Gesichtsschleier in Europa: Zwischen Pflicht und Tradition

17. September 2016, 08:00
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Die aktuelle Debatte um das Verbot von Burka und Vollverschleierung ist nicht die erste auf europäischem Boden

"In unserer schönen Heimat gibt es Orte, in denen Musliminnen mit offenem Gesicht gehen und sich dabei sehr sauber und anständig benehmen. Übrigens, unsere Sitten in Sachen Liebe zeigen, dass wir auf diese religiöse Vorschrift nie achteten", argumentierte im Jahre 1928 der bosnische Großmufti Džemaludin Čaušević in einer Zeitungsdebatte für das Ablegen von Gesichtsschleiern bei muslimischen Frauen in Bosnien-Herzegowina.

Diese Debatte führte der progressive Großmufti in einer für bosnisch-herzegowinische Muslime besonders heiklen Zeit: Im ersten jugoslawischen Staat der Zwischenkriegszeit wurden viele muslimische Bosniaken als alte Landbesitzer enteignet, Verbrechen an Muslimen vergrößerten das Gefühl der Unsicherheit. Gleichzeitig begann noch während der österreichisch-ungarischen Zeit der Prozess der Verwestlichung bosnisch-herzegowinischer Muslime. Dies betraf auch Frauen, die nun aus finanziellen Gründen einer geregelten Arbeit nachgehen mussten und sich verstärkt im öffentlichen Leben zeigten.

Stadt vs. Land

Traditionell trugen Musliminnen in Bosnien-Herzegowina in der Öffentlichkeit einen dünnen schwarzen Gesichtsschleier (auf Bosnisch "zar" oder "vala" genannt), meistens mit einem breiten und langen Mantel (auf Bosnisch: "feredža") gepaart. Interessanterweise war dort die Gesichtsbedeckung ein vorwiegend urbanes Phänomen. Auf dem Land, wo Frauen schon immer auch in der Landwirtschaft tätig waren, wurde die Gesichtsbedeckung bei Musliminnen nicht praktiziert. Zudem trugen damals auch viele christliche und jüdische Frauen in Bosnien eine Kopfbedeckung.

Während in der Zwischenkriegszeit heftige Diskussionen über die Vollverschleierung der Frauen zwischen konservativen und progressiven muslimischen Gelehrten geführt wurden, kam der Wendepunkt in dieser Angelegenheit erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Das zweite – kommunistische – Jugoslawien hatte die ideologische Gleichheit zwischen Mann und Frau auf seine Fahnen geschrieben.

Die Vollverschleierung der muslimischen Frau widersprach diesem Grundsatz. Mittlerweile hatten aber manche Bosniakinnen in Städten mutig zwischen Tradition und Modernität gependelt. Sie kombinierten etwa den schwarzen Gesichtsschleier mit gegenwärtigen europäischen Kostümen und Schuhen: ein womöglich einzigartiges Experiment der Modegeschichte. Erste konkrete Schritte Richtung Vollverschleierungsverbot wurden von der Antifaschistischen Frauenfront im Jahre 1947 eingeleitet. Auf deren Kongress in Sarajevo am 13. und 14. Juli 1947 wurde eine Resolution verabschiedet, in der die Gesichtsverschleierung als "Symbol der einstigen ungleichen Stellung der muslimischen Frau und der Rest einer schweren Vergangenheit" bezeichnet wird, die "der muslimischen Frau eine volle Teilhabe am politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben erschwert".

Gesetz zum Verbot von Vollverschleierung

Die Macht und die Rolle der Glaubensgemeinschaften änderten sich im neuen kommunistischen Regime grundlegend. So verabschiedete im August desselben Jahres die Versammlung der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Bosnien-Herzegowina ebenfalls eine Resolution, in der festgestellt wurde, dass "es keine Hindernisse für die Musliminnen gibt, den Gesichtsschleier abzulegen. Es ist höchste Zeit, dass unsere Muslimin durch ihren freien Willen und als gleichberechtigtes Mitglied unserer Volks- und Glaubensgemeinschaft ihren Platz im wirtschaftlichen und staatlichen Leben des neuen Jugoslawien findet." Ein Gesetz zum Verbot der Vollverschleierung der muslimischen Frauen in Bosnien-Herzegowina wurde vom Parlament dieser damals jugoslawischen Teilrepublik am 27. September 1950 verabschiedet.

Christliche Frauen mit Gesichtsschleier

Auch in anderen europäischen Regionen wurde Vollverschleierung praktiziert – nicht nur von Musliminnen. So wurden im spanischen Andalusien durch lange Jahrhunderte der maurischen Herrschaft dortige christliche Frauen in ihren Kleidungsgewohnheiten muslimisch beeinflusst. In der Region Vejer de la Frontera bedeckten etwa christliche Frauen sogar bis zum Zweiten Weltkrieg ihre Gesichter. Bis in die 1930er-Jahre trugen manche adelige Frauen in den Niederlanden und Flandern den Huik, einen Schleier, der seinen Ursprung in Marokko hatte (Arabisch "haik") und den gesamten Körper bedeckte. (Nedad Memić, 17.9.2016)

  • La Cobijada: Statue einer verschleierten Frau in Vejer de la Frontera, Provinz Cádiz, Spanien. Bis zum Verbot durch Franco 1939 war diese Art der Verhüllung in Südspanien üblich.
    foto: by diagram lajard (own work) [cc0], via wikimedia commons

    La Cobijada: Statue einer verschleierten Frau in Vejer de la Frontera, Provinz Cádiz, Spanien. Bis zum Verbot durch Franco 1939 war diese Art der Verhüllung in Südspanien üblich.

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