Schockbilder lassen deutsche Tabakindustrie kalt

16. September 2016, 12:56
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Kurzzeitig hätte es einen Anstieg beim Verkauf von Zigarettenetuis gegeben, die Bild-Warnhinweise würden wenig bewirken, Anti-Rauch-Verbände sind verärgert

Berlin/Wien – Seit Mai sollten Schockbilder auf neuen Zigarettenschachteln vom Rauchen abhalten. Die Österreicher lassen sich den Griff zum Glimmstängel dadurch offenbar nicht vermiesen: "Die Kunden reagieren zwar unterschiedlich, in Wirklichkeit haben die Bilder aber keine großen Auswirkungen auf den Konsum", sagte Josef Prirschl, Trafikanten-Obmann der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), am Freitag.

Zu beobachten sei aber ein Trend zu Hilfsmitteln, viele wollen sich den Anblick von Raucherlungen und Co ersparen. "Viele greifen zu Verpackungshilfen", stellte Prirschl fest, besonders Zigarettenetuis seien beliebt. Trafikanten hingegen seien ständig mit den schockierenden Bildern konfrontiert. "Das ist natürlich nicht lustig", sagte Prirschl und kritisierte, dass die Maßnahme ihre Wirkung verfehle.

Zu früh

Laut dem Sprecher der Geschäftsleitung von JTI Austria (früher Austria Tabak), Ralf-Wolfgang Lothert, ist es noch zu früh, um Auswirkungen zu analysieren. Man müsse berücksichtigen, dass auch noch alte Verpackungen im Umlauf sind. Er geht aber davon aus, dass der Markt stabil bleibt. "Es ist ein hoher Aufwand für die Industrie, ohne gesundheitspolitische Wirkung", kommentierte Lothert.

Beim Rauchfrei Telefon hatte es vor kurzem geheißen, dass im Juli mehr Anrufer als im gesamten Jahr 2015 verzeichnet wurden. Das sei eine Auswirkung des neuen Tabakgesetzes, teilte die NÖ Gebietskrankenkasse, Betreiberin der Hotline für ganz Österreich, mit. Seit der Umsetzung der Tabakrichtlinie sind nicht nur Schockbilder auf Zigarettenpackungen verpflichtend, auch die Telefonnummer der sogenannten "Quitline" muss aufgedruckt sein.

Keine Auswirkungen auf Industrie

Die deutsche Tabakindustrie lassen die aufgedruckten Schockbilder ebenfalls kalt. "Das hat sich bei uns schlichtweg nicht ausgewirkt", sagt Rainer von Bötticher vom deutschen Bundesverband des Tabakwaren-Einzelhandels (BTWE). Es habe keine Protestwelle von Kunden gegeben.

Zu den Aufdruck verdeckenden Schachtelschiebern oder Etuis hätte bisher nur ein kleiner Teil der Raucher gegriffen. Ab Freitag trifft sich die Branche auf der weltgrößten Tabakindustrie-Messe "Intertabac" in Dortmund – und hat neue Strategien, um die Bildchen zumindest im Laden verschwinden zu lassen.

Zwar habe es kurzzeitig einen Anstieg beim Verkauf von Zigarettenetuis gegeben, sagt von Bötticher. "Von einem Boom kann man aber nicht sprechen, viele leben auch ohne Etui." Beim Online-Kaufhaus Ebay waren Zigarettenetuis nach der Einführung der Schockbilder im Mai kurzzeitig mit unter den Bestsellern. Beim Online-Versandhandel Amazon rangierte am Donnerstag eine Zigarettenschachtel aus Aluminium unter den 100 meisterverkauften Artikeln – allerdings auf Platz 98.

Absatz und Umsatz stabil

Auch beim Versandhandel Manufactum ist ein Etui im Angebot. "Der Verkauf ist im letzten Quartal tatsächlich um etwa 50 Prozent zum Vorjahr gestiegen", erklärt Angele Zettner, die den kreativen Einkauf leitet. "Wir haben jedoch keine Hinweise darauf, ob dies mit der Veränderung der Zigarettenpackungen zu tun hat oder andere Gründe hat." Viel Ärger vorab also wegen nichts? Von Bötticher vom BTWE ist sich sicher: "Es gibt keinen Wirkungszusammenhang zu den Gruselbildern." Der Absatz und Umsatz des Tabakwaren-Einzelhandels entwickle sich stabil. Im zweiten Quartal 2016 lag der Zigaretten-Umsatz, der über Steuerzeichen errechnet wird, laut dem Statistischen Bundesamt bei 4,8 Milliarden Euro.

Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sind das zwar 11,6 Prozent weniger. Die Tabakbranche hatte jedoch in den ersten vier Monaten dieses Jahres die Produktion und damit den Kauf von Steuerzeichen ausgeweitet, um noch möglichst viele Schachteln vor der Umstellung zu produzieren. Nach Mai wurden dann weniger Steuerzeichen bezogen. Der Umsatz von Feinschnitt stieg im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 6,6 Prozent auf gut eine Milliarde Euro. Gerade beim Feinschnitt, also Tabak der in einer Dose verkauft und dann zur Zigarette gedreht oder gestopft wird, steige der Absatz, erklärt der Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Rauchtabakindustrie, Michael von Foerster. Er zeigt sich wenig beeindruckt von den vorgeschriebenen Aufdrucken.

Anti-Rauch-Verbände verärgert

Die Gelassenheit der deutschen Tabakbranche ärgert viele Anti-Rauch-Verbände. Es zeige sich sehr wohl in anderen Ländern, dass die Bild-Warnhinweise etwas bewirken, sagt Ute Mons Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg. "Die Bilder erregen einfach mehr Aufmerksamkeit", erklärt die Ärztin. Dass einige Raucher zu Etuis greifen, sei ein Beweis dafür, dass die Warnhinweise die Menschen emotional erreichten. Und das sei der erste Schritt, um mit dem Rauchen aufzuhören.

Auch die bundesweite Organisation "Forum Rauchfrei" hört die Beschwichtigungen der Tabak-Branche nicht gern. "Gerade bei Kindern und Jugendlichen wirken die Bilder schon sehr abschreckend", sagt Johannes Spatz, Sprecher der Initiative. Die Organisation wird am zweiten Messetag vor der "Intertabac" demonstrieren. Verdeck-Aktionen der Tabakbranche zeigen Spatz' Ansicht nach klar, dass der Industrie die Warnhinweise gar nicht schmecken.

Als neue Taktik versenden die Hersteller nun Blenden und Banderolen, die vor der Glasleiste des Zigarettenregals in Verkaufsstellen angebracht werden können, wie Spatz sagt. "Die Schockbilder sind dann im Regal nicht mehr zu sehen." Die Kunden würden sie erst erkennen, wenn die Schachtel schon in der Hand liege. Mit Verdecken habe das nichts zu tun, sagt der Deutsche Zigarettenverband (DZV). "Die Hersteller geben Orientierungshilfen", erklärt DZV-Geschäftsführer Jan Mücke. Wegen der großflächigen Warnaufdrucke könnten die Kunden die Marke nicht mehr erkennen und die Produkte nicht mehr so gut unterscheiden. Deshalb gebe es nun die Banderolen. (APA, 16.9.2016)

  • Zigarettenpackung mit abschreckenden Fotos und Texten  in einem Tabakladen in Brüssel.
    foto: ap photo/yves logghe

    Zigarettenpackung mit abschreckenden Fotos und Texten in einem Tabakladen in Brüssel.

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