Wien: Geldfälscher und Zaungäste im Liesinger Straßentheater

Video16. September 2016, 15:25
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Susita Fink inszeniert historische Kriminalfälle, um dem Publikum Wiener Grätzel und Geschichte näherzubringen

Wien – "Agenten! Wir sind auf der Suche nach einem Geldfälscher", wird ausgerufen – und dann leitet die Musik auf der Knopfharmonika (komponiert von Ernst Molden) den Weg zur ersten Szene des Theaterstücks: vor einer umfunktionierten Telefonzelle unweit des Kriegerdenkmals am Maurer Hauptplatz in Wien-Liesing. "Von Großkopade und Sacklpicka 2" handelt von Peter Ritter von Bohr, einem in der Wiener Biedermeierzeit angesehenen Unternehmer und Bankgründer, der 1845 als Geldfälscher überführt wurde.

derstandard.at

Das Stück dreht sich um erschlichene Adelstitel, Betrug, Spekulation und die Frage, ob Bohr auch ein Mörder war. Es spielt auf der Straße – dort, wo der berühmte Geldfälscher eine Liegenschaft besaß: in Mauer. Das Publikum (im Schnitt kommen 75 Personen zu den Vorstellungen) ist angehalten, von Station zu Station mitzugehen. Über den Maurer Rathauspark und die Endresstraße geht es zum Finale in den Heurigen Weindorfer.

Die Geschichte wird von professionellen Darstellern, die mit Puppen und Tafeln hantieren, gespielt und erzählt. Im Hintergrund gibt es eine "straffe Organisation, damit alles reibungslos läuft", erzählt Susita Fink.

sarah brugner

Die 44-jährige Philosophin, Theater- und Sprachwissenschafterin zeichnet nicht nur für Buch und Regie ihrer Stücke verantwortlich, sondern gründete auch 2009 das Ensembletheater Fink. Nach 15 Jahren auf der Bühne im Figurentheater für Kinder wollte sie auf der Straße spielen, ein "niederschwelliges Volkstheater" machen, "das zu den Leuten kommt und sozialkritische Themen mit aktuellem Bezug aufgreift", sagt Fink. Und sie habe zeigen wollen, dass Puppentheater nicht "dilettantisch" ist, wie oft behauptet werde.

Fink inszeniert historische Kriminalfälle, weil "niemand besser stirbt als eine Puppe" – und macht das dort, wo sie passiert sind, "um Leuten diese Orte näherzubringen" und zu zeigen, "dass das nicht den Bach runtergehen sollte, nur zum Zwecke des Profits". Das aktuelle Stück thematisiert unter anderem leistbares Wohnen und Immobilienspekulation. "Ich sehe die Stadt mit ganz anderen Augen, wenn ich vor Ort bin", sagt Fink. "Da fällt einem Schönheit oder Schirchheit mehr auf."

sarah brugner

Beim Straßentheater komme man "mit den Leuten in Kontakt". "Edelstatisten" oder "Zaungäste" nennt Fink die Menschen, die etwa schon auf der Parkbank oder am Fenster darauf warten, dass "ihre" Szene gespielt wird. Es gehe dabei nicht immer friedlich zu. Bei einem Stück, das im Hof eines Gemeindebaus haltmachte, hätten sich immer wieder Bewohner lautstark über den Lärm beschwert, aber "wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt, finden sie es doch leiwand".

Manchmal würden Passanten auf etwas, das gerade im Stück gesagt wurde, reagieren. "Oft wird uns recht gegeben", erzählt Fink. Die Seitenhiebe auf Politik und ihre Akteure sind zahlreich. "Die Reichen glauben, Geld steht ihnen einfach zu; da braucht‘s kei Leistung", heißt es etwa an einer Stelle von "Großkopade und Sacklpicka 2".

Originalakte in Kurrentschrift

Das Publikum schaut nicht nur zu, sondern wird eingebunden: Die Figuren küssen Hände, sprechen Zuschauer direkt an oder rufen Namen auf. "Das Publikum macht gerne mit; wir führen ja niemanden vor", sagt Fink. Und es sei ein Theater, wo man rauchen oder mit seinem Hund kommen kann. Einige Zuschauer haben Picknickdecken mitgebracht und breiten sie aus, wenn es die Szene gerade erlaubt. Andere essen Eis.

joseph vonblon

Fink steckt viel Recherche in ihre Aufführungen. Sie wühlt im Wien-Archiv oder in jenem der Nationalbank, liest und transkribiert Originalakte in Kurrentschrift. Dann gehe sie auf die Straße und schaue, wo die authentischsten Orte sind. "Großkopade und Sacklpicka 2" ist ihr viertes Straßentheaterstück. Sie inszenierte auch schon im zweiten und dritten Bezirk. Nächsten Sommer soll es um die "Greißlerin vom Hungelbrunn" gehen, die erste Frau, die in Wien öffentlich gehängt wurde. (Text: Christa Minkin, Video: Sarah Brugner, 16.9.2016)

Spieltermine: 16. & 17. September, 19:30 Uhr

Treffpunkt: 1230 Wien, Maurer Hauptplatz 9 (beim Kriegerdenkmal)

Ticketpreis: 20 Euro

Link zur Webseite des Theater Fink

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