die ihn wiederum zur Bauteilpolitik der Hersteller führt: "Selbst wenn ein Waschmaschinenbesitzer erkennen würde, dass das Lager kaputt ist, hat er keine Chance. Das Lager ist fest mit dem Bottich verbunden. Selbst der geschickteste Handwerker kann es nicht austauschen."

foto: david
Im Reparatur- und Servicezentrum R.U.S.Z. werden Waschmaschinen fast so pfleglich wie Patienten behandelt.

Will heißen: Ist die Chose kaputt und geht nichts mehr, muss das ganze Bauteil – bestehend aus Bottich, Trommel und Lager –, also am Ende die halbe Waschmaschine ausgetauscht werden. Kostet bis zu 300 Euro – plus Arbeitszeit: Macht unter dem Strich 540 Euro. Ergo: Zahlt sich nicht aus.

Von den Herstellern sei das so geplant, sagt Eisenriegler fest – auch wenn offizielle Belege dafür fehlen. Die Hersteller würden eben in Zeiten der Sättigung ihre Verkäufe durch den Einbau weniger dauerhafter Einzelteile steigern. Dabei würden die wohlhabenden Gesellschaften ohnedies zu viele Ressourcen verschlingen, gar nicht zu reden von dem vielen Schrott, der dem Planeten gar nicht guttue.

Und da ist er schon beim nächsten Problem. Reparieren zahle sich immer weniger aus. 1600 bis 1800 Euro zahlt er seinen Technikern netto. Auch wenn er dann bei einem älteren Gerät kein Originalersatzteil einbaut, sondern ein Standardlager im Wert von 15 Euro, kostet die Reparatur des Schadens dank hoher Arbeitskosten immer noch rund 220 Euro. Doch immerhin: "Es hat kein Ablaufdatum."

Mieten statt kaufen

9000 Geräte werden hier oder bei Konsumenten daheim begutachtet, die Reparaturquote liegt bei 95 Prozent. Wer will, kann auch gebrauchte Geräte kaufen. "Hier eine Miele um 300 Euro, da haben Sie dann die nächsten zehn Jahre Ruhe. Wenn Sie ein neues Gerät um diesen Preis kaufen, haben Sie nach vier Jahren ein Problem." Ganz so eindimensional ist die Praxis sicher nicht, aber in der Tendenz hat Eisenriegler vermutlich nicht ganz unrecht.

Bei diesem Thema ist er sichtlich in seinem Element, streicht mit der Hand über das Gerät, das nach außen hin kaum luxuriöser aussieht als alle Geräte hier. Weiß, quadratisch, mehr oder weniger gut. Was den Autodidakten umtreibt, sind die großen Fragen der Menschheit. Da redet er sich schon einmal in Rage: ein Kapitalismus, der seine Kinder frisst, ein Wirtschaftssystem, das auf Profitmaximierung Einzelner abzielt und sich seiner Meinung nach überholt hat, Konsum und Abfallproduktion bis zum Abwinken, Rohstoffausbeutung auf dem Rücken der Armen. "Es ist naiv zu glauben, dass die Leute etwas von ihrer eigenen Ausbeutung haben."

foto: bruckner
Seit zwanzig Jahren ist der gelernte AHS-Lehrer in Sachen Reparieren aktiv. Begonnen hat alles als sozioökonomischer Betrieb. Mittlerweile ist das R.U.S.Z "privatisiert".

Hier konzentriert sich alles auf rund 1.600 Quadratmetern, mit vielen verschachtelten Räumen und Gängen im Hintergrund. Die 22 Mitarbeiter, die hier im Westen Wiens Hand anlegen, sind ehemalige Langzeitarbeitslose. Eisenriegler hat sie zu Technikexperten ausgebildet. Dem einen oder anderen sieht man den Nerd förmlich an. Tief stecken die Köpfe in geöffneten Geräten – zwischen Kabeln und Schrauben und Platinen. Nicht nur Waschmaschinen werden gerichtet, auch Kaffeemaschinen oder Kühlschränke. "Nur Kapselmaschinen reparieren wir nicht. Aus Prinzip. Das geht in die falsche Richtung", sagt Eisenriegler streng.

Geplante Obsoleszenz

Dass die Hersteller angeblich bewusst Dinge mit Ablaufdatum einbauen, ist mittlerweile eine heiß diskutierte Angelegenheit. Die "geplante Obsoleszenz", auch: geplanter Verschleiß durch eingebaute Schwachstellen – von den Herstellern heftig in Abrede gestellt –, will Eisenriegler auch nachweisen können – durch eine an ihn ergangene Liste, die sich einem übereifrigen Mitarbeiter des niederländischen Elektrohandelsverbands verdanke.

Dass die EU-Kommission sich mit dem Circular Economy Action Plan dem Thema inzwischen widmet, ist auch ein Verdienst Eisenrieglers und des von ihm mitinitiierten Reparaturnetzwerks RREUSE. In 17 EU-Staaten ist der Verbund aktiv und betreibt politische Arbeit. Die zentrale Forderung: Es soll zu einer europaweit verbindlichen Norm werden, dass Produkte möglichst umfassend repariert werden können.

foto: bruckner
Ein kleiner Stoßdämpfer mit großer Wirkung – zumindest wenn er nicht mehr funktioniert.

Die Hersteller stünden mit dem Elektrohandel in einem Knechtschaftsverhältnis, ist Eisenriegler überzeugt. Das erklärt er dann in seinem kleinen Büro nebenan. Dort gibt es Kaffee aus der selbst reparierten Maschine – und geraucht werden darf auch.

Die Geschäftsmodelle müssen nicht weniger als auf den Kopf gestellt werden, sagt er. Auch wie das gehen könnte, weiß Eisenriegler schon: "Wir sind hier zurück in der Zukunft. Wir bieten Miete an." Um 15 Euro monatlich und gegen eine Kaution von 350 Euro können Kunden ihre Waschmaschine mieten. Einmal jährlich rückt der Kundendienst an und macht ein Service, tauscht Verschleißteile aus, vergleichbar dem Pickerl beim Auto. 36 Kunden machen das inzwischen so. Eisenriegler will das Modell auch den Herstellern und dem Handel schmackhaft machen: "Ich will beweisen, dass das geht. Ich will die Welt ein bisschen besser machen."

Die PR-Tricks

Und weil wir schon beim Auto und beim Bessermachen sind, kehren wir zurück zum Point of Sale: "Die Leute kaufen Waschmaschinen – wie Autos nach PS – nach Schleuderdrehzahlen. Dabei braucht man keine 1600 Umdrehungen. Das ist nichts als PR."

Wie auch in Sachen Energieeffizienz: Wer eine der vielbeworbenen, energieeffizienten Waschmaschinen mit dem Label A+++ gekauft habe, sei mehr oder weniger einem Schmäh aufgesessen, sagt Eisenriegler trocken. "Man spart nur bei einem einzigen, dem Öko-Programm. Wenn ich ein Wäschestück dann noch bügle oder trockne, brauche ich über Energieeffizienz gar nicht mehr nachdenken."

War ihn geradezu zornig macht: dass in der EU Millionen funktionstüchtiger Waschmaschinen auf den Schrottplätzen landeten. Dabei entstünden 53 Prozent der Umweltbelastung schon bei der Herstellung und der Distribution.

foto: bruckner
Im Sommer sind die Reparaturaufträge überschaubar. Da werden dann Radios repariert. Da sind echte Sammlerstücke darunter, sagt Eisenriegler stolz.

Doch das wahre Problem sei: "Manchen Leuten fehlt die Liquidität." Denn genau genommen "waschen nur Reiche billig", sagt Eisenriegler. Wer sich eine Gerät um 1200 Euro leiste, wasche damit 20 Jahre, rechnet er vor. In der gleichen Zeit verbrauchen Konsumenten sieben Modelle zum Preis von 300 Euro. Konsumenten hätten aber auch Grundwissen verlernt. Ein Großteil der Fälle im R.U.S.Z hat damit zu tun, dass die Menschen nicht mehr wissen, dass man ein Flusensieb reinigen und eine Maschine entkalken muss.

Die Kawaschnikow

Wenn Eisenriegler seinen Kopf durchsetzt, hat er aber ohnedies bald eine größere Lösung: Eine russische Waschmaschine, die kaum Elektronik hat und nicht umzubringen ist. Noch ist er am Verhandeln, dass er sie auch hier verkaufen kann – zum Preis von 250 Euro. Heißen könnte sie Kawaschnikow. Dass Eisenriegler sich damit selbst überflüssig macht, glaubt er nicht. Gerade schreibt er an einem Franchise-Handbuch: "Schweizer und Deutsche fragen mich, ob es das R.U.S.Z nicht anderswo auch noch gibt. Nein, wir sind hier einzigartig." Um die Welt zu verbessern, bleibt also noch viel zu tun. (Regina Bruckner, 16.9.2016)

Anmerkung: Die Reparaturquote liegt nicht wie ursprünglich im Artikel geschrieben bei einem Viertel, sondern bei 95 Prozent. Ein Viertel der Spendengeräte werden für einen Wiederverkauf aufbereitet.

foto: verlag
Das Buch "Konsumtrottel – Wie uns die Elektro-Multis abzocken und wie wir uns wehren"erscheint in der edition a.

Siehe dazu auch: Geplante Obsoleszenz: Suche nach dem Sündenbock

Share if you care.