Vom Proletenstrand zur Promenade: Die Copa Cagrana als Ort der Forschung

Ansichtssache20. September 2016, 12:00
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Wien – Breite Holzstege, ein Beach Club, aufgeschütteter Sand: Wo früher einmal der Proletenstrand der Wiener war, findet sich nun eine "Waterfront". Nach dem jahrelangen Rechtsstreit zwischen der Stadt Wien und dem Pächter Norbert Weber sind die Verhältnisse an der ehemaligen Copa Cagrana nun neu geordnet: Nachdem sich die Stadt durchsetzen konnte, mussten die alten Weber-Stätten den Baggern weichen.

Am Beginn des Donauabschnitts bei der Reichsbrücke begrüßt einen nun das Konterfei der Wiener Umweltstadträtin: "Urlaub mitten in Wien" wird auf den Plakaten versprochen. 2017 sollen die Bauarbeiten für die "CopaNEU" beginnen, bis dahin wird die Fläche als "CopaBeach" zwischengenutzt.

Container als Forschungsstätte

Mitten in dieser Phase der Umstrukturierung hat sich eine Gruppe von Studierenden der Akademie der bildenden Künste niedergelassen. Koordinatorin Antje Lehn erforscht und begleitet gemeinsam mit den Studierenden die Entwicklung des Stadtteils.

Ein sechs Quadratmeter großer Container dient als Anlaufstelle und Sammelpunkt ihrer Aktivitäten vor Ort. "Wir wollen niederschwellige Orte der Bildung schaffen", erklärt Lehn, die sich auch zum Ziel gesetzt hat, gemeinsam mit Anrainern ins Gespräch zu kommen. Die Entwicklung der Gegend interessiert die Architektin: "Das Überschwemmungsgebiet hatte früher keinen kommerziellen Wert, es war offen für alle."

War die Copa Cagrana bis vor ein paar Monaten Treffpunkt verschiedener Randgruppen, hat sich das Publikum deutlich gewandelt: Was von den meisten Anrainern in den letzten Jahren als grindig und abgesandelt verschmäht wurde, erfreut sich jetzt wachsender Beliebtheit. Statt des "Fight Club", in dem vor allem tschetschenische Jugendliche das Kräftemessen übten, stehen dort jetzt Sonnenschirme, Liegestühle und Food-Trucks.

Anrainer als Experten

Johanna Reiner und Isabel Termini haben sich der Erforschung der Gegend angeschlossen und sind mit ihrem Projekt des "Eintagsmuseums" in den CopaContainer gezogen. Herkömmlichen Strategien eines Museums entziehen sich Reiner und Termini bewusst: "Der Begriff ist ein Widerspruch in sich, da Museen eigentlich Dinge bewahren", erklären die Initiatorinnen.

Für kurze Zeit fokussieren Reiner und Termini ihre Arbeit auf ein Thema und stellen Gegenstände, die ihnen dort unterkommen, aus. In diesem Fall greifen sie auf die Arbeiten der Uni-Gruppe zurück. "Wir wollen lokale Menschen als Experten begreifen", erklärt Termini die Arbeitsweise. Auch Lehn verfolgt diesen Weg: "Alltagswissen wird meist marginalisiert", sagt die Architektin.

Der CopaBeach, der jetzt eine richtige Promenade hat, ist jedenfalls aufgeputzter als zuvor. Dass nur mehr Anzugträger herkommen würden, kann die Forschungsgruppe nicht bestätigen. Mit den gastronomischen Angeboten im mittelpreisigen Sektor und durch die Bummelatmosphäre hat sich aber durchaus einiges verändert: Boxende tschetschenische Kids passen jetzt einfach nicht mehr ins Bild. (Vanessa Gaigg, 20.09.2016)

Ausstellung zur Wandlung der Copa Cagrana

Am 30. September 2016 werden der CopaContainer und das Eintagsmuseum zwischen 14 und 21 Uhr die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentieren.

Vorläufiges Programm:

Eintagsmuseum – Erzählcafé zu Transformationen an der Copa Cagrana
Jakob Grabher – Fotodokumentation: Von der Copa Cagrana zum CopaBeach (siehe Fotostrecke)
Lisa Ungerhofer und Marina Resch – Filmdokumentaion des Studienprojekts
Florian Hofer – Historische Untersuchung des Inundationsgebiets
Ella Felber – Logbuch Klanglandschaft
Max Klammer – Landschaftsstudien

Ort: CopaContainer neben Fahrrad Walter, Am Damm, Copa Cagrana, 1220 Wien

Mehr Infos unter: CopaContainer, Eintagsmuseum

foto: jakob grabher

Jakob Grabher hat die Entwicklung der "Copa" in den letzten Monaten fotografisch festgehalten. Auf diesem Bild: die Donaucity, von der Donauinsel aus gesehen.

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foto: jakob grabher

Eine der letzten Bauten der Copa Cagrana kurz vor dem Abriss im Frühjahr 2016.

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foto: jakob grabher

Abriss der letzten Lokale der Copa Cagrana.

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foto: jakob grabher

Nach dem Rückbau der temporären Bauten kommen Fragmente der ursprünglichen Landschaftsarchitektur aus den 70er-Jahren wieder zum Vorschein.

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foto: jakob grabher

Die herausgehobene Struktur besteht nicht nur aus Mauern, ganze Räume werden nun wieder sichtbar und zugänglich.

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foto: jakob grabher

Eine vielschichtige Oberfläche zeugt von vergangenen Nutzungen.

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foto: jakob grabher

Kante der Autobahnüberplattung, in Richtung Nordwesten fotografiert.

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foto: jakob grabher

Abendsonne am Ufer der Copa Cagrana im Frühling 2016.

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foto: jakob grabher

Abendsonne leuchtet die Arkaden aus.

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foto: jakob grabher

Derzeit werden die Arkaden leider nur als Lagerraum der umliegenden Lokale genutzt.

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foto: jakob grabher

Der CopaBeach.

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foto: jakob grabher

Der CopaBeach am Abend.

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