Polizeihubschrauber suchte in Kumberg nach Flüchtlingskindern

15. September 2016, 22:10
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Familie aus dem Irak sollte rückgeschoben werden, zwei Kinder tauchten unter – Kumberger Bevölkerung organisiert Lichtermeer

Ein besonders spektakulärer Versuch einer Rückschiebung von zwei Volksschülern aus dem Irak sorgte im steirischen Kumberg für Aufregung.

Eigentlich könnte die rund 3.800 Einwohner zählende Gemeinde im Bezirk Graz-Umgebung ein Musterbeispiel für Integration sein. Zwei Flüchtlingsfamilien wurden hier aufgenommen und mithilfe der Bevölkerung, der Caritas und der Sportvereine bestens integriert.

Aus Angst weggelaufen

Am Donnerstag nahm diese Entwicklung aber für zwei Flüchtlingskinder – einen Buben, der die dritten Klasse Volksschule in Kumberg besucht, und seine Schwester, die in die zweite Klasse geht – eine böse Wendung. Die Polizei stand vor der Tür, um die Familie nach Kroatien rückzuschieben. Der Bub und das Mädchen bekamen es mit der Angst zu tun und liefen davon – offenbar in den Wald hinein, während die Polizei mit Hubschraubereinsatz nach ihnen suchte.

Nicht nur auf einer eigens eingerichteten Facebook-Seite zeigen sich Kumberger erschüttert über die Aktion. Barbara van Zutphen, eine empörte Bürgerin, macht sich zudem in einem offenen Brief an die Bundesregierung und Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) Luft: "Sehr geehrter Herr Minister Kurz, haben Sie das gemeint, als Sie alle aufgerufen haben, zu helfen? Haben Sie das gemeint, wenn Sie über gelebte Integration gesprochen haben?", schreibt die Frau darin und fordert den Minister auf: "Kommen Sie nach Kumberg. Gehen Sie in die Volksschule und erklären Sie den Kindern, was hier passiert ist. Erklären Sie den Buchstaben des Gesetzes, erklären Sie, dass das Gesetz nicht menschlich ist."

Am Abend wurde bekannt, dass die Rückschiebung kurzfristig ausgesetzt wurde, die Kinder sollen mittlerweile in Sicherheit sein.

"Hubschrauber ist ja nicht bewaffnet"

"Der Hubschraubereinsatz war nur ein Teil der Fahndung, und ein Hubschrauber ist ja nicht bewaffnet, ich weiß nicht, wie Sie sich das vorstellen", sagt Polizeisprecher Fritz Grundnig dem STANDARD am Donnerstagnachmittag auf telefonische Nachfrage. Ob das für Kinder nicht ein etwas einschüchterndes Mittel sei? "Für uns ist das egal, welche Personen da abgängig sind – ein Hubschraubereinsatz ist an sich eine sehr praktische Methode. Das entscheiden die Beamten, die an dieser Suche beteiligt sind, ob Hubschrauber zum Einsatz kommen", so Grundnig. Die Suchaktion war am späten Donnerstagnachmittag noch nicht abgeschlossen.

"Mit einer solchen überzogenen Maßnahme droht, dass, wie etwa von der Schule der Kinder berichtet wird, hervorragend integrierte Kinder neuerlich traumatisiert werden", kritisierte indes die grüne Landtagsabgeordnete Sabine Jungwirth, die von einer "Hubschrauberjagd auf Kinder" spricht, den Einsatz in einer Aussendung. "Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Polizei hier eine solch unsensible Maßnahme wählt!" Man plane auch eine parlamentarische Anfrage an das Innenministerium, ob hier das gelindeste Mittel gewählt wurde, heißt es aus dem Büro der steirischen Grünen.

Die Volksschule der Kinder und Bürger Kumbergs organisieren für Donnerstagabend ein Lichtermeer für die betroffene Familie, an dem etwa 500 Menschen teilnahmen. Titel der Veranstaltung: "Ein Ort sagt Nein zur Abschiebung von Freunden". (Colette M. Schmidt, 15.9.2016)

  • Lichtermeer in Kumberg
    foto: © lichtbildnerei.at

    Lichtermeer in Kumberg

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